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Die Wahrheit · 1902-11-07 · Heft 42 (7.11.1902) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 42 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaction und Administration:! Wien, H/i. Novaragasse 27. j K. k. österr. Po'rkvarcassa Check-Conto Nr. 846.251 Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements» und Jnserationsbeträge sind in Wien zahlbar! und klagbar.! Verugsxreis: j Ganzjährig. . . 4t 12.— i Halbjährig . ... St. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... St. 10.— Evscheint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit l“~ Für Ausland.: Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Rubel o-'er 16 Fc» Nr. 42. Wien, 7. November 1902. Inhalt: Die Werthschätzung von Arbeit und Handwerk im Judenthume. — Judenmifsion. — Die socialen Verhältniße der Juden in Deutschland. — Wissenschaft oder -- Gelehrsamkeit. — Verschiedene Nachrichten. — Berzigjähriges Amtsjubiläum. — Hallel wesimroh. — Litteratur. — Vorlesungen im Wiener Bet Ha-Midrasch im Wintersemester 1902 —1903. Wir ersuchen die Kreunde und Aönncr unseres WLattes dasselbe durch möglichste Aerbreilung zu fördern und bitten den Fränumeralionsbetrag für das am 1. Hclober begonnene IV. Quartal umgehend einzusenden. Die Redaction. Die Werthschätzung von Äröeit und Handwerk! im Judenthume. Ein eigenes Mißgeschick verfolgt unser Jndenthnm. Selbst von seinen Freunden wird es oft gar verkannt. Dass moderne Denk- und Anschauungsweise sich mit dem . Judenthume nimmer vereinigen lassen, zählt nachgerade zu den . geläufigsten Vorstellungen unserer Zeit. Wie Viele kehren nur ' um deswillen allein ihrem Judenthume den Rücken, weil sie . es ihrem modernen Empfinden, das Halbheiten nicht dulvet, schuldig zu sein glauben. Andere wieder, die zu ihrer Ueberraschung sich im Herzen darauf ertappen, was man heimliche; Liebe zu der Väter Art nennt, glauben wieder am besten zu; thun, wenn sie in der Oesfentlichkeit möglichst wenig davon verlauten lassen. Das könnte, fürchten sie, sonst den Argwohn! aufkommen lassen, sie wären in der Cultur weit znrückge-; blieben. Es ist daher nur als ein glücklicher Zufall zu begrüßen, wenn Vorkommniße des öffentlichen Lebens uns unseren; jüdischen Standpunkt in einem Lichte zeigen, vor dem die! dichte Nebelhülle der gangbarsten Vorurtheile in ein reines j Nichts zerfließen muß. > Es hatte jüngst ein Bäckerlehrling viel von sich reden j gemacht, der neben seinem Handwerk sich in den Mußestunden j .mit den Lehrgegenständen der Realschule beschäftigte. Die? 'Innung verweigerte ihm schon aus diesem Grund, ohne der! Frage, ob seine Fähigkeiten für den erwählten Berus hinj reichend wären oder nicht, nur näher zu treten, die Freisprechung, I und die Wiener Handels- und Gewerbekammer gab ein Gut-., achten im gleichen Sinne ab. Offenbar war hierbei die An-! sicht maßgebend, dass Handwerk und eine gewisse gelehrte Bildung schlechterdings unvereinbare Dinge sind. ' Auf eine Kritik dieses Urtheils soll hier nicht eingegangen; werden. Nur so viel sei gesagt: zhat dasselbe dem modernen j Empfinden nicht entsprochen — so würde es vom Standpunkte des Judenthums geradezu verworfen werden müssen. Es ist bezeichnend genug, dass die Thora, der ihrem Character als j | Offenbarungsquelle gemäß, nur die religiösen und moralischen j Dinge nahegehen, die Erfinvung des Flöten- und Zither-; spieles, wie nicht minder die Herstellung der ersten Werkzeuge! (I. B. IV, 21) als epochale Erscheinungen ansieht, denen auch j von ihrem Standpunkte die höchste Bedeutung beizumessen sei. Ohne Zweifel war hier die Ueberzengnng maßgebend, dass ebenso wie die Werkzeuge der Kunst dem Menschen ein Mittel bieten, die Stunden der Muße ans eine wahrhaft vornehme Weise zu verbringen, diejenigen der Arbeit die Mittel zur Erhaltung des Lebens um ein so Bedeutendes erweitern. Dem Kampfe um den Unterhalt wird hiedurch vieles von seiner entwürdigenden Härte und Grausamkeit geuommen und das Leben in der Gesellschaft immer menschenwürdiger gestaltet. D is ist es, was diesen Errungenschaften auch vom Standpunkte der Religion ihre Bedeutung verleiht. Eine jüdische Akademie würde die Frage: ob der Fortschritt der Künste und Wissenschaften auch die Moralität des Menschengeschlechtes gefördert, keineswegs, wie dies Rousseau seinerzeit gethan, im negativen Sinne beantwortet haben. Ueber den Mann, der im Judenthume zuerst Handwerk und Kunstgewerbe gepflegt hat und dem es den schmucken Bau seines Heiligthums verdankte, Bezallel, schüttete es ein ganzes Füllhorn der feierlichsten Lobeserhebungen aus. Ihm wird nicht blos Weisheit, Einsicht und Erkenntnis nachgerühmt, sondern auch vom Gottesgeiste lässt in die Thora beseelt erscheinen. Eine Rahmeskrone legt sich um iein Haupt, wie deren so leicht kein Priester oder Prophet theilhaft geworden. Einen feierlichen Ton schlägt die sonst schlicht dahinfließende Erzählung herbei an, wie er sonst nur bei der Schilderung meffianischer Dinge vorkommt. (ll. B. M., XXXI, 3.) So fand es auch Moses mit seiner Würde ganz gnt vereinbar, das Slistszelt aufzustellen und wieder anseinanderzulegen. Hammer und Meißel musste er gar trefflich zu führen verstanden haben, als es galt, die neuen steinernen Tafeln auszuhauen. Ja, die ganze Sprache, die sowohl er als seine Nachfolger, die Propheten, führen, athmet in lebhaften Zügen jene Urwüchsigkeit, die nur in steter Berührung mit dem wirklichen Leben gewonnen wird. Hammer und Meißel, Pflug und Acker, der Hirt mir seinen Schafen, der Vogelsteller auf der Lauer, der Schnitter ans seinem Acker, der Winzer bei Lese, der Bäcker mit seinem Sauerteig, der Reiter aus seinem Saumthiere — von ihnen entlehnen sie Vergleiche und Bilder, die bei der Darstellung ihrer Gedanken stets bei der Hand

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