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Die Wahrheit · 1902-10-10 · Heft 39 (10.10.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 39 (10.10.1902)
Date
1902-10-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit. ’Jtr. 39. kenntnis in ganz bestimmten Grundsätzen, Verhaltungsmaßregeln und Gesetzen ausgeprägt hatte. Die hiermit gewonnene Einsicht ist von keiner geringen Tragweite. Ganz entgegen der allgemein im Schwange begriffenen Meinung, bedeutet als Prinzip der Gesetzlichkeit in der Religion nicht etwa einen verkümmerten weit zurückgebliebenen Standpunkt der Gotteserkenntnis, — sondern dessen höchste Vollendung. Gesetz in der Religion auspragen, ist ausschließlich auf dem Wege der Erkenntnis möglich. Gesetzliche Religion heißt demnach soviel als : mit Erkenntnis verschwisterte Religion. Durch Ausscheidung derselben verfällt sie in das Bereich neblichter Ahnungen uud verschwommener Gefühle. Ueber diesen todten Punkt vermochte das Heidenthum in seiner volksthümlichen Auffassung nie hinauszudringen. Daher denn auch die Religion in dessen Mitte den Menschen niemals zu veredeln And die Keime des Göttlichen zur Entfaltnng zu bringen vermocht halte. Griechenland und alle anderen heidnischen Staaten gleichen Ranges — trotzdem sie in der Kultur aller Welt überlege» waren — mussten untergehen wegen des Verderbuißes, das ihre Religionen in deren Mitte angerichtet. Wenn das moderne Judenthum der Sache des Fortschrittes dadurch zu dienen glaubt, dass es das Gesetz aus dem Bereiche seiner Religion ausscheidet, so befindet es sich auf dem Irrwege. Zn der Absicht, dem Fortschritte zu huldigen, arbeitet es gerade der Versinsterung und Verdummung in die Hände. Wir, die angeblich in der Kultur Zurückgebliebenen, haben hier deffen Sache gegenüber seinen übel berathenen Vertretern zu vertheidigen. Es ist wohl wahr, dass diejenigen, welche „&>§ vom Gesetze der Religion" iu die Welt hinein posaunen, die besten Aussichten haben, auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege sich populär zu machen. Wem wäre dies.je versagt worden, der es verstanden, schlau in den Mantel der Unschuld sich zu hüllen, um den niedrigsten Trieben in der Menscheunatur zu schmeicheln? Ob die Geschichte jedoch das gleiche Urtheil vertreten wird, das bleibt die große Frage. Zm Uebrigen ist damit nur die Sache von der einen Seite gezeigt. Hat man erst die Religion ausschließlich in das Bereich verschwommener, nebulöser Stimmungen und Gefühle verlegt, so werden auch^ jene Folgen nicht ausbleiben, welche allgemein in solchen Fällen beobachtet worden sind. Der Stand der allgemeinen Intelligenz müsste in unserer Mitte dann unfehlbar zurückgehen. In dem weiten, blauen Dunst, in welchen das Volksbewusstsein xsich einhüllt — wird schließlich der Rabbiner noch als der einzig Sehende sich betrachten und — die Priesterherrschaft ist unvermeidlich. Wenn die Statistik der modernen Staaten den Nachweis liefert, dass die Juden 8—10mal so stark als andere in den Berufen, welche höhere Studien erfordern, vertreten sind, so ist das eine Ueberlegenheit, die wir ausschließlich durch die entschiedene Hingabe und Pflege unserer „Religion der Erkenntnis" gewonnen und um derentwillen wir den Neid aller Welt auf uns gelenkt haben. Unser verblendetes Geschlecht weiß es allerdings seiner Religion schlecht zu danken, indem es vielfach die auf ihrem Boden gewonnenen Fähigkeiten — von dem allgemeinen Abfall ganz zu schweigen — dazu verwendet, um ihre Heiligthümer zu zerstören. Wohl muß eine gesetzliche Religion dem Volke zu Gunsten der höheren Forderung der Moral mancherlei Entsagungen auferlegeu. Allein im Vergleich zu den erzielten Errungenschaften fallen solche gar nichts iu's Gewicht. Die Religion der Erkenntnis — nur eine gesetzliche kann auf diesen wahrhaften Ehrentitel Anspruch erheben — bewegt sich zudem auf jener Bahn, den alle Wissenschaften und Künste einschlagen mussten, «m zu dem Stande ihrer gegenwärtigen Höhe zu gelangen. Musik und Gesang, Poesie und Schauspielkunst sind ursprüng, lich Aeußerungen des dunkeln Trieb- und Empfindungslebens. Zn der Mitte unkultivirter Völker stehen sie noch heutigen Tages auf dieser Stufe. Als Künste, die eine weltbezwingende Macht darstellen, erscheinen sie jedoch erst dann, wenn sie durch fcie Erkenntnis in allen ihren Aeußerungen durchleuchtet Md beherrscht werden. Denselben Weg höben auch alle Wissenschäften durchschreiten müssen, um zum Höhepunkt ihrer.gegenwärtigen Ausbildung zu gelangen. Dass die einzelnen Stoffe unseres Erdballs gewisse Wirkungen auf einander ausüben und somit in einem bestimmten Wechselverhältniße zu einander stehen müssen, wurde von jeher geahnt. In Bethätigung deffen betrieben die Menschen die abenteuerlichsten Quacksalbereien der Alchemie. Erst als es gelang, diese weiten Gebiete der Erscheinungen auf dem Wege verstandesmäßiger Einsicht zu durchschauen, konnten sie dem Bereiche des Aberglaubens entrissen werden und ein so weites und - erfolgreiches Gebiet erkenntnismäßiger Errungenschaften, wie es die,moderne Chemie darstellt, abgeben. Ueber das, was Recht und Unrecht ist, hatten die Menschen von jeher bestimmte Ahnungen. Da jedoch diese stumpfen Instinkte den verwickelten Angelegenheiten und Vorfällen des menschlichen Lebens rathlos und verzweifelt gegenüber standen, so ward durch . ein sogenanntes Gottesurtheil — das doch eigentlich nichts anderes, denn ein Unheil beschämenden Stumpfsinnes und finsteren Aberglaubeirs ist — ein Ausweg aus der Verlegenheit gesucht. Hier zeigt es sich am deutlichsten, wie der jeglicher Erkenntnis bare Mensch die ausgesprochene Neigung zeigt, in der Bethätigung der erbärmlichsten Beschränktheit einen Cultns der Gottheit gar zu suchen. Wer in der Religion der Ausscheidung des Gesetzes das Wort redet, der müsste, bei folgerichtigem Vorgehen, auch bezüglich des Rechtlebens denselben Standpunkt vertreten. Nur die Partei, der gegenüber jeder gesittete Mensch auch die entfernteste Beziehung ablehnt, hat bisher sich zu dieser Folgerung bekannt. Wir jedoch sind der Ansicht, dass in dem Maße, als ein formgerechtes, erschöpfendes, auf der Höhe richterlicher Einsicht sich bewegendes Urtheil in Rechtssachen mit einem vom baren Stumpfsinn eingegebenen, sogenannten Gottesurtheil gar keinen Vergleich duldet, in demselben Maße ist eine Religion des Gesetzes derjenigen überlegen, die dasselbe ausgeschieden und sich daher ausschließlich an die wie im Finstern tastenden Triebe, wendet. (Fortsetzung folgt.) ' Heinrich Äingrr. In besonders auszeichnender Weise hat die Wiener Cultusgemeiude am 1. Ocwber den 70. Geburtstag ihres Präsidenten, kan. Rath Heinrich K l i n g e r, gefeiert, aber auch die weitesten offiziellen und gesellschaftlichen Kreise Wiens brachten an diesem Tage dem Jubilar allgemeine Verehrung zum Ausdruck. Und was sämmtlichen Sympathiekundgebungen einen erhöhten Werth verlieh, das war der herzliche und innige Ton, der aus ihnen herausklang, und wer Zeuge derselben war, den musste es anmuthen, wie wenn Kinder ihren Vater ehrten und ihm die Beweise ihrer Liebe zu Füßen legten. Es war geradezu eine Wallfahrt von Deputationen, die nach der Wohnung des Jubilars in der Ebendorferstraße pilgerte, woselbst er, umgeben von seiner Gattin und den Mitgliedern seiner Familie, die Gratulanten empfing. Was die Wiener Gemeinde an klangvollen Namen besitzt, hatte sich dort eingefunden, und die aufgelegte Präsenzliste zählte nach Hunderten. Ueberaus zahlreich waren auch die hervorragenden findustriellen Kreise und Corporationen vertreten. Und Alle, Alle brachten Adressen, Widmungen, Blumenspenden uud Glückwünsche. Als erste Deputation kam der Gesammtvorstand der israelitischen Cultnsgemeiude, geführt vom Bice-Prasidenten Dr. Alfred Stern, und überreichte eine nach den Entwürfen des Architekten Fleischer künstlerisch ausgestattete Adresse, die in fein ausgesührten Aquarellen sämmtliche Baulichkeiten und' Institute darstellt und außerdem noch die Porträts säinmtkicher gegenwärtigen Vorstandsmitglieder enthalt. Prachtvoll, find auch die Adressendes Bethausvorstandes und der Cultusbeaürten, deren Deputation durch den I. Seeretär, kais. Rath Dr. Lieben, geführt wurde. In Vertretung der Gemeinderabbiner kamen Oberrabbiner Dr. Güdemann und Rabbiner

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