Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1902-10-31 · Heft 41 (31.10.1902) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 41 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063113-3063154--02160-3068813
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Heile 6 Die Wahrheit. Nr. 41. zu ganz ander«», als den von unseren Religionsreformatoren beliebten, stach nivellirendcn. Kein altehrwürdtger Gebrauch sollte mir abgeschafft, kein hebräisches Gebet verstümmelt, oder nur in deutscher Uebersetzung vorgetragen werden, kein Festtag kein Sabbat verkürzt, oder gar auf einen katholischen verlegt werden. Vorbeter und Sänger dürften mir keine feelenlosen Instrumente sein; ich würde vielmehr darauf halten, dass die Gebete und Gesänge von frommen Männern und Knaben vorgetrageu würden, die nicht nur den Ansprüchen der Kunst, sondern auch der Religion genügten. Das Bethaus ist kein Theater und die Vorsänger wie die Prediger sollen etwas anderes, als gute Comödianten fein. Was nicht aus dem Herzen kommt, kann nicht zu den Herzen gehen. Die Gebete, Gesänge und Predigten solcher, die unseren heiligen Nationalcultus für eine veraltete Institution halten, können nicht erbauen; sie erregen in mir stets nur einen unüberwindlichen Ekel. Kurz, ich würde alles begünstigen, was zur Erbauung und Belehrung der Gemeinde beitragen kann, ohne unseren alten CuÜus zu untergraben. Im Schoße meiner eigenen Familie würde ich streng daraus halten, dass unsere Traditionen beobachtet würden, wenn ich auch keinem dogmatischen Eiferer nach christlichem Zuschnitt das Recht einräume, mir seine Satzungen oder Glaubenssätze auszudrängen. Hiermit wäre dem Frieden in den jüdischen Gemeinden und dem religiösen Bedürfniße jedes Juden, gleichviel zu welcher Lebensanschauung er hinneigt, ein besserer Dienst erwiesen, als mit Reformen, die jeder geistliche Stümper nach eigenem Muster zuschneidet nnd die schließlich auf den „inhaltslosen Nihilismus und die schrankenlose Anarchie hinauslaufen, welche nur Verwüstung in allen jüdischen Gemnthern anrichten und unsere jüngeren Generationen mehr und mehr dem Judenrhume entfremden." (Rom und Jerusalem S. 42.) „Die Reform hat nichts weiter gethan, als die au sich bodenlose Negation zum Prinzip erhoben, oder, wie gesagt, den Unglauben constatirt. Man fouute ihr diesen Ruhm lassen, wenn sie sich nicht dabei' die Miene gegeben hätte, auch ein Positives in petto zu haben, wenn sie nicht, die christlichen Reformatoren einer früheren Zeit nachäffend, die Bibel im Gegensätze zum Talmnd als positive Norm für das regenerirte Judeuthum anfgestellt, durch diesen Anachronismus, der obendrein ein Plagiat, — ein Plagiat fremder Geistesbestrebnugen ist, mit welchem das Judenthum nichts auzufaugen weiß, — sich lächerlich gemacht hätte." (A. a. o. S. 43.) „Die modernen Religionsreformationen und Religiousfabrikanten sind Sektiker ohne Sekten. Jeder von unseren jüdischen Protestanten bat seinen eigenen Codex." (Das. S. 52.) „Sie find im Jrrthum, liebe Freundin, wenn Sie glauben, nur unsere sogenannten Aufgeklärten hätten sich mit der Cultur und Wissenschaft der Zeit vertraut gemacht; unter den frommen Juden dagegeu herrsche noch greifbare ägyptische Finsternis, die der Wiedergeburt unserer Nation ebenso nachteilig, wie der moderne Jndifferentismus. Seitdem ich mich der Sache meines Volkes widme, habe ich, theils durch persörrlichen Umgang, theits durch ihre- Schriften, fromme Inden kennen gelernt, sowohl der älteren, wie der jüngeren Generation, welche keinem aufgeklärten an wissenschaftlicher und litterarischer Bildung uachstehen, dabei aber die nationale Vergangenheit und Zukunft unseres Volkes bester zu würdigen wiffen, als jene aufgeklärten Köpfe, welchen der philosophische Geist und historische Sinn fehlt." (A. a. O. S. 47.) (Fortsetzung folgt.) Die Ärlden und der Talmud. Bo« Israel Singer, emerit. Lehrer in S. A. Ujhely. XI. Jede Kuusterfindung hat den Zweck, die Gefahren oder Beschwerden des Lebens zu beseitigen, unseren Kampf mit demselben möglichst zu erleichtern und das Leben uns angenehm zu machen. Dies geschieht zumeist durch planmäßige Umwandlung der Naturkörper in Kunstprodukte, die uns bessere Dienst als im rohen Naturzustände gewähren. Zu dieser Umgestaltung hat Gott gleich nach der Schöpfung dem Menschen die Macht und Herrschaft verliehen. „Du Gott setztest ihn, den Menschen, zum Herrscher über die Werke Deiner Hände, Alles legtest Du zu seinen Füßen." (Psalm 8, 7.) Aber der Mensch darf sein Kunstwerk nicht, wie die Heiden ihre Kunstgebilde, göttlich verehren: „Mit wem wollet ihr Gott vergleichen? und was ist die Aehnlichkeit, die ihr ihm entgegenstellet?" (Jes. 40, 18.) Auch darf, er seine Herrschaft nicht gegen Gottesgesetz naturwidrig missbrauchen. Er muß,sich blos als Werkzeug in Gottes, des Schöpfers, Hand betrachten und ihm gehorchen. „Rühmt sich wohl die Axt gegen den dämit Hauenden? Oder macht sich die Säge groß gegen den sie Schwingenden? als schwänge die Ruthe, den sie Hebenden? als hübe der Stock, den, der kein Holz ist?" (Jes. 10, 16.) Das beste Mittel, um nicht in gedachte Jrrthümer zu gerathen, ist: dass der Mensch stets strebe, sich selbst zu veredeln und zu vervollkommnen. Denn auch der Mensch ist theilweise ein Naturprodukt. (Tr. Kid. 30 und Nidah. 41.) Erst durch gute Erziehung wird er' ein edles Kunstprodukt. (Plato.) Diese Erziehung Beginnt früher seitens seiner Erzieher und nachher durch seine Selbsterziehung, die bis zum Tode des Menschen dauert. (Ab. 11,4). „Die Frommen schreiten von Macht zu Macht, nähern sich der Gottheit". (Psalm 84 und Jalk. z. St.) Deshalb heißt es im oben angeführten 8. Psalm früher: Aus dem Munde der Kinder o'SSiy hast Du ®ott Deine Macht gegen die Bösen gegründet. Diese Macht liegt in der guten Erziehung; hiedurch wird der Mensch würdiger Herrscher über Gottes Geschöpfe, über seine Welt. In diesem Sinne ist die Bemerkung des Midrasch Jalkut zur Stelle zu verstehen. Auch die Welt aSiyn gab Gott in ihr Herz. (Pred. III., 11.) Hiezu bemerkt der Midr. lies, nicht D^iy, sondern Kinder. Gott gab in das Herz der Eltern Liebe zu ihren Kindern, um für ihre gute Erziehung keine Mühen zu scheuen. Hiedurch werden auch die Kinder würdig, die Herren der irdischen Welt zu werden. (S. auch Midr. Jalkut zu 0. Psalm.) Es gibt auch Erfindungen zur Linderung der Seelen - schmerzen, wie auch zur Erhöhung der Seelenfreuden' des Menschen. Dahin gehören die verschiedenen religiösen Ceremonien oder Gebräuche, die auf unsere Seele ebenso wohlthueud wirken, wie die Kunsterfindnngen auf nuferen Körper. >,Die Lehre des Ewigen ist vollkommen, sie labet die Seele." (Psalm 19, 8.) Mannigfach und zahlreich sind die in der Bibel von | ber Schöpfung der Welt bis zur Anfertigung mitgetheilten Erfindungen und wenn wir auch vielleicht manche derselben geringschätzen, iveil sie uns von Kindheit an bekannt sind, so dürften wir dennoch bei Krinnernng an das bekannte Ei des Kolumbus hierüber beifälliger nrtheilen und uns dem unbekannten Erfindern, wie auch Moses für seine Mitthestungen, dankschuldig fühlen, wie dies namhafte Historiker ällßern. Moses hat uns auch yerostrative Heldenthaten ausgezeichnet, z. B. von Lot und Onan. (S. Gen. 19, 31—38; 38, 8—10.) Von Manchen hat er ihre naturwidrige Thaten nicht ausdrücklich mitgetheilt. Die Mitteilung solcher Geschchniße, die sich kaum so viele Jahrhunderte bis zu Moses traditionell erhalten hätten, find geeignet, vie Behauptung des Talmud zu bestätigen, dass MoseS jedes Wort in der. Thora nur ans Gottes Ausspruch niedergeschriebcn hat. (Jalk. I, 14.) Nur wer die Bibel im Urtexte ganz aufmerksam lernt, der kann die verhüllt mitgetheilten Unthaten herausfinden. Mit solcher Bedachtsamkeit lernten die Bibel unsere.Talmud- und Midraschlehrer und machten auf das, was. Andere nicht bemerkten, .aufmerksam. (S. Raschi Comm. und Midraschim zu Gen. 36, 2, 5, 12 u. 24.) Deshalb betete König David, von dem der Talmud mehr als von einem anderen König berichtet, dass er sich in seiner freien Zeit in gelehrter Gesellschaft mil der. Thora eingehend befasste: „Oeffne, Gott, meine Augell, uno lass mich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.