Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 39 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 39 lauge nicht begriffen, bis es dem scharfblickenden Künstlerauge und dem organisatorischen Talent Wilhelm Stiaßny's gelungen ist, im Vereine mit gleichgesinnten Männern eine Statte zu gründe.., von welcher aus die Errungenschaften jüdischer Kunst und jüdischer Wiffenschaft in die weitesten Kreise getragen werden sollen. Wollen wir aber die Bedeutung Stiaßny's voll und ganz erfassen, so uiüffen wir einen, wenn rruch kurzen Ueberblick üher seinen Lebens- und Werdegang bieten: Wilhelm Stiaßny, geboren am 15. October 1842, absolvirte die Wiener technische Hochschule im Jahre 1861 und besuchte sodann durch 5 Jahre die k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien, woselbst er seine Ausbildung unter den Professoren Van der Nüll. von Siccardsburg, Rösncr und Dombaumeister Schmid erhielt. 1862 gründete Stiaßny gemeinschaftlich mit einigen Genossen die Wiener Bauhütte, einen an der Akademie der bildenden Künste noch gegenwärtig bestehenden Verein. 1867 wurde Stiaßny durch das k. k. Handelsministerium zur Pariser Welt-Ausstellung entsendet, woselbst er an de i Jnstallationsarbeiten der Äusstellungscommisiou betheiligt war und an der internationalen Jury für Arbeitshäuser theilnahm. Im Jahre 1868 begann Stiaßny seine Thätigkeit als' selbständiger Architekt und hat er bisher über 180 jst aläfte, Schulen, Wohn- und Fabriksgcbäude, Spitäler, Siechenhäuser, Synagogen rc. gebaut. Hievon sind besonders zu erwähnen: das von Baron Anselm von Rothschild gestiftete Svital der israel. Cultusgemeinde am Währinger Gürtel in Wien, bei dessen Vollendung (1873) er von Sr. Majestät mit dem güldenen Verdienstkreuze mit der Krone ausgezeichnet wurde; das von Jonas Freiherrn von Königswarter gestiftete israel. Blinden-. nstitut aus der Hohen Warte in Wien, welches 1897 infolge einer Schenkung der Baronin Hirsch-Gereuth durch Ausbau eines 2. Stockwerkes erweitert wurde; die Hermannsstraße (jetzt Reithlegasse) in Ober-Döbling, welche als eine nach einem Gesammtplane errichtete Villenstraße erbaut wurde; Ceremonienhalle und Nebengebäude auf der israel. Abtheilung des Wiener Centralfriedhofes, das unter dem Protectorate Ihrer k. u. k. Hoheit der Frau Erzherzogin Maria Therese stehende Seehospiz in Roviguo; Pollak von Rudin'scher Kindergarten im 2. Bezirke in Wien; die Synagogen in Malaczka (Ungarn), Gablonz a. N. (Böhmen), für die polnische Gemeinde in Wien. Czaslau, Wiener-Neustadt und die große' Synagoge in Kgl. Weinberge (Böhmen); das sreiherrlich von Rothschild'sche Altersversorgunghans in Gaming; Siechen- Haus der israel. Cultusgemeinde in Wien; den von den Freiherren von Rothschild gestifteten chirurgisch-gynäkologischen Pavillon als Erweiterungsbau zum Spitale der israel. Cultusgemeinde in Wien; Palais Neumann (mit steinerner Facade); Palais Baron Liedig;. Palais Alfred Straffer in Wien; Jubiläums-Hospiz in Karlsbad. 1876 wurde Stiaßny durch das k. u. k. Ministerium des Aeußern in die internationale Jury der in Brüssel abgehaltenen I. allgemeinen Ausstellung für Sanitäts- und Rettungswesen entsendet. Er bekleidete das Amt eines Schriftführers und Berichterstatters für den Bau und die technische Einrichtung von Spitälern, Gefangenhäusern, Irrenhäusern, Arbeiterhäusern, dann für Kanalisation und Assanirung von Städten. Vom Jahre 1876 bis 1900, also durch volle 22 Jahre, war Stiaßny Mitglied des Gemeiuderathes der Stadt Wien, nach Einbeziehung der ehemaligen Vororte durch einige Zeit auch Stadtrath; nach der int Jahre 1895 erfolgten Auflösung des Gemeinderathes war Stiaßny Mitglied des Beirathes. Im Gemeinderathe hat Stiaßny mehr Äs 1500 Referate erstattet, auch war er Obmann-Stellvertreter der Rathhaus' Commission. 1881 wurde Stiaßny unmittelbar uqch dem Riugcheaterbrande in die damalige Theater-Sicherheits-Commiffion berufen, später als Mitglied in die Theater-Landes- Commiffion, welcher er noch gegenwärtig augehört. 1883 wurde Stiaßny durch die Verleihung des . Titels eines k. k. Baurathes ausgezeichnet, 1893 ehrten ihn seine Mitbürger durch die Verleihung des taxfreien Bürgerrechtes der Stadt Wien. 1893—1896 gehörte Stiaßny der Commission für die Wiener Verkehrs-Anlagen als Ersatzmann, demnach durch 18 Jahre, 1878—1896 der Donau-Regulirungs-Commission als Mitglied an und entfaltete daselbst eine fruchtbare Thätigkeit, indem er auf die Schaffung der Donaustadt und auf die Umwandlung des Donaucanals in einen Schiffahrtscaual Einfluss nahm. Von 1884 bis 1899, also durch 15 Jahre, war er auch Mitglied des Wiener Bezirksschulrathes. Seit 1879 gehört Stiaßny dem Vorstände der israel. Cultusgemeinde Wien an; seit mehreren Jahren bekleidet er in dieser Corporation das Amt eines Vertreters; seit 15 Jahren ist er Obmann der Friedhofcommiffion. 1895 gründete Stiaßny die „Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums^, deren Präsident er noch gegenwärtig ist, endlich ist er seit 30 Jahren auf humanitärem Gebiete thätig und befindet sich zum Theile an dex Spitze, zum Theile im Vorstande mehrerer gemeinnütziger und Wohlthätigkeits« Vereine. Solch, bedeutsames Wirken und Schaffen muß zu dankbarer Anerkennung herausfordern, und wie wir mit den vorstehenden Zeilen einen kleinen Tribut derselben darbringen, wird sie dem hochgeehrten Jubilar zu seinem 60. Geburtstag auch in den weitesten Kreisen gewiss zu Theil werden. . Die Luden und der Talmud. Von Israel Singer, emeril. Lehrer in S. A. Ujhely. X. Die angebliche Behauptung, dass die In >en auf den Gebieten der Kunst und Wiffenschaft nichts Originelles geleistet haben, würde, wenn sie auch der Wahrheit entspräche, unserer eigentlichen Mission, ein mamlechet kohanim wegoj kodosch, ein Reich von Priestern und eine heilige Nation zu sein, (Exod 19, 6.) wenig Abbruch thun. Die Juden haben sich zwar niemals als Volk der Künste und Wissenschaften, vielmehr als das Volk des reinen Monotheismus und der erhabenen Tugend- und Sittenlehre gerirt, trotzdem werden wir jedoch auf Basis der Bibel und des Talmud Nachweisen, dass sie schon im grauen Alterthum manche Kunstzweige betrieben haben, die ihnen originell zugeschrieben werden müssen und manche andere Künste.pflegten, deren Priorität bei anderen Völkern man nicht Nachweisen kann. Die Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaften war bei den Juden eine natürliche Folge der in Bibel und Talmud oft befohlenen physischen und intellectuellen Thätigkeit, um ehrlich und mäßig Vermögen zu erwerben, das irdi-che Leben innerhalb der Schranken des Gesetzes zu genießen . und die Seelenkräste möglichst zu entwickeln. Jedoch bei all^ diesem irdischen Streben muß das Endziel zur Ehre Gottes dienen, um der Menschheit möglichst zu nützen und Gotterkenntnis zu erlangen. . „In allen deinen Wegen erkenne ihn Gott und er ebne deine Pfade." (Spr. III. 6.) „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten, aber am siebenten Tag ist Sabbat zur Ehre des Ewigen, deines Gottes." (Ex. 20. 10.) „Gott wird seinen Segen senden in deiner Hände Arbeit — aber ohne deine Arbeit nicht, — denn dies ist ein blindes Vertraue» — und freue dich, sammt den Armen, Waisen- Witwen und Fremden!" (Deuter. 14. 29. und Midr. z. St.) ' „Haltet meine Gesetze und Rechte, die der Mensch üben soll, um durch sie zu leben, (Levit. 18. 5.) aber nicht durch sie zu sterben." (Sanhedr. 58.) „Wenn du von dem Erwerbe deiner Hände genießest, dann Heil dir/' (Ps. 128.) „Wie Gott mit Israel über die Thora einen Bund schloss,, ebenso schloß er mit ihm einen über die Arbeit"., (Ab. d. R. Nathan llH „Verschaffe dir einen Broderverb zur Thora." (Mid.. Rab. fr Pred. Sal. 9.) denn Beschäftigung mit der Thora ohne. Arbeit