Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1902-10-10 · Heft 39 (10.10.1902) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 39 (10.10.1902)
Date
1902-10-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063113-3063152--02134-3068785
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 39. pathifch und es entbehrt jeder inneren Wahrscheinlichkeit, wenn der in der Klage behauptete, dass durch die Kundmachung des Rabbiuates „der gesellschaftliche und geschäftliche Bann über ihn ausgesprochen und er wegen verächtlicher Gesinnungen aus der Gemeinde aller gutgläubigen Juden ausgeftoßen werde * Abgesehen davon, dass, wie Herr Dr. Spitzer ganz richtig ausführte, dun „Äffern"' diese Bedeutung keineswegs zukommt, glauben wir, dass der Mann, der ja eingestandenermaßen seine Fleischbank nie für „koscher" ausgegeben und selbst auf die primitivste und bescheidenste Kennzeichnung derselben durch die Koschertafel verzichtete, dem Urtheil der „gutgläubigen" Juden ziemlich gleichgiltig gegenübersteht. Das Ganze scheint uns mehr eine vom „Jüdischen Volksverein" recht geschickt erfasste Wahlaction zu fein, um in Wählerkreisen für die Ambitionen und die Candidateu dieses Vereines Stimmung zu machen, und darum halte» wir auch die gegebene Aufklärung nicht für unnöthig. Im Uebrigen müssen wir leider constatiren, dass das Rabbinat in der Behandlung der Koscherfleisch-Frage schon öfter eine nicht besonders geschickte Hand bewiesen hat, und auch im gegenwärtigen Momente wird in betheiligten Kreisen eine Verfügung des Rabbiuates bezüglich Verbot des Schlachtens am zweiten Feiertage höchst missliebig ausgenommen. Die Frage war schon im Vorjahre unter ähnlichen Verhältnißen auf der Tagesordnung und wir hoffen, dass sie auch Heuer in der Weise ihre Lösung findet, dass nicht nur den diesbezüglichen rituellen Vorschriften, welche übrigens früher und anderwärts nicht so strenge Auslegung fanden, sondern auch den praktischen Bedürfnißen der jüdischen Bevölkerung entsprochen wird. Mit einem ziemlich umfangreichen Programm tritt ein zionistisches Blatt, die ,,Jüdische Volks stimme" auf. Wohl ist das Blatt so bescheiden oder klug, einzugestehen, dass dasselbe reine Zukunftsmusik ist, und auch wir sind der Meinung, dass noch viel Waffer in die Donau rinnen wird, ehe die Wiener Cultusgemeinde, oder überhaupt ein jüdisches Gemeinwesen in die Lage kommen wird, derartige Anforderungen zu verwirklichen. So sehen wir einer recht lebhaften Wahl entgegen, die jetzt in den Vordergrund aller Gemeiudefragen tritt. Ueber sonstige Vorfälle in der Gemeinde belehrt der ausführliche Bericht der letzten unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. NathHeinrich Klinger stattgehabteu Plenarsitzung des Cultusvorstandes, den wir nachstehend wiedergeben: * * Nach Verlesung der Spenden werden nachstehende Einläufe zur Kenntnis gebracht: Daukeskundgebungen auf die seitens des Vorstandes ergangenen Condolenzschreiben an die Herren David Ritter von Gutmanu, Dr. Alfred Berger und Gottlieb Bettelheim, aus Anlass der in den Familien derselben erfolgten Todesfälle; weiters ein Dankes-Telegramin des Herrn Max Ritter von Gutmann für die ihm erwiesene Theiluahme, anlässlich der Errettung aus großer Gefahr; Die Gesellschaft der Musikfreunde dankt für die zu Gunsten armer Schüler gewährte Subvention, desgleichen der Turnverein „Zion" für eine diesem Vereine gewährte Spende. -G Der Wiener Magistrat bringt zur Kenntnis, dass der Bürgermeister der Stadt Wien dem ausreichend motivirten Gesuche des Vorstandes der issrael. Cultusgemeinde, dahingehend, dass ihm aus dem Legate des verstorbenen Herrn Julius Frankel, welcher für Wiener Arme, ohne Unterschied der Confeffion, L. 20000.— zu Händen des Bürgermeisters hinterlaffen hat, ein größerer Theilbetrag zur directen Becheilung jüdischer Armer überwiesen werde, keine Folge zu geben, befunden hat. Ueber eine von Herrn Vertreter Dr. Maximilian Steiner aü das Präsidium gerichtete Interpellation, betreffend die Thätigkeit des zur Reform der Armenpflege eingesetzten Comitäs . gibt der Präsident bekannt, dass er sich der Ansicht des Interpellanten auschließe, dass das Comitv (zur Reform der Armenpflege) mit vollzogenen Uebertragung der Hauobetheilnngen an die Armenanstalt keineswegs seine wichtigen Arbeiten beendet habe, und dass er mit Rücksicht auf die durch einen Trauerfall hevorgerufene längere Verhinderung des Comitö-Obmannes an die Obmann-Stellvertreter des Comitös das . dringende Ersuchen richte, das Comitö neuerdings zur Aufnahme seiner Thätigkeit einzuberufen. Herr Cultusvorsteher G e w i t s ch interpellirt den Präsidenten betreffend einen vor Kurzem im Versorgungshause ver israelitischen Cultusgemeinde eingetretenen Todesfall einer 90 jährigen Insassin in Folge erlittener Brandiounden. Ueber Ersuchen -des Vorsitzenden erstatten die Herren Salo Cohn und Oberingenienr v. Mises namens des Bersorgungshaus-Comittzs detaillirten Bericht, aus welcheni hervorgeht, dass, wie auch die behördliche Commission constatirte, die erlittenen Verletzungen einzig und allein in einem unglücklichen Zufall und keineswegs in einem fremden Verschulden ihren Grund hatten. Die Beantwortung der Interpellation, wird zur Kenntnis genommen und überdies über Anregung des Herrn Cultnsöorstehers kaiserl. Rath Weil das Comits ersucht, sich mit,her Frage zu beschäftigen, welche Vorsichtsmaßregeln außer den bereits bestehenden noch getroffen werden könnten, um Unglück« lichen Zufällen möglichst vorzubeugen. Vor Uebergang zur Tagesordnung begrüßt der Präsident die von ihrem Sommerurlaube zurückgekehrten..Vorstandsmitglieder auf das Herzlichste und bemerkt : Zu seinem lebhaften Bedauern müsse er den Präsidialbericht mit der sehr unliebsamen Mittheilung beginnen, dass das hochangesehene Mitglied des Cultusvorstandes, Herr Direktor Simon, im Lause des Sommers mit Rücksicht auf seinen aus Gesundheitsrücksichten erfolgten Domicilwechsel sein. Mandat als Cultusvorsteher niedergelegt habe. Nach Verlesung des diesbezüglichen Demissionsschreibens berichtete der Vorsitzende, dass die mehrfachen Bemühungen des Vorstandes, Herrn Direktor Simon dem Cultusvorstande und der Wiener Gemeinde zu erhalten, mit Rücksicht auf das geänderte Domicil, sich wennigstens für jetzt leider als vergeblich erwiesen haben. Während seiner vierjährigen Thätigkeit im Vorstände hat Herr Direktor Simon insbesonders für die Religionsschule geradezu Hervorragendes geleistet, und es würde wohl, bemerkt der Präsident unter allgemeiner Zustimmung, sehr schwer fallen, für den Scheidenden auch nur annähernd Ersatz zu schaffen. In Fortsetzung des Präsidialberichtes gibt sodann der Präsident eine Uebersicht über die Finanzlage der Gemeinde und über die Einnahmen derselben aus den verschiedenen Capiteln im Vergleiche zu den budgetirten Posten und zu der gleichen-Periode des Vorjahres. Des Weiteren hebt er hervor, dass der Referent in Finanzangelegenheiten, Herr kaiserl. Rath Moriz Hirsch, bei seinen wiederholten und .erst vor einigen Tagen wieder vorgenommenen Cassensconirirungen die ordnungsmäßige Caffa-Hebahrung zu constatiren in der Lage war, worüber der Plenarversammlung ein detaillirter Bericht verlesen wird. Des Ferneren verweist der Präsident auf die Thätigkeit der Bezirkscommiffionen und der Schätzungseommiffion, welchen nunmehr die Aufgabe obliegt, im Sinne des Cultussteuer-Regulativs die Cultussteuer-Bemeffungen für das nächste Triennium vorzunehmen, und gedenkt hiebei in anerkennenden Worten der bisherigen, unter zielbewusster Leitung entwickelten Thätigkeit dieser Corporationen, welche stets bemüht sind, unter Ausschluss jeder Härte und bei vollster Bedachtnahme aller berücksichtigenswehrten Momente das Interesse der Gemeinde zu wahren und. dass in Fällen, in welchen sich die BerhalltniAe einzelner- Steuerträger geändert haben, diesem Umstande voll- Rechnung getragen werde. Der Vorsitzende erwähnt weiters,- dass auch die Herren : Viceprästdent Dr. Kohn, kaiserl: Rath HiösH Wilhelm Kuffner und Salo C o h n -als Delegirte des CultÄ« Vorstandes an den diesbezüglichen Berathungen regen Anthej nahmen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.