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Die Wahrheit · 1902-10-31 · Heft 41 (31.10.1902) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 41 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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V Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 41. bleiben nick sich Erwerben hinzugeben. Diese aber fehlen; daher musste eine wirklich erfolgreiche Hilfsaction zunächst darauf angelegt sein, die fehlenden Erwerbsquellen zu schaffen. Diese große Aufgabe hat sich der in Wien gegründete „Hilfsverein für die noth-leidenden Juden in Galizien" gesetzt. Nicht mit Almosen sondern mit Erziehung zur Arbeit und Schaffung von Erwerbsquellen soll das galizische Elend bekämpft werden. Was dieser Verein bisher geleinet, kann man aus dem jüngst'veröffentlichten Berichte ersehen. Diesem entnehmen wir, dass der Verein mit Unterstützung der „Baron-Hirsch Stiftung' durch Einführung von Heimindustrien (Erzeugung von Haarnetzen für Mädchenuud Frauenarbeit und Erzeugung von Drechsler-. Spielwaaren und auderen Holzartikeln für die männliche Bevölkerung) tausende, bisher völlig erwerblose Personen zu Arbeit und Erwerb und damit wieder zu menschenwürdigem Dasein geführt hat. Die Wirkung der eingeführten Industrien ist trotz der noch kleinen Verdienste dennoch von wohlthätigem Einflüße auf die wirthschastlichen Verhältniße der armen jüdischen Bevölkerung und, was besonders erfreulich ist, auch der moralische Effect der Arbeit Macht sich allenthalben geltend. Gewiss wird es noch Jahrzehnte fortgesetzter conscquenter Arbeit bedürfen, um hier ansehnliche, dauernde Resultate zu erreichen. Der Verein hat aber schon jetzt den unwiderleglichen Beweis erbracht, dass es in Galizien eine zahlreiche arbeitswillige und sehr bildungsfähige jüdische Bevölkerung gibt, die nur auf die gebotene Gelegenheit wartet, um sich bestens zu bethätigen Die große Arbeit, die auf dem Gebiete dieser wirklich segensreichen Hilfsaction geleistet werden soll, bedarf auch ganz außerordentlicher Mittel, die nur unter Mitwirkung der Gesammtheit beschafft werden können, und darum erachten wir es als Ehrenpflicht der gesammten vaterländischen Glaubensgenosseuschast, diesem Vereine, dessen Bureau sich in Wien, l., Tuchlauben 17, befindet, die ausgiebigste materielle und geistige Unterstützung zu Theil werden zu lassen. Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. lVon Rabbiner Dr. Daniel Fink—Wien.*) XVII. Schließlich darf nicht länger verschwiegen werden, dass die hier bekämpften Anschauungen im vorhinein von Grund aus verkehrt sind, — weil sie von einer ganz oberflächlichen Kenntnis der Dinge und Thalsachen ausgehen. Das Reform - judenlhum vermeint dem Christenthume nachzueifern, indem es das Gesetz aus der Religion auszumerzen sich bestrebt. Da läge denn doch die Frage sehr nahe: kann denn das Christenthum selbst ohne ein solctes auskommen? — Bezüglich der griechischkatholischen und röhmisch-katholischen Bekenntniße kann es .keinen Augenblick zweifelhaft sein, dass sie tatsächlich Religionen „des Gesetzes" bilden. Bleibt also nur die Frage hinsichtlich des Protestantismus offen. Offiziell wird dies zwar *) Ja der Arbeit, welche ich gelegentlich des Sukkoth-Festes in diesem geschätzten Blatte veröffentlicht habe, hat der Druckfehlerkobold gar zu arg gehaust. Durch nachstehende Berichtigung mögen die angerichteten Schäden wenigstens theilweise behoben werden: Seite 1, Sp. t, Z. 18 von oben statt „Wohnstätte bauten" lies „Wohnstätte bauen". Seite 1, Sp. 2, Z. 5 von oben ist vor „alles" „zu Li-be« einzuschalten. Seite 2, Sp. 1, Z. 2 von oben ist vor „Erdscholle* „bestimmten* einzuschalten. Sette 2, Sp. 1, Z. 6 von oben ist vor „gestellt" „in Gegensatz" einzuschalten. Sette 2, Sp. l, Z. 34 von oben statt „Zerstörung" lies „Zerstreuung"- Sette 2, Sp. 1, Z. 37 von oben statt „XL IV, 4" lies XLIV, 4. Seite 2, Sp. 1, Z. 44 von oben statt „das" lies „die" und weiterhin dementsprechend. SMe 2, Sp. 2, Z 6 von oben statt „es, ist" lies „ES ist". Sette 2, Sp. 2, Z. 14 von oben statt „entfalten" lies „gestalten." Seite 3, Sp. 2, Z. iS von unten statt „Sinn" lies „Sieg". von dessen Vertretern behauptet. Wie steüm M jedoch die Dinge in. der Wirklichkeit? In den Schuten seiner Bekenner wird das Zehngebot mit derselben Eindringlichkeit gelehrt und nuseinandergesetzt wie bei unH dazu kommt noch die Lehre über die Kirche, ihre Ordnungen und Feste, — alles rein gesetzliche Elemente. Was wieder die Kirche anlangt, so bildet zunächst ihre Priesterschafl eine streng geschlossene Zunft, die wiederum m eine ganz? bestimmt abgestufte Hierarchie sich gliedert. De dieselbe einem genau formulirten Disciplinargesetz unterworfen , ist, so verlangt sie von ihren Gläubigen nicht blos die Unter-! werfung unter bestimmte Glaubensregel», sondern neben der;! Anerkennung einer sogenannten christlichen Lebensordnung, auch die! Unterordnung unter christliche Zucht und Sitte. Es läuft dem- > nach nur auf eine eitle Selbsttäuschung hinaus, wenn das! Christenthum dem Judenthum gegenüber in der vermeintlichen! „Ueberwindung des Gesetzes" seine Ueberlegenheit erkennen will.! Der Unterschied besteht vielmehr ausschließlich darin, dass wir!; in dem „Gesetze der Religion" einen wesentlichen Bestandtheil | der göttlichen Offenbarung anerkennen, während das Christen- - > thum, — besonders seitdem Eingreifen des Apostel Paulus, — mit! dessen Ausmerzung zwar begonnen har, um es hinterher, , durch die Macht der Thatsachen gezwungen, wieder aufzunehmen.' Auch darin bethätigt das Judenthum seine eigene Auffassung, dass es in diesem Belange nicht bei den ^landläufigen Gemeinplätzen stehen bleibt, —sondern in alle menschlichen Beziehungen und Betätigungen mit seiner hehren Auffassung vom Leben hineinleuchtet. So nimmt es beispielsweise keinen Anstand, ein bestimmtes Verfahren beim Schlachten der Nutzthiere vorzuschreiben. In Anerkennung der Thatsache, dass'/ jdieser grausame Akt nun einmal im menschlichen Leben unverj meidlich ist, will es denselben wenigstens in einer Weise zur! Ausführung kommen sehen, dass wir unserer Menschenwürde! dabei nicht verlustig gehen. Das bekundet.einerseits ebenso i sehr eine hoheitsvylle Auffassung moralischer Dinge, wie es! andererseits von der äußersten Anspannung sittlicher Energie zeugt, die vor keinem Problem zurückschreckt. Wenn Harnak in Rücksicht darauf sagt: „Soll, um mit Tolstoi zu reden, die Obrigkeit nicht strafen, sollen die Völker nicht für Haus und Hof eimreten, wenn sie freventlich angegriffen werden? — j Jesus hat immer nur den Einzelnen im Auge und die stetige Ge-! sinnung des Herzens in der Liebe. Dass diese bei Verfolgung des I eigenen Rechtes, bei gewissenhafter Rechtsprechung und bei ernstem j Strafvollzug überhaupt nicht bestehen könne, ist ein Vorurtheil,. | für welches man sich vergebens auf den Buchstaben jener . | Sprüche beruft, die doch nicht Gesetze, also Rechtsordnungen! sein wollen" — so hat nun wieder einmal die hohle, aber! klingende Phrase über den Widersinn der Sache hinweghelsen; j müssen! Im Zusammenhänge mit dem früher und später von ihm! selbst entworfenen Bilde nimmt sich das genau so aus, wie die be- : kannte Republik mit dem Großherzog an der Spitze. Schon; die Thatsache, dass eine Religion über diese Angelegenheiten,! die doch von dem menschlichen Leben unzertrennlich sind, nichts? zu verordnen weiß, hätte ihn bedenklich machen sollen. Darüber kann auch nicht die Redensart, dass nur der Einzelne una dessen stetige Gesinnung des Herzens in der Liebe in Betracht komme, hinweghelfen. — Eine Religion, welche die Nächsten-- liebe als ihren Hauptgrundsatz ausstellt, — hat doch wohl etwas anderes, als-nur den Menschen in seiner Vereinzelung! im Auge?!! Sehen wir einmal die Sache in ihrer praktischen Gestal- > tung an! In Math. 6, 24 lesen wir: „Niemand kann I zweien Herren dienen; entweder er wird den einen hassen,! oder den anderen lieben; oder wird einem anhangen und den; anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem' j Mammon." — Wer nach der heutigen Tages zu Recht be- , stehenden Gesellschaftsordnung sich an dtzm Mammon seines | Nächsten vergreift, den wird auch der christliche Richter ruhig inS Gefängnis schicken. Derselbe bat sich demnach ausgesprochener

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