Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 38 (30.9.1902)
- Date
- 1902-09-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Mt. 38. Beilage zur Zeitschrift ,£'a Wahrheit." 22. Iahrg. korek haschonoh und Jom kippur. Bon Obercantor I osef Singer in Wien. So stünden wir, jüdische Cantoren, wieder einmal vor unserer gewaltigsten Jahresarbeit, einer Leistung, die von keinem Laien ihrem ganzen Umfange nach erfasst, die von keinem, auch dem intelligentesten und wohlwollendsten (?) Vorstandsmitgliede ihrer wahren Bedeutung nach vollauf gewürdigt, die nur von demjenigen in ihrer erschöpfenden Totalität erkannt werden kann, der Gelegenheit hatte, an dieser Arbeit sich praktisch zu bethatigen, d. h. selbst vorzubeten. Doch der eine Gesichtspunkt dürfte iuimerhiu zur Geltung gelangen, dass man. angesichts dieser gewaltigen Arbeit, veranlasst wäre, wenigstens eine physische Kraftleistung anzuerkenneu, und auch wir neigen uns dieser Anschauung, als den Thatsachen entsprechend, vollinhaltlich zu, wenngleich wir bei der vorliegenden Darbietung allerdings von ganz anderen, den wichtigen Gegenstand betreffenden Gesichtspunkten erfüllt sind. Lo becbajil, welo bekoach, ki im beruchi. Doch, verweilen wir einen Moment auch bei der Kraftleistung, so sind wir in der Lage, unsere jüngeren Fachgenossen — die älteren besitzen ja ihre eigenen Anschauungen, von denen sie nicht abzulenken sein dürsten — ein Geheimnis zu verrathen, weühes auf langjähriger Erfahrung beruht und daher als ein bewährtes Mittel anheimgestellt werden darf. Acceptiren wir nun den Standpunkt derjenigen, die die Jomim aoroirn-Leistung der jüdischen Cantoren als eine rein imposante Stimmleistung erachten, so wird man uns sicherlich bie Behauptung zugestehen, dass jeder von uns auch verpflichtet sei, geeignete Vorbereitungsmittel zur Kräftigung der Dauerfähigkeit unserer Stimme anzuwenden. Die Auswahl dieser Mittel und Mittelchen nun ist so mannigfaltig, dass jedes einzelne, weil der jeweiligen objectiven Auffassung entstammend, keineswegs als allgemeines Palliativ aufgestellt werden kann Da ist vorerst das Arsenal von Medikamenten zur Hintan- Haltung von Catarrhen und anderen stimmlichen Jndipositionen, dann auch der Curgebrauch der Emser, Reichenhaller und Gleichenberger Trinkquellen, welche geradezu Wunder wirken sollen. Die Heilkraft dieser berühmten Trinkkuren fürangegriffene Sing- und Sprechorgane muß unumwunden zugestanden werden, wem: dieselben rechtzeitig, d. h. in den ersten Frühlings- oder Sommermonaten gebraucht werden; allein die meisten Cantoren sind erst in den „drei Wochen- und noch später in der Lage, ihren Jahresurlaub anzutreten, und beendigen ihre Cur erst vor den Feiertagen, so dass sie veranlasst sind, sofort nach dem Curgebrauch-: ihre Siugthätigkeit anfnehmen zu müssen, welche Praktik auch vom ärztlichen Standpunkte entschieden verworfen werden muß. Eine zweite, vermeintliche Kräftigung des Stimnlorgaues besteht in der Ruhe. Aller Verpflichtungen enttedigt zu sein, ist ja im Allgemeinen etwas Wonnevolles. Im Allgemeinen! Doch muthen wir — man verzeihe den Vergleich — einem Berufsturner zu, seine Thätigkeit für einen gewissen Zeitpunkt eiuzustellen, ob er im Stande sein wird, gleich nach Ablauf dieser Ruhepause eine Turnleistuug allerersten Ranges vorzunehmen? Wir brauchen die Nutzanwendung dieses vielleicht etwas trivalen, jedoch zutreffenden Vergleiches nicht weiter zu erläutern, dieselbe liegt ja klar zu Tage, und schreiten nun zur Anempfehlung unseres, seit Jahrzehnten erprobten, respective sich gottlob ausgezeichnet bewährten GeheimmittelchenS, welches wir allen beruflich singenden und sprechenden Menschen bestens empfehlen können. Dieses Geheimmittel besteht gerade in der geradezu entgegengesetzte» Auffassung der vorerwähnten Mittel — in der stetigen Uebung des Singorganes, d. h. i n u n un t e r b r o ch e u e m S i n g e n. Man wird dem Schreiber dieser Zeilen hoffentlich nicht den Einwurf machen wollen, dass er der seiner umfassenden Thätigkeit am Friedhofe und bei Trauungen, bei seiner Lehrthätigkeit am Blindeninstitute und in der Mädchenwaisenanstatt die ganze Woche hübsch ausrnhe und nur einmal, beziehungsweise zweimal in der Woche eigentlich zu singen habe. Das trifft, wie erwähnt, bei ihm gar nicht zu; denn er hat die Woche hindurch genügend zu singen und zu sagen, hat auch während seiner nahezu 22jährigen Wiener Amtschätigkeit niemals einen Urlaub angetreten und durchwegs mide schabbos beachabatto mit Gottes Hilfe seine Functionen versehen. Dieser Hinweis aus die continuirliche Arbeit dürfte, als unbequemes Kräftigungmittel des Stimmorganes, von Manchem, vielleicht von Vielen belächelt und zurückgewiesen, muß jedoch als den thatsächlichen Verhältnißen entsprechend, vollinhaltlich zugestanden werden, selbst auf die Gefahr hin, dass durch die stetige Arbeit manche vorübergehende Gesundheitsstörung hervorgerüfen werden könnte. Bezüglich der fachmännischen Sicherstellung der großen Leistung besteht die Praktik, erst kurz vor Beginn der Feiertage das Rösch hoschonoh-Machsor zur Hand zu nehmen und durch eifriges Singen und Sagen die im Winterschlaf liegenden heiligen Melodien zu neuem Leben aufznrütteln. Wäre es nicht geeigneter, anstatt im letzten Momente nach Melodien zu fahnden, das ganze Jahr über das Wesen, den Ntusikalischen Character, die Tonarten derselben rc. nachzudenken und in den Jahresruhepausen diese ernste und hochwichtige Arbeit mit Muße und Sachkenntnis vorzubereiteu? Wie viele von uns singen, sagen und drehen, ohne eine Ahnung davon zu haben, welcher Kategorie jene Touverbindungen angehöreu, die sie mit todesmuthiger Sangesbegeisterung zu Gehör bringen! Sangesbegeisterung? Ein schlecht "gewähltes Wort! Zur Selbstbegeisterung sowie zur Begeisterung der andächtigen Zuhörer gehört in allererster Reihe das Sebsterfülltsein von der Heiligkeit und Wichtigkeit der uns übertragenen heiligen Miffion. Muß schon derjeuige, der im Namen einer größeren Gemeinschaft vor den Machthabern des Reiches um Gewährung einer Bitte hinzutreten berufen ist, im Besitze mannigfacher bedeutsamer Eignungen sein, um im rechten Augenblicke dem rechten Worte den rechten Nachdruck zu verleihen, um wie bedeutsamer müssen die ethischen Qualitäten desjenigen sein, der an heiliger Stätte, in heiliger Stunde vor dem Allerheiligsten der Welt hinzutreten berufen ist, um für sein Volk Gnade und Erbarmen zu erflehen! Glanz, Umfang und Stimme sind allerdings werthvolle Behelfe, doch, wenn der vorzuttagende Ton nicht von d« inneren Stimme der Ethik durchglüht ist, zerstiebt die Gervaltanstrengung wie Spreu vor dem Winde. 7 Betrachten wir nun die in der Jetztzeit platzgegriffenen Verhällniße, so umflort sich her Blick angesichts der traurigen Erscheinungen, innerhalb des jüdischen Cantorates. Es. drängen sich Individuen zum Tische des Herrn, deren Moral in Zweifel zu ziehen, bei vielen jedoch geradezu aitgetastet ist. Es ist soweit gekommen, dass von den Behörden und Gemeindeobrigkeilen die sittliche Eignung gar nicht berücksichtigt, auch