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Die Wahrheit · 1902-10-31 · Heft 41 (31.10.1902) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 41 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Uv. 41. Me Wahrheit. Kette 5. Maßen in den Dienst des Mammon gestellt — und denjenigen Gottes gekündigt. Nichtsdestoweniger findet Harnak darin auch nicht die Spur eines Widerspruches!! Ich wollte einmal jdas Gezeter sehen, das entstünde, wenn ein Jude sich erkühnte, derartiges als Wissenschaft in die Welt zu setzen! Oder in Math. V, 32 heißt es: „Ich aber sage euch : Wer sich von seinem Weibe scheidet, es sei denn um Ehebruch, der macht, dass sie die Ehe bricht, und wer eine Abgeschiedene freiet, der bricht die Ehe." — Der Richter unserer Tage nimmt nicht den mindesten Anstand, eine Ehe zu scheiden, und die Priester des Protestantismus finden ebensowenig ein Haar darin, den neuen Ehebnnd einer Geschiedenen kirchlich einzusegnen und anzuerkennen. Nach der trockenen Lehre des Evangelisten bedeutet das nichts mehr und nichts weniger als platten Ehebruch. Harnak aber kommt hinterher und legt das Schwergewicht auf die „stetige Gesinnung des Herzens". Wir müssten uns demnach hierbei schon zu der Auskunft verstehen, dass die Betreffenden in ihrer Gesinnung zwar die Ehescheidung als einen Ehebruch verdammen, — die Consequenz führe sie jedoch direct dahin, dieselbe nichtsdestoweniger zu vollziehen, beziehungsweise dabei behilflich zu sein! Wie überall, so hat auch hier Maimonides in wenigen kräftigen Zügen den ganzen Sachverhalt auf geniale Weise zur völligen Klarheit erhoben. Er weist einerseits darauf hin, dass in dem Menschen sich die höchsten und mannigfaltigsten Kräfte zu äußerst complicirteu Functionen vereinigen. Aus diesem Grunde gerade gelangen in unserem Geschlechts in den einzelnen Individualitäten Verschiedenheiten zur Ausprägung, welche untereinander weit größere Abstände aufweisen, als die einzelnen, durch nur äußere Merkmale von einander getrennten Gattungen im Bereiche der übrigen organischen Lebewesen. So gibt es beispielsweise in unserer Mitte einzelne Individuen, die von einer so edlen Zartheit der Empfindung getragen sind, dass sie auch einem Wurm selbst ein Leid nicht anzuthun vermögen. Andere wieder sind von einer so steinernen Herzlosigkeit,* dass sie über die Leichen der eigenen Kinder hinwegzuschreiten vermögen, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken. — Andererseits drängt die gesummte Natur und Begabung unseres Geschlechtes darauf hin, eine Cultur in feiner Mitte auszubildeu und ihre Errungenschaften innerhalb einer gesellschaftlichen Ordnung zu genießen. Diese Gegensätze in der Veranlagung des Menschengeschlechtes heben sich untereinander geradezu auf. Sich selbst überlassen, würde die eine Kraft stets nur dasjenige vernichten, was mittels der anderen geschaffen wird. Erst wenn eine höhere göttliche Ordnung diese Gegensätze ausgleicht und untereinander in Einklang setzt, kann durch ihre Bethätigung wahrhaft Ersprießliches gewonnen werden. Aus diesen Erwägungen ergibt sich des weitern, dass, wenn zwar die Gabe der Prophetie nicht als Ausfluss der menschlichen Natur, oder einer ihrer Kräfte angesehen werden kann, diese eine derartige Veranlagung aufweist, dass eine göttliche Offenbarung mit Nothwendigkeit von ihr gefordert wird. In derselben erst vermögen die von der Natur gegebenen menschlichen Fähigkeiten ihrer Vollendung zazureifen. Nun haben allerdings verschiedene Lehren den göttlichen Ursprung für sich in Anspruch genommen. Zunächst gibt die Geschichte unzweifelhafte Auskunft darüber, auf welcher Seite die wahre Ursprünglichkeit und auf welcher die Entlehnung zu suchen ist. Davon abgesehen, trägt jede wirkliche Offenbarung das Merkmal ihres göttlichen Ursprunges in sich selbst. Jene Lehre, welche nur. darauf ausgeht, das moralische Verhältnis der Menschen unter einander zu regeln — mögen die aufgestellten Forderungen noch so hochgespannte fein, — aber auf die vorherige Grundlegung von wahrhaft würdigen und befreienden Erkenntnißen von Gott und den göttlichen Angelegenheiten nicht eingeht,-— einer solchen Lehre. kann ans inneren Gründen niemals der göttliche Ursprung znerkannt werden. Ebensowenig kann ein Mensch, der nicht von der lautersten Gesinnung getragen ist und dies dadurch bekundet dass er über die uiedern Begierden erhaben ist, besonders aber dem niedrigsten mrserer Triebe keine Gewalt über sein Leben einräumt, — von seiner Sendung behaupten, dass sie im Aufträge Gottes erfolgt fei. (Vergleiche hierüber die ausführlichen und tiefsinnigen Auseinandersetzungen im Nora nsdaottün H. Buch, Cap. 40.) Diese eben ewähnten Merkmale, die, in sich selbst die Bürgschaft ihrer Richtigkeit tragen, treffen in geradezu idealer Vollkommenheit nur — beim Judenthume zu. — Aus dem hier Dargelegten ergibt sich gleichzeitig eine Erklärung für den merkwürdigen Standpunkt, den Maimonides in einer anderen, hiermit im Zusammenhang stehenden Frage vertritt und worüber wir bei den Commentatoren vergeblich um Ausschluss suchen. Er lehrt nämlich (Hilch. melachim Cp. VIII., 11.) : „Derjenige Mensch, welcher die sieben noachidischen Gebote anerkennt und bethätigt, gehört zu den „Frommen der Völker". denen das Jadenthum das Anrecht auf die ewige Seeligkeit zuerkennt. Dies ist jedoch nur dann der Fall, wenn deren Anerkennung aus dem Grunde erfolgt ist, weil sie eine göttliche Offenbarung bilden, die uns durch Moses übermittelt worden. Wer jedoch für ihre Bethätigung nur die eigene persönliche Ueberzeugung geltend zu machen weiß, bleibt hievon ausgenommen"'. Wir sehen, dass hier das Schwergewicht auf die Anerkennung des göttlichen Ursprunges gelegt wird. — Denn derjenige, welcher dies alles aus menschlichen Erwägungen abzuleiteu vermeint, hat nicht blos deren Offeubarungscharacter in Abrede gestellt, sondern die innere Nothwendigkeit einer solchen überhaupt verleugnet. Die durch ras Leben an den. Tag gelegte Tugend kann bei einem solchen Menschen nur Ergebnis einer durch die mannigfachen äußeren Einflüsse herbeigeführten Selbsttäuschung bilden, die früher oder später an der rauhen Wirklichkeit zerschellen wird und muß, — und daher keinerlei inneren Werth besitzt. Dr. Moses Heß, der geistreiche Verfasser von „Rom i und Jerusalem", ist gewiss über den Verdacht erhaben, ein! voreingenommener und einseitiger Parteigänger unserer Sache! zu sein. Seine Aeußerungen über die beiden gegensätzlichen Richtungen, in welche das moderne Jndenthum sich spaltet, werbeil daher als die eines unparteiischen Beobachters bei jedem j Rechtlichdenkenden, dem das Judenthum eine elnfte Herzensr angelegenheit ist und nicht blos eine Sache, über die man i geistreich schillernde Phrasen macht, um so schwerer ins Gej wicht fallen. Ich kann es mir daher nicht versagen, einige - seiner Aeußerungen, welche auf unseren Gegenstand Bezug; haben, hier wörtlich auzuführul: „Ich kenne nur eine jüdische Genossenschaft, die uralte Synagoge, die glücklicherweise noch besteht und hoffentlich auch > noch solange fortbestehe,, wird, bis die nationale Wiedergeburt; des Judenthums rollender ist. — Ich selbst würde, wenn ich i Familie hätte, trotz meiner dogmarifcheu Helerodoxie, mich nicht! nur im öffentlichen Leben einer frommen, jüdischen Gemeinde i anschließerr, sondern auch in meinem Hause alle Trauer- und; Festtage vorschriftsmäßig feiern, um in mir und meinen Nachkommen die jüdischen Volkstraditionen lebendig zu erhalten. Ohne Zweifel würde ich. wenn ich Einfluss auf die Synagoge 1 hätte, zur Verschönerung des jüdischen Cultus beitragen und vor allem für jüdische Lehrer und Prediger sorgen, die auf der Höhe der modernen Wissenschaft stehen und für ihr Amt Talent und Beruf haben; ich würde also — wenn Sie das j so nennen wollen — zu Reformen die Hand biete» (der Verfasser bewegt sich hier entschieden in einem Jrrthum; Verschönerungen des Cultus im Rahmen des jüdischen Religionsgesetzes sind keine Reformen und wurden daher von dem über- ‘ lieferungsmäßigen Judenthume nie angefeiuset, sondern ganz im Gegentheil entschieden befürwortet, ja als Erforderniße des : religiösen Pflichlenlebens gefordert MB22 aber sicher *) Bergt, hierüber die lehrreichen Auseinandersetzungen des Rd. Hirsch Chajes in dessen Werke Minchath Kenaoth S. Kt».

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