Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 41 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 41 Die Wahrheit. Seite 7. aus Deiner Thora Wunder schauen!" (Psalm 119, 19 und Tr. Broch. 3.) Viele Erfindungen müssen den Patriarchen und nur wenige den späteren Juden zngeschrieben werden. Jedoch gebührt diesen/das großes Verdienst, dass sie in Folge ihrer lobenswerthen Aengstlichkeit für die Aufrechthaltung des correcten hebräischen Bibeltextes die vielen Erfindungen unverfälscht erhalten haben, sonst wären wahrscheinlich auch hier, wie in den verschiedenen Uebersetzungen der Bibel und in den vielen Bibelcitaten im Neuen Testamente, Jneorrectheiten (manche in tendenziöser Absicht) eingeschmuggelt worden. So aber haben wir treue Berichte über die in dritthalbtausend Jahren seit Erschaffung der Welt bis zur sinaischen Offenbarung gemachten Erfindungen. Der berühmte Dr. Abr. Geiger, weil. Rabbiner in Breslau, wagte es in seiner „Urschrift" (1865) die Jncorrectheit des hebräischen^ Bibeltextes kritisch zu beweisen. Aber der große Gelehrte Salom. L. Rapoporr, weil' Oberrabbiner in Prag> wies ihm in seinem hebräischen Buche mvr n*?na II. Thl. Oberflächlichkeit; Unkenntnis, Lauheit, Hochmuth, Entstellungen, bodenlosen Hypothesen auf sehr vielen Stellen gründlich nach. Es ist jedenfalls sehr bedauerlich, dass,ein Geiger, der durch seine vielen gelehrten Arbeiten dem Judenthu.m Ehre machte und dasselbe gegen äußere Angriffe heldenmüthig vertheidigte (S. sein „Offenes Schreiben an Prof. Franz Delitsch"), durch seine /,Urschrift", in welcher sein mächtigster Boden erschüttert wird — ihm eine tiefe Wunde beigebracht hat. Das Schlimmste dabei ist, dass verhältnismäßig sehr Wenige von denen, die die -Urschrift" gelesen, auch Rappoports hebräische Widerlegungen gelesen haben. Daher dürften die Leser der „Urschrift" dieselbe für eine heilige Schrift halten. Wer wagte zu denken, dass Geiger solche Sophisterei schreiben und sich solch greller Jrrthümer in der Bibel zu Schulden machen wird? Arrs diesem Factum folgen zwei wichtige Lehren. Erstens, dass wir in einer Kritik besonders über Bibel und Talmund große Vorsicht gebrauchen sollen. „Ihr Weisen seid vorsichtig in eueren Reden." (Ab. I, 10.) Zweitens, dass wir solcher Kritik, mag auch ihr Verfasser ein berühmter Gelehrte fein, nicht sofort glauben sollen. „Gerecht ist der Erste in seinem Rechtsstreite, dann kommt sein Nächster und durchforscht ihn." (Spr. 18. 17) (Fortsetzung folgt.) Nor dem französischen Kriegsgericht. Episode aus dem deutsch-französischen Kriege, nacherzählt von Jos. Eppstein. (Fortsetzung.) IV. Der 18. September war der erste Tag Selichoth. Fast die ganze Gemeinde hatte sich beim Früh-Gottesdienst in der großen Synagoge zusammengefunden, denn erstens war Metz damals noch eine ziemlich fromme Kehilah, anderseits hatte aber auch der Ernst der Zeit, der schon in diesen Tagen auf den Gemütheru schwer zn lasten anfing, auch den minder religiös Gesinnten bestimmt, in das Haus Gottes zu eilen und den Lenker von Krieg und Frieden um Hilfe und Rettung zu bitten. Selbstverständlich befand sich auch Moise unter den Flehenden; er wusste selbst nicht warum, es war ihm beklommen ums Herz und andachtsvoll lauschte er den alten, stimmungsvollen Weisen, welche der Borbeter vor der heiligen Lade anstimmte. Eine Sehnsucht überkam ihn nach seinem kleinen Städtchen, als wäre er schon Jahre lang von dort entfernt. Wie wollte er Gott danken, wenn er wieder bescholaum zu Haus», aus all den Wrrsalen glücklich heraus, wenn Frieden im Lande und ex nochmals ruhig und sicher im bekannten Geleise seinen Beschäftigungen nachgehen könnte. Wie er selbst, so würden gewiss Tausende frei äufathmen. die thörichterweise in die Festung geeilt, um hier, wie sir anfangs geglaubt, in Sicherheit vor dem Feinde zu fei», oder aber um Hierselbst besseren Erwerb zu finden. Scho» heute sahen die Eingesessenen scheel dazu, wenn es den Eingewanderte» gelang,'geschäftlich etwas zu erreichen, und mit der Sicherheit war es auch so eine Sache. Das Geknatter der Flinten und das Brummen der Kanonenkugeln belehrte Jeden über den Ernst der Lage. Was würden die weiteren Tage bringen 7 Diese Gedanken bewegten ihn dann noch, als er ia seiner kleinen Wohnung sich befand, und gaben ihm keine Ruhe — als plötzlich ungestüm an die Thure geklopft und auf sei» „Herein!" ein Sergeant mit zwei Soldaten in der Thüre sfichtbar wurden. „Wohnt hier C. Moise aus St. Arold?" „Jawohl, mein Herr!" „Sind sie selbst der Herr Moise?" „Aber ja, ich bin es selst." „Sie haben mir zu folgen!" „Warum und wo wollen Sie mich hiuführen?" „Ich weiß es nicht und habe Ihnen keine Rechenschaft abzugeben. Sie haben mir zu folgen und zwar gleich." Moise war allein in der Wohnung, sein Sohn ausgegegangen, bei den Hausgenoffen wollte er kein Aufhebens von der Sache machen, zumal er auch thatsächlich sich nichts Unrechtes bewusst war; so machte er denn gute Miene zum bösen Spiel und gieng ziemlich gefasst mit seiner ungebetene» garäs d'honneur die Straße entlang. Er erregte auch mit feiner Begleitung weiter kein Aufsehen, denn es war in diesen bewegten Tagen nichts Außergewöhnliches, dass ein Civilist, von Soldaten bewacht, des Weges wandelte — äla guerre comme ce la guerre —.der Soldat war eben unumschränkter Herr geworden. Der Weg war nicht weit, auf der Place d’ärmes wurde er in die große Hauptwache, die daselbst fast die eine ganze Seite des Platzes einnimmt, gebracht. Auf seine Frage, was man von ihm wolle, wurde ihm von dem wachthabenden Lieutenant kurz bedeutet, er müffe hier warten, sich ruhig verhalten, bis die Ablösung der Wache erfolge, dann werde man ihn an seine Bestimmung, den Militär-Gerichtshof befördern, wo ihm weiteres bekannt gegeben würde. Die Stimmung Moises war nicht mehr sehr rosig. Nachgrübelnd, was man wohl von ihm wolle, schaute er dmch die großen eisernen Stangen auf den Platz hinaus. Vielleicht sieht er einen Bekannten, dem er seine Noth klagen und der ihm einen guten Rath ertheilen könnte; auch bereute er es jetzt, seiner Familie nicht einen Zettel hinterlaffen zu haben. Aber Soldaten und nichts als Soldaten fluthen an dem Platz vorbei. Wäret Ihr nicht beffer draußen auf den Wällen? denkt Moise, und würdet die Preußen vertreiben, wie es doch Eures Amtes ist, dass wir Alle aus diesem Loch herauskämen? Aber wie ist ihm denn, geht da nicht ein ihm bekanntes Gesicht in der Mobile-Garden-Uniform mit der Flinte Ms der Schulter gemüthlich vorüber? „Hoch Meyer!" entflieht es unwillkürlich seinem Munde. (Fortsetzung folgt.) €antoren-A nsbildnng. Obereantor Jacob Bauer W'l«n, XX_ Bez., D2 ovarragaaso 27, •rtheilt auch ferner nach bewährter, practisch vielfach erprobter Methode Unterricht in allen cantoralen Fächern. Sprechstunden im Bureau der Redaction „Di# Wahrheit“ („Oesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung“): Vormitttags 9—10 Uhr; Nachmittags 3—4 Uhr.