Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 41 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Festen.-nlUM. Llintliren-Leitung. *r. 41 Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22 Iahrg. Wir ersuchen die geehrten Herren Collegen um Ein- MnduBg der Abonnementsgebühr für das am 1. Oktober begonnene 4.<|«iartai und um Begleichung der Rückstände. Dte Redaetion. Organisation Md Fachdlatt. Von M. T i ntn e r-Vunzlau. Dem Triebe nach Geselligkeit entsprechend, haben sich die Menschen zusammengefunden, bilden Familien, Gemeinden, Staaten. Die innigste Gemeinschaft ist naturgemäß die Familie. Zu dieser haben die einzelnen Mitglieder dieselben Leiden und Freuden, dieselben Jntereffen, ja zumeist auch dieselben Wünsche und Hoffnungen. Was Wunder, dass da die einzelnen Glieder der Familie eng aneinander hängen, dass sie sich gegenseitig ihr Herz ausschütten. dass sie gerne über ihre Wünsche und Hoffnungen mit einander sprechen. Selbst dann, wenn das innige Band der Familie getrennt, wenn das eine Kind hierhin, das andere dorthin versprengt wird, selbst dann bleibt die Familie im innigen Zusammenhänge, im geistigen Verkehr. Schriftliche Berichte gehen hin und her und geben ausführliche Kunde vom- Leben und Streben der einzelnen Familienmitglieder. Nun, meine lieben Collegen, eine, solche Familie bilden auch wir. Haben wir nicht auch dieselben Jntereffen, dieselben Leiden und Freuden, dieselben Wünsche und Hoffnungen? Und wenn zwei Cantoren Zusammenkommen, schütten sie da nicht gegenseitig ihr Herz aus? Sprechen sie nicht da von ihren Wünschen und Hoffnungen? Fürwahr, wir Cantoren bilden alle eine Fauülie. Aber die einzelnen Mitglieder dieser Familie sind zerstreut; sie kommen selten zusammen. Au Stelle des mündlichen Gedankenaustausches muß der schriftliche treten. Wie soll nun dieser schriftliche Gedankenaustausch beschaffen sein? Sollen wir Briefe wechseln? Das können wir gewiss nicht annehmen. Die Gründe, die eine solche Art des schriftlichen Verkehrs verbieten, liegen ja klar auf der Hand. An Stelle des Briefes soll das Fachblatt, die Fachzeitung treten. Tie Fachzeitung, ja das ist das geistige Bindemittel, das ist das Band, welches alle Glieder unseres Standes umschlingen soll. Das Fachblatt ist der Ort, wo die Gedanken zwischen den einzelnen Collegen ausgetauscht werden können, da tritt der eine dem anderen geistig nahe, da lernt der eine vom anderen. Im Fachblatt sollen die Collegen sich gegenseitig aussprechen, sollen sie sich Rath erholen bei dem Erfahrenen und practisch Aelteren. Das ist der Boden, auf dem die wahrhafte Collegialität, die Bruderschaft des Geistes wirklich gedeihen kann. Das Fachblatt erhebt den Cantor -auch aus dem Bereiche des Alltäglichen, erhebt ihn in die reinere Welt des Idealen und Wahren durch seinen geeigneten Inhalt. Das Fachblatt macht die Erholungsstunden zu geistig anregenden und belebenden, zu Herz und Geist erquickenden Stunden. Es soll der geistige Mittelpunkt der Cantoren sein. Das ist nur die eine, wenn auch erhabenste Seite.. Auf der anderen Seite tritt das Fachblatt ein für die Rechte der Cantoren und Cultusbeamte, es verficht auch deren materielle Jntereffen, will die Missstände des Cultusbeamtenstandes beseitigen und ihn auf eine höhere Stufe erheben. Will jemand von uns leugnen, dass bei uns noch viele Missstände, besonders in materieller Beziehung vorhanden sind. Ich erinnere «nr an die Anstellung auf Contract, an das Damoklesschwert der Kündigung, an die manchmal recht erbärmlichen Gehälter, au die oft erniedrigende Behandlungsweise seitens der Gemeindepaschas. Mit flammendem Wort tritt die wirkliche Fachzeitung ein für die Abstellung dieser Missstände und Eingriffe — und der Erfolg wird auch nicht ausbleiben; denn steter Tropfen höhlt den Stein. /. Soll das Fachblatt aber die Jntereffen der Cantoren wirklich vertreten können, soll es die Wünsche des ganzen Standes zum Ausdruck bringen, so muss es auch von Wen gelesen werden. Ja, es ist eine heilige Pflicht jedes Cultusbeamten, sein Fachblatt zu lesen. Wo finden wir heute einen Stand oder einen Beruf, dessen Mitglieder nicht ein Fachblatt lesen? Ja, sogar jeder Arbeiter liest heute sein Blatt. Sollen wir zurückstehen? Darum ergeht der Ruf an alle Collegen: «Leset Eure Fachzeitung!" Ihr nützt Euch dadurch nur selbst. Ihr vertretet dadurch nur Eure eigensten Interessen. Ja, aber so können wir fragen, welches Blatt ist denn unser Fachblatt? Es gibt ja v»ele jüdische Zeitungen, welche die Interessen des Cantorenstandes zu vertreten vorgeben. Ob diese Zeitungen dies thun oder nicht, wollen wir hier nicht untersuchen. Es handelt sich lediglich um die Frage: Besitzen wir ein Blatt, welches wirklich unser Fachblatt sein kann, oder nicht? Ich freue mich, diese Frage bejahend beantworten zu können. Ja, wir besitzen ein Fachblatt. Es ist die „Wahrheit", mit ihrem Beiblatte „Oesterr. - Ungar. Cantoren-Zeitung", herausgegeben von einem verdienstvollen Collegen. Dies ist die Zeitung, welche es, verdient, unser Fachblatt zu sein, u. zw. weil sie durch viele Jahre ernstlich und erfolgreich für die Jntereffen der Cantoren eintritt und weil sie durch ihren gediegenen Inhalt und durch ihren vornehmen Ton recht wohl ittlstande ist, die Aufgaben zu erfüllen, die unserem Fachblatte gestellt sind. Drum, liebe Collegen, abonnirt die „Wahrheit". Es würde den Werth der Zeitung herabsetzen, wollte man ihre Vorzüge noch mehr hervorheben. Die „Wahrheit" spricht für sich selbst. Druni nochmals Collegen, bestellet unser Fachblatt und leset es, Ihr werdet es nicht bereuen! (Ein zweiter Artikel folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Der Präsident der Wiener Cultnsgemeinde, Herr kaiserl. Rath Heinrich Klinger, der, wie bereits gemeldet wurde, anlässlich seines 70. Geburtstages zahlreiche Wohlthätigkeitsacte übte, hat auch dem österr.-ungar. Cantorenvereine eine Spende von 200 Kronen zugewendet. Wien. Ein seltenes Fest, die diamantene Hochzeit des greisen, aber in seltener geistiger und körperlicher Frische erhaltenen Ehepaares Jacob und Rachel Marmarosch, wurde im Stadttempel während des Gottesdienstes am Simchat-Thoratage gefeiert. Nachdem der Jubelgreis' als Mastir, zur Thora gerufen worden war und namhafte Beträge zu wohlthätigen Zwecken gewidmet hatte, wurde das Jubelpaar zu Ehren- Plätzen vor dem Schulchan geleitet, und Oberrabbiner Dr Güdemann hielt an dasselbe eine schöne, dem Feste entsprechende Ansprache, in welcher er auf die besondere Gnade, die Gott dem fubilirenden Ehepaare zu Thei! werden ließ, mit beredten und treffenden Worten, hinwies. Vorher hatte Obercantor Singer einen Mijcheberach recitirt, den die ganze Gemeinde stehend anhörte. Dem Festacte wohnten das. Präsidium der Cultusgemeinde mit mehreren Vorstandsmitgliedern, die Familienangehörigen und zahlreiche Gemeindemitglieder bei. Wie«. Sonntag, den 26. d. Mts., 3/42 Uhr Nachmittags, fand im Stadttempel die Trauung des Fräulein Sophie Heit mit Herrn Emil Reinitz statt. In Anbetracht der außerordentlichen Sympathien, die der ' Brautvater, Herr Ortsschulrath S. Heit, infolge seiner mannigfaltigen gemeinnützigen Wirksamkeit in den Kreisen der Wiener - Cultusgemeinde und der weiteren Wiener Gesellschaft genießt, wohnfe dem. Trauungsacte, den Oberrabbiyer Dr. .Güdemann und Obercantor Singer vollzogen, ein zahlreiches Publicum bei. - Eine Stunde später vereinigte sich eine' gleich zahlreiche Gesellschaft bei der Trauung des Fräulein Margit