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Die Wahrheit · 1902-10-10 · Heft 39 (10.10.1902) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 39 (10.10.1902)
Date
1902-10-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Kesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung ♦ . 39. ZLeilagc zur Zeitschrift Wahrheit." 22. Iahrg. Wir ersuchen die geehrten Herren Collegen um Eiu-i •endung der Abouneineutsgebülir für das- Qllt] 1. Cctobc^bcgonncnc 4. Quartal und UM Begleichung der Rückstände. Die Redaktion. Bosch haschonoh und Jom kippur. Unter diesem Titel veröffentlichte Herr College Obercautor Singer in der jüngsten Nummer, der .Wahrheit" einen die cantoralen Functionen an den in der Ueberschrift genannten hohen Feiertagen behandelnden Artikel. Nicht zum erstenmale begegnen wir in den Spalten unseres Fachorganes der gewandten Feder unseres verehrten Collegen, die durch ihre trefflichen und sachlichen Ausführungen dem Laien nicht weniger als dem fachkundigen Leser schon manch vergnügte Stunde bereitet hat. Auch der in Rede stehende Artikel entrathet nicht des Schönen und Beherzigenswerthen. So kann beispielsweise die Heiligkeit und Wichtigkeit der Mission des jüdischen Cantors nicht genug betont werden und folgerichtig kennzeichnet daher Herr College S. die erforderlichen ethischen Eigenschaften und moralischen Qualitäten des Vorbeters, der berufen ist, allerhöchsten Orts Vermittler der Empfindungen und Wünsche seiner Gemeinde zu sein, und nicht nur sich, sondern der ganzen Gemeinde die göttliche Gnade und Barmherzigkeit zu erflehen. Namentlich für Cantoren der jüngeren Generation ist ferner der wohlgemeinte Rath nicht genug hoch zu veranschlagen, das Machsor nicht nur blos vor Beginn der Feiertage aufzuschlagen, vielmehr während des ganzen Jahres aus diesem Urquell des ewig schönen Chasonus zu schöpfen, den musikalischen Character der Pijutim und Jozros zu ergründen und — es sei mir gestattet noch etwas hinzuzufugen — auch Peroscb Hamilos zu studiren, um zunächst volle Klarheit von dem Inhalt des zu Singenden und Sagenden zu gewinnen. Auch der aus aufrichtigem Herzen kommende Stoßseufzer meines werthen Freundes über die in der Jetztzeit platzgreifenden Verhältniße im jüdischen Cantorat ist eines jener Klagelieder, welche in weiten Kreisen der der Berussgenoffen lebhaftes Echo finden dürste. Was mich jedoch zum Schreiben dieser Zeilen veranlasst, ist der gewiss den besten Intentionen des Herrn Collegen S. entsprungene Rathschlag des »ununterbrochenen Singens". Er empfiehlt deu Cantoren ein von ihm seit Jahrzehnten erprobtes und bewährtes »Geheimmittelchen", welches die Schonung des Singorganes vollständig perhorrescirt; die verschiedenen Trinkquellen und und Curaufenthalte wären nach seiner Auffassung blos »vermeintliche Kräftigungen der Stimmbänder", und er glaubt das Wohl und Heil des Sängers in der „stetigen Uebung des Singorganes", d. h. in ununterbrochenem Singen gefunden zu haben. Abgesehen davon, dass diese — da von Obercantor Singer stammende — autoritative Empfehlung iu den Hauben so mancher drakonisch gesinnter Vorsteher insoferne eine willkommene Waffe wäre, als mancher durch das ganze Jahr oft über seine Kräfte angestrengte Amtsbruder durch Hinweis auf den Artikel Singer's auch um den kärglichen „Drei Wochen-Urlaub" kommen könnte, würde dieser Waffe nicht rechtzeitig die Spitze genommen werden, ist die Methode des Herrn Collegen Singer zum Ueberfluss auch noch vom hygienischen Standpunkte aus ad absurdum zu führen. Instrumente aus Stahl und Eisen müssen geschont und mit Vorsicht gehandhabt werden, sollen sie ihrer Bestimmung längere Zeit erhalten bleiben, in welchem Maße erst bedarf der das ganze Jahr hindurch arbeitende und schaffende Organismus des Menschen im Allgemeinen, unddie Stimmbänder, dieses heikelste aller Instrumente im Speciellen, der Ruhe, Pflege und Erholung? Zur Jllustrirung meiner Ansicht diene folgender Vorfall aus jüngster Zeit: Es war in der Hofoper für einen Abend „Cavalleria Rustieana“ angesetzt worden, die Aufführung wurde jedoch in Folge plötzlicher: Indisposition des Tenors in Frage gestellt, und nur das „Einspriugen" des Regisseurs ermöglichte die Vorstellung. Das hierüber verlautbarte Communique besagte, dass einer der Tenore (der unbeschäftigten) tagsvorher sang, der zweite hinwieder für den nächsten Tag aufzutreten hatte; beide mussten also geschont werden. Wie übel jedoch wäre es diesen Meistern des Gesanges unter der Direction meines verehrten Collegen, beziehungsweise unter! seiner Anleitung zur ununterbrochenen Singmethöde, ergangen? Uud wenn man nun schließlich bedenkt, wie verschwindend klein die kurze Partie des „Turiddo" in der tut ganzen blos emstündigen Oper „Rustieana“ gegenüber den beim Mussaf- Gebete an Bosch haschonoh geschweige an Jom kippur an den Cantor gestellten Kraftanfoxderungen ist, wo der „Baal mussaf" in dem Rahmen des 10—12stjindigen Gottesdienstes 6—7 Stunden zu fungiren hat, so wird man. kaum mehr der Ansicht des Herrn Collegen Singer zuneigen. Man möge z. B. beim Hofopern- und Kammersänger Winkelntann, der eine 30—40jährige künstlerische Thätigkeit hinter sich hat und noch heute eine Stütze der Hofoper ist, Erkundigungen einziehen, ob er die Wohlerhaltung seiner Stimme der Methode des Herrn Singer verdankt? Und um auch einen unserer Großen anzuführen: Man ftage und höre meinen „alten" Freund Bachmann in Budapest, ob er nicht noch heute der „Junge" ist, weil er eben alljährlich die Zeit von Schwuos bis Bosch haschonoh der Ruhe und Erholung widmet. Mit besonderer Befriedigung kann ich auch verrathen, dass unser nicht in letzter Reihe gerade ob seiner humanen Gesinnung gefeierter Präsident, kais. Rrth Klinger, den Schreiber dieser Zeilen-bei jeder Begegnung väterlich wohlwollend ermahnt: „Schonen Sie Ihre schöne Stimme!" Diese Worte rufe ich ttmt allen singenden und sprechenden Menschen, und speciell meinen werthen Collegen zu. Logisch kann ich daher nur zu dem Schlüsse gelangen, dass die »Selbsterfahrung" des verehrten Collegen nichts als Selbsttäuschung ist, und er wird es mir gewiss nicht verj denken, wenn ich im Interesse und zum Wohle der Urlaub nehmenden und erholungsbedürftigen Collegen dasjenige verrathe, was mir als sein Geheimmittel dünkt. Es ist weder das ununterbrochene Fortstngen „mide schabbos beschabbato“ noch die stetige Uebung des Singorganes, es ist vielmehr der Umstand, dass er es versteht, ernste Arbeit mit erquickender Muße abzuwechseln, und ihm die Möglichkeit gegeben ist, den ganzen Sommer über die freien Stunden, die ihm von seinen gewiss zahlreichen und anstrengenden Functionen er übrigen, in seiner Sommerwohnung genießen und daselbst gute, reine Luft athmen zu können. Dieses und ähnliche Geheimmittelchen empfehle und wünsche ich mit gutem Gewissen allen meinen Sangesbrüdern. Gehet hin und thuet desgleichen! Guttmann. Seitrag;ur Geschichte der Zudenverfolgungen in Oesterreich-Ungarn. vn. Jude« Wrrchertrche Contraci, Entbieten allen uud jeden Prälatep, Griffen, Freyen, Herren, Rittern, Knechten, Land^MaMällen, Land-Haubt-

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