Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 41 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Adunnistration r Wien, II/,. Novaragaffe 27i K. k. östrrr. Poftkvarcissa Lheck-Conto Nr. 846.251 Inserate [ 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und JnserationSj betrage sind in Wien zahlbar und klagbar. 'eiischrist für Erscheint jeden Freitag. e Motto: ,,Das Siegel Gotte» ist Wahrheit!“ Vernflsprrts: j Ganzjährig. . . L 12.— , Halbjährig . ... St. 8 — Für ErrltttObeamte: Ganzjährig. ... St 10.—. Für Ausland.: j Ganzjä rig . . .8 Mark.! 8 Rubel o er 16 Fc» Nr. 41. Alien, 31. Oktober IM. Anhalt; Hilfsaction für die galizischen Juden..— Wissenschaft oder -- Gelehrsamkeit. — Die Juden und der Talmud. — Bor dem französischen Kriegsgericht. - Organisation und Fachblatt. — Verschiedene Nachrichten. — Litteratur. Wir ersuchen die Ireunde und Könner unseres Mattes dasselbe durch möglichste Verbreitung zu! fördern und bitten den Mänumeralionsöetrag für * das am 1. Hctober begonnene I V. Quartal j umgehend einzusenden. Die Redactioiw Hilssaction für die galyischen Inden. Die schreckliche Nothlage der rumänischen Juden und die große Ausdehnung, die die Auswanderungen aus Rumänien? genommen haben, mussten naturgemäß das Augenmerk der jüdischen Wohlthätigkeits-Organisationen vorzüglich nach dieser Richtung lenken, und vor der rumänischen Noth trat das! galizische Elend einen Augenblick in den Hintergrund. Aber mit elementarer Gewalt dringt es immer wieder au die Ober- : fläche, denn die 300.000 brotlosen Juden in den galizischen i Kleinstädten sind wahrlich die Bedauernswerthesten aus Gottes? Erdboden. Daheim im Lande, wo sie in beständiger Noth ihr; Dasein fristen, regt sich selten das Herz eines maßgebendenj Glaubensgenossen für sie. Statt dass die Spitzen der Cultusgemeinden in diesem Barbarenlande zusammentreten und ernste * Mittel zur Sanirung des fürchterlichen wirthschafttichen ' Elends Hunderttausender Glaubensbrüder in den Provinz-! städten anwenden, beschäftigen sie sich mit Machinationen zu! den Wahlen in verschiedene Körperschaften, um Mandate zu ergattern und nebstbei fette Wahlbeute einzustecken. Die führenden jüdischen Geschäftsleute in den größeren Städten Galiziens, welche die traurigen Verhältnisse ihrer armen Brüder ja durchblicken und für die schlechte Lage Anderer zum : großen Theile Mitgefühl haben, sind Hierzulande mit sich selbst beschäftigt, sie können kaum den eigenen Kampf um die Existenz bestehen. Und in der jüdischen Intelligenz wieder herrscht einerseits Apathie und andererseits gehen viele derselben mit den Gewaltigen der Cultusgemeinden Hand in Hand, um von den bei den Wahlen zu vergebenden Mandaten auch was zu erhaschen. Und so rührt sich keiner der Berufenen und Machti habenden hier, um den nach Brot auslangenden hundert-! tausenden jüdischen Händen in Galizien zu helfen.! ' , Wie diese immense hungernde jüdische Menschenmaffe! daheim kein Mitgefühl findet, ebenso geht auch das Auslands mit sichtlicher Apathie und offenkundiger Erbarmungslosigkeit über dieselben hinweg. „Alles für Rumänien und nichts für Galizien I" scheint das Losungswort der internationalen Mildthätigkeit zu sein, die in Frankreich, England und Deutschland zu Gunsten der rumänischen Glaubensgenossen sich so außerordentlich und erfolgreich geltend machte. Wie verfehlt das ist, ersehen wir, wenn man - die Lage der armen galizische» Juden gegenüber der der rumänischen im allgemeinen vergleicht. Unter einer Gesammtbevölkerung von 7 Millionen Ein- - wohnern leben in Galizien 800.000 Juden. Ungefähr 200.000 derselben sind nach galizischen Verhältnissen wohlhabend; gegen 300.000 vegetiren und finden ihr Auslaugen in sehr beschränktem Wege; der Rest von 300.000 Seelen ist absolut mittel- und erwerbslos; diese verleben Jahre und Tage in Noth und Elend, im Darben und Verhungern, und endlich gehen viele derselben alljährlich durch Krankheiten und zumeist durch evidenten Hungertyphus zu Grunde. In Rumänien leben unter einer Gesammtbevölkerung von 6 Millionen Einwohnern blos 200.000 Juden. Diese jüdische Kopfzahl besteht ans reichen Leuten, einem Mittelstände und endlich aus Handwerkern und Arbeitern jeder Art. Aber alle rumänischen Inden, haben bei ihrer Minderzahl zur Bevölkerung anderer Confessionen und indem sie durchgehends acclimatisirr sind und in ihrer Jugend entweder ein Geschäft, ein Handwerk oder eine gewisse Arbeit lernen, ihren Griverb und sind nicht wie die galizischen Juden infolge ihrer dichten Bevölkerungszahl zu den Einwohnern anderen Glaubens, infolge ihrer Erziehungs- und Berufslosigkeit, infolge ihres Fanatismus und Glaubensoptimismus und endlich infolge der allgemeinen Erwerbslosigkeit einer steten Hnngercur anheimgegeben. Ohne die politischen Verfolgungen sind die rumänischen Juden wahre Sardanapals den galizischen Juden gegenüber. Auch aus Galizien wandern alljährlich 3—4000 jüdische Handwerker aus; diese haben es aber nicht so gut wie die rumänischen. Sie müssen sich jahrelang auf Reisekosten vom Munde absparen, oft ynterwegs in Arbeit gehen und sich plagen und rackerm bis sie das Reiseziel erlangen. Trotz all dieser Beschwerlichkeiten und Entbehrungen sind diese immer noch die Glücklichen gegenüber jenen 300.000 indischen Seelen in Galizien, die ohne jedweden Erwerb und ohne die Eignung emigriren zu können, in steter Noth und Elend sich befinden und Physisch und moralisch immer mehr herabkommen. Sie find weder'in der Tracht noch in aer Denkweise europaisirt und daher darauf angewiesen, daheim im Geburtslaude zu