Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 41 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 41 Die Wahrheit. Seite 9. Grünfeld, Tochter desUniv.-Docentent Dr. Josef Grünfeld und der Präsidentin des „Ferienheim", Frau Sophie^ Grünfeld, mit den» Hof- und Gerichtsaddocaten. Dr. -Julius Knöpfmacher. '7 Wien. (Die Wahlen in die Wiener Cultusgemeinde.) Samstag den 1. November 1902 veranstalten vie vereinigten jüdisch-nationalen Parteien eine große, allgemein zugängliche Versammlung im Saale des „Weilandhof" (Hannabräu-Cölloffeum") XX, Klöstern epburgerstraße 33, mit der Tagesordnung: Die Wahlen in die Wiener jüdische Gemeinde. Referent Herr Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Leopold Kahn. Hierauf Discussion. Beginn präcise 8 Uhr Abends. «Zemverg. (Direktor Moriz Lazarus) Aus Lemberg wird uns berichtet: In feierlicher Weise würde hier der 70. Geburtstag des wegen seines gemeinnützigen Wirkens bekannten Direktors der Galiziichen Hypothekenbank Moriz Lazarus begangen. Nach dem von Obercantor Heilpern geleiteten Festgottesdienste im Tempel, bei welchem Prediger: Dr. Caro die Verdienste des Jubilars hervorhob, erfolgte die lieber-' reichung zahlreicher Adressen an den Jubilar. Hierauf richteten Reichsraths-Abgeordneter Tr. Byk namens des israelitischen Cultusgemeinde- Vorstandes und Reichsraths-Abgeordneter Piepes-Poratynski namens der: Handelskammer Ansprachen an Direktor Lazarus, der in hochherziger " Weise mit großem Kostenaufwande ein neues, mit modernsten Einrichtungen ausgestattetes Spital in Lemberg erbauen ließ. Budapest Das höchste richterliche Amt, das Ungarn zu vergeben hat, das Senatspräsidium bei der königl. Curie, wird einem Glaubensgenossen, dem bisherigen Senatspräsidenten bei der königl. Tafel, Dr. Sigmund Decsei, übertragen werden. Noch niemals hat bisher ein Jude diese hohe Würde erreicht. Die Wahl Dr. Decseis bedeutet ein erfreuliches Zeichen der in Ungarn bestehenden vollständigen Gleichberechtigung der Juden. Aekovar. Sonntag, den 56. d. M., fand zu Agram das Leichenbegängnis des Herrn Jaques Fleischmann, Cultusvorsteher der hiesigen Cultusgemeinde, unter großer Theilnahme weitester Bevölkerungskreife statt. Mit dem Heimgange dieses ausgezeichneten und reichbegabten Mannes ist nicht . blvs die schwergeprüfte Gattin und Tochter, deren zärtlicher Gatte und Vater er war, in tiefe Trauer versetzt, sondern auch die ganze Gemeinde Belovar hat einen schmerzlichen, unersetzlichen Berlust erlitten. Als Gründer der hiesigen Cultusgemeinde stand er nahezu 25 Jahre an der Spitze derselben und waltete seines Ehren-Amtes als Vorsteher und Gemeinderaih der. Stadtgemeinde Belyvar mit seltener Aufopferung und Selbstlosigkeit. Er erbaute hier das Gotteshaus und fand erst dann seine Befriedigung, als er de» Gottesdienst nach Muster aller größeren jüdischen Cultnsgemeinden eingeführt sah, und der Gemeinde einen sicheren Halt verliehen hatte. Ob seines Wohlthuns und seines hmnanitären Wirkens genoss er die ungetheilten Sympathien aller Bevölkerungsklassen. Punkt halb 4 Uhr stimmte Obercantor Rendi rmter Assistenz des zweiten Captors Weintraub das übliche „üarur tumim" in überaus ergreifender Weise an. Rabbiner Dr. Jakobi gah in tiefempfundenen Worten dem Schmerze und der Trauer gebührenden Ausdruck, worauf Rabbiner Tauber aus Belovar dem Verblichenen einen ergreifenden Nachruf hielt. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer imposanten Sympathie-Kundgebung und gab beredtes Zeugnis von der Verehrung, die sich der so früh Dahingeschiedene erfreute. Zu demselben hatten sich eingefunden: Der Präses der Agramer Cultusgemeinde, Herr Siebenschein mit vielen Vorstands-Mitgliedern, der Vorstand der Cultus-Gemeinde Belovar, Herr Ein. Ebenspanger mit dem Vice-Vorsteher Dr. Rehberger und mehreren Vorstands-Mitgliedern, ferner erschien der Vorstand der Cultusgemeinde Kreuz, Herr Marko Breyer, sowie eine große Zahl von Freunden und Verehrern des Verblichenen. n'2'r'z'n Berlin. Wann ist bei den Juden die Beerdigungsfeier zu Ende? Eine schwierige Frage der jüdischen Religion beschäftigte vorige Woche die dritte Strafkammer am Landgericht EL Wegen Störung einer gottesdienstlichen Handlung war der Kaufmann Joseph W. angeklagt. Es handelte sich um den Ausbruch von Familienfeindseligkeiten am offenen Grabe. Der Angeklagte hatte eine Schwester, die an den Bankier W. verheirathet war, aber bereits im Jahre 1888 verstarb. Sie hinterließ eine Tochter, welche nach Ansicht des Vaters irrsinnig geworden war und deshalb von ihm in eine Irrenanstalt untergebracht wurde, wo es ihr gelang sich aus dein Fenster zu stürzen, wodurch sie sich den Tod zuzog. Am 20. Februar d. I. fand nun auf dem jüdischen Friedhofe zu Weißensee ihre Beerdigung statt. Die Verwandten der Tochter mütterlicherseits waren aber nun stets der Meinung gewesen, daß Frl. W. nicht geisteskrank, sondern nur etwas nervös war, und daß der Vater zur Entwickelung dieser Krankheit durch lieblose Behandlung nicht unwesentlich beigetragen habe. Es hatte sich daher bei den Verwandten eine überaus feindselige Stimmung gegen den Vater herausgebildet, die sich am Grabe Luft machte. Als der Angeklagte die üblichen drei Hände voll Erde in die Gruft warf, sagte er mit lauter Stimme, so daß es alle Umstehenden hören konnten: „Das Kind muß bei der Mutter liegen: Schande über die, die das Kind in den Tod getrieben haben!" Der Angeklagte gab die Thal unumwunden zu, entschuldigte sich aber damit daß eine allgemeine Erregung geherrscht habe. Er habe feinen Schmerz zurückgehalten, aber als alles vorüber gewesen sei, da habe ihn der Schmerz übermannt und er habe mit dem inkriminirten Ausrufe seinem Herzen Luft gemacht. Es entstand nan die Frage, ob in dem Moment, in welchem der Ausruf fiel, die BeerdigungSseier noch fortdauerte oder bereits vorüber war. Der Liturg, Herr Moses, vermochte darüber keine bündige Auskunft zu geben. Er ■ gab °an, zunächst wurde ein Gebet in der Kapelle gesprochen, dann habe! er am Grabe das Schlustgebet verrichtet und drei Hände voll Erde in! die Gruft geworfen: Erhatte den Auftrag, noch zu warten,' bis alle Leidtragenden sich vom Grabe entfernt hätten! ob aber die gotteSdienst-! liche Handlung bis zu diesem Moment währe oder schon mit den | drei Hand voll Erde schließe, wisse er nicht. Es folge dann noch das Kaddischgebet in der Kapelle, zu welchem alle Leidtragenden gerufen : würden, ob dieses aber noch zu der Beerdigungsfeier gehöre, sei ihm un» i bekannt. Der Vertheidiger L. Friedmann bestritt dies. Das Gebet in der : Kapelle pflegte ein ganzes Jahr hindurch täglich stattzufinden und gehören daher nicht mehr, zur Beerdigungsfeier. Da sich selbst durch den Kultusl beamten nicht feststellen ließ, ob in dem kritschen Moment die gottes- ' dienstliche Handlung zu Ende oder nicht zu Ende war, erkanre der Gej richtshof im Einverständnis mit dem Staatsanwalt aus Freisprechung,! weil dem Angeklagten — selbst wenn die rituelle Handlung noch nicht zu Ende war - nicht nachgwiesen werden könne, dass er sich bewußt; war, eine gottesdienstliche Handlung zu stören. Hkaris. Bor kurzem starb der Brigadegeneral der Artillerie B. j Abraham im 79. Lebensjahr. Derselbe stammte aus einer angesehenen I jüdischen Familie aus Nancy, wo sein Vater Mitglied des israelitischen! Konsistoriums war. Nachdem er die polytechnische Schule seiner Vaterstadt bsucht, ging Abraham zum Militär und diente bei der Artillerie von der Pike auf. Seine Tüchtigkeit ließ ihn bald in den Vordergrund treten. Als Hauptmann im Gefolge des Generals Leboeuf machte . er den Krimkrieg mit und erhielt hier für feine tapfere Führung bei . Sebastopol das Ritterkreuz der Ehrenlegion. Auch am italienischen j und am deutschfranzösischen Kriege hat er teilgenommen. Nach dem letz-! teren erhielt er das Offizierskreuz der Ehrenlegion. 1874 wurde er Oberstlieutnant, 1877 Oberst, 1883 General, 1886 trat er etatsmäßig in die Reserve. General Abraham war in seinen Kreisen sehr beliebt und überall angesehen. Er war der ältere Bruder des bekannten Malers; Edouard Moyse, der mit besonderem Eifer Szenen aus dein jüdischen; Leben gemalt hat. Das Leichenbegängnis des Generals fand unter den üblichen militärischen Ehrenbezeugungen statt. Nero-HorK. Die Organisation eines jüdischen Regimentes ist in ' New-Dort zur That geworden. Um Ausschreitungen, wie solche gelegent- ' lich der Beerdigung des Oberrabbiners Joseph dort stattfanden, vorzu-; beugen und bei ähnlichen Vorkommnißen der Polizei in der Aufrechtj erhaltung der Ordnung hilfreich zur Seite zu stehen, haben sich 250 junge Männer jüdischen Glaubens als Regiment organisirt und zu diesem Zwecke ihre Jncorporationsvapiere von einem Richter unterzeichnen taffen. Reiche Glaubensgenoffen haben Gewehre und andere Waffen zur Verfügung gestellt, geschulte Soldaten leiten die militärischen Exercitien des jungen Regiments. Dasselbe gedenkt die nöthigen Schritte zu ergreifen, um der Nationalgarde des Staates einverleibt zu werden. Regimenter , mit nationaler oder confeffioneller Färbung sollen zwar in den Vereinigten Staaten nicht aufgestellt werden — aber in keinem Lande lässt sich ein Gebot leichter umgehen. LMeratur.! p'jsn — „Hagoren“-. Abhandlungen über d i e Wissen-! s ch a f t des I u d e n t h u m s. HI. Buch. Herausgegeben von S. A. Horodezky. (Berditschew, 1902.) — Bon dieser sorgfältig redigirten Sammelschrisr, von der bereits zwei Theile schon früher erschienen sind, ist nunmehr nach ziemlich langer Pause ein drittes Buch auf den litterarischen Markt gekommen und repräsentirt sich gleich nach Umfang und Inhalt als eine sehr reiche und gute Ernte, welche der gelehrte Herausgeber diesesmal auf dieser „Tenne" eingesammelt hat. Wir muffen unseren Lesern Herrn Horodezky als einen der gelehrtesten Kenner jüdischer Geschichte verstellen, welcher das große Verdienst hat, jüdisches Wiffen in jüdischer, das ist, richttger gesagt, in hebräischer Sprache zu verbreiten. Besonders ist es das bisher so gar nicht beachtet gewesene Gebiet der Biografie und Charakteristik großer Männer in Israel, welches Horodezky mit dem ihn eigenen feinen Verständnis zu behandeln weiß. — So seine beiden größeren selbstständigen Monographien tt9t«awn a», — *now 212 „ über Remah und R'schal. Im vorliegenden dritten Bande des „Hagoren“ finden wir zwei neue kritisch-biographische i Abhandlungen über R' Jizchak Abuhab E, den berühmten Verfasser des „Menoi’ath ha-maor“, und R. Gerson Askenasi, welche eine sehr treffliche; Charakterisirung dieser beiden Größen der rabbinisch-philosophischen! Litteratur entwerfen. Die übrigen Mitarbeiter dieses dritten Buches j sind lauter Namen von bestem Klange, als: Lector Friedmann, Dr. Aj Berliner, Härkany, Dr. Kayserling, Prof. Bacher, Dr. Posnansky, Abr' Epstein, Schulmann, die beiden Kahane, Dr. Lewenstein, Rabbiner Lewenstein und noch Andere. Beiträge von tief«» Gehalte, die jeden Kenner mit großer Befriedigung erfüllen müssen, da sie schon vom Gesichtspunkte des hebräischen Styles allein, einen.großen Fortschritt in! der steigenden Entwickelung der Sprache bekunden und den gelehrten! Leser erfreuen werden. JBS.