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Die Wahrheit · 1902-09-30 · Heft 38 (30.9.1902) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 38 (30.9.1902)
Date
1902-09-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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-.r. 38 Pie Ws^heit. Seite 9. uungen der Menschenliebe und der Duldung, welche die Vertreter der hohen Regierung und dieser Stadt und zahlreiche Mitbürger durch ihr Erscheinen bekunden". .1 Die geist- und wirkungsvolle Rede schloß mit folgenden Worten: „Laut und voll Dankbarkeit wollen wir mm unsere Stimme zu Gott erheben und ausrufen: „Schaue hernieder von Deinem heiligen Sitz im Himmel und sende Deinen Segen!" Segne, beschütze und erhalte unseren erhabenen und gütigen Landesvater, der alle seine Unterthanen mit gleicher Liebe umfasst, Kaiser Franz Joscf I. und das ganze kaiserliche Haus, segne das Vaterland, dass die Bande des Friedens und der Einigkeit alle seine Stämme umschlingen, segne diese Stadt, dass sie wachse, blühe und gedeihe, segne diese Gemeinde, dass Deine heilige Lehre, Wahrheit, Recht und Tugend in ihr eifrige Pflege finden, segne Alle, die an diesem Bau mitgewirkt, die ihn entworfen und ausgesührt, die das Haus geschmückt und ausgestattet und Liebesgaben für seine Einrichtung gespendet haben, und möge jetzt und in aller Zukunft an denen, die hier andächtig ein- und ausgehen, das Wort sich erfüllen: „Gesegnet seist Du bei Deinem Eingang und gesegnet seist Du bei Deinem Ausgang!" Nach der Festpredigt des Oberrabbiners hielt der Vicepräsident der Wr. Eultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, folgende Ansprache: „Für die Wiener Cultnsgemeinde habe ich als deren Vice-Präsident die Mission übernommen, die Glückwünsche, welche Ihnen dieselbe anlässlich der Errichtung Ihres neuen Gotteshauses schriftlich übermittelte, neuerlich mündlich zu herzlichstem Ansdrucke zN bringen. Durch die Errichtung eines öffentlichen Gotteshauses üben Sie, eine uralte, nach mehryundertjähriger Unterbrechung vor etwa 50 Jahren wieder entstandene israel.. Eultusgemeinde, einen wahren Kidusch Hasahem. ' Durch den öffentlichen Gottesdienst, zu welchem nicht allein Miseren 'Glaubensgenossen, sondern auch unseren christlichen Mitbürgern der Zutritt offen steht, wird der Beweis geliefert und immer und immer wieder von neuem erbracht, dass wir gar nichts zu verheimlichen nnd zu verbergen haben, dass Alleswas bei uns gesagt und gesungen, gelehrt und gelernt wird, in ethischer Beziehung, in Beziehung zu unseren Mitmenschen in dem obersten Princip unseres Sittengesetzes wurzelt, in dem Principe, welches in dem 19. Cap. III. Buch Mosis seinen lapidaren Ausdruck findet in den Worten: „Weohawto lereacho komaucho, du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst." Die Errichtung des öffentlichen Gotteshauses in dieser Gemeinde liefert aber auch den Beweis und ist ein Ausfluss der zwischen uns nie erloschenen und nie erlöschenden Zusammengehörigkeit. Diesem Gedanken, diesen Empfindungen gebe ich Ausdruck durch meine Begrüßung Namens der größten israelitischen Eultusgemeinde in Oesterreich, der Wiener Eultusgemeinde, und ich reihe hieran die Begrüßung und Beglückwünschung von Hunderten österreichischen israelitischen Cultusgeckeinden, welche in der von uns präsidirten Vereinigungder >auch seit deren Begründung die Eultusgemeinde Wr.-Neustadt angehprt, vertreten sind, dem allgemeinen österreichisch-israelitischen Bunde, und ich reihe hieran die Begrüßung Namens des großen Vereines, der seit einem Drittel Jahrhunderte) es sich zur Aufgabe setzt, unseren Glaubensbrüdern dort, wo sie ihres Glaubens wegen zu leiden haben, sei es im In- oder Auslände, hilfreich zur Seite stehen, der Israelitischen Allianz zu Wien. . Unser «Willkommens- und Abschiedsgruß lautetg nach uraltem Brauche: Scfcolaum Alechem, Friede sei mit Euch! Mit diesem an die Eultusgemeinde Wr.- Neustadt, am alle hier, im Gotteshause Anwesenden, an alle Bürger dieser Stadt-gerichteten Begrüßungsworte: Zodolaurn Aleebern-Friede sei)mitEuch, — schließeich." ) Mit der Ab siygmlg der Völkshynme schloß die erhebende und glänzende Feier) näWeren Beendigung Baurath Stiaßny von alleN^ Ttzeitnrhchern derselben beglückwünscht wurde. Allgemeine Anerkennung wurde auch dem Präsidenten der* Eultusgemeinde, Herrn Ignatz Schischa, und dem Obercantor Landau für seine ausgezeichnete, gesangliche Leistung zu Theil. Vor de« sranMschen Lriegsgerichl. Episode aus dem deutsch-französischen Kriege, nacherzahlt von Jos. Eppstein. (Fortsetzung.) Wenn Dich, freundlicher Leser oder Leserin, Deine Schritte in das schöne Reichsland führen und die gewattige Festung Metz mit ihren stundenweit ausgedehnten Fortificatiouen Deinem Auge entgegentritt, wenn Du von dem Hauptbahnhof aus durch die düsteren Mauern des Thores in die Stadt einbiegst, so versäume es nicht, zur linken Hand in die prächtige Esplanade einzubiegen. In prägnanter Weife findest Du daselbst auf engem Raume zwei bedeutende Epochen der neueren Zeit verkörpert. Auf gramtnem Sockel steht vor uns die überaus kraftvoll gehaltene, formidable Gestatt des Marschalls Ney, eines der tapfersten und bedeutendsten Heerführer des ersten französischen Kaiserreichs, der dir glänzendsten Zeiten Napoleons I. miterringen half, aber auch die Treue gegen seinen über Alles geliebten Kaiser mit dem Leben bezahlte. Durch eine Fülle wohlangelegter Blumenbeete, in deren Mitte zierliche Springbrunneil ihre Wäffer nach allen Seiten hin in ein großes Baffin vertheileu, wandeln wir weiter, und auf schwarzem Marmorstein, hoch zu Roß, mit der ausgestreckten Hand nach den Landen von Frankreich deutend, erhebt sich vor uns in künstlerischer und doch natürlicher Vollendung die imposante Gestalt des Heldenkaifers Wilhelm I., der den Feind bezwungen und Deutschland geeinigt hat. Biegen wir nun ein wenig rechts zur Seite — gleichsam um auch der Mithelfer bei dem großen Kampfe nicht zu vergeffen — so erblicken wir in einfacher Stellung und Haltung das Standbild des Prinzen Friedrich, des Hußaren- Generals. Er war es insbesondere, der mit seiner Armee die Einschließung von Metz vollbrachte und mit eiserner Beharrlichkeit jeden Durchbruchsversuch des Feindes vereitelte. Ein großes Tohu wabohu herrschte Ende August in devon den Deutschen cernirten Stadt; außer der Civilbevölkerung, welche durch Z^zug bedeutend vergrößert war, und der gewöhnlichen Besatzung, befanden sich in derselben die geschlagenen Theile der großen „Armee du Rhin“, sowie eine große Anzahl Mobil- und Nationalgarden, und mag wohl der Höchstcommandirende, Marschall Bazaine, seine liebe Noth gehabt haben, um die verschiedenen, zum Theil versprengten Heerkörper zu einem einheitlichen Ganzen zu vereinigen, da er alsdann erst unter seiner erfahrener Führung es ernstlich versuchen konnte, den eisernen Ring der Deutschen zu durchbrechen. Unseren Freund Moise finden wir in der Rue de l’arsenal, wo er nahe der, Synagoge eine kleine Wohnung gemietet und sich häuslich eingerichtet hatte. Es war ihm nicht gar leicht geworden, den Truppentheil, mit welchem er früher in Verbindung gestanden und dem er weiter zu liefern gedachte, ausfindig zu machen, und als ihm dies endlich gelungen, wurde ihm bedeutet, fich mit seineui Anliegen direct an die Generalintendantur zu wenden, welche Lieferungen für ein ganzes Armeecorps abzuschließen befugt sei. Diese werde gerne mit ihur abschlreßen, um die Magazine möglichst zu schonen, aber dann müsste auch die Lieferung in einer kurz bemessenen Frist effectuirt sein. Eine solche Ausgabe überstieg die Kräfte unseres Freundes; er sah fich deshalb nach Teilhabern um, die den Nutzen wie das Rifiko des Unternehmens theilen würden, und fand auch leicht etliche capitalttäftige Herren, welche fich zu einem Konsortium verbanden, um ein bedeutendes Quantum Lebensmittel für ein ganzes Corps zu beschaffen. Vorweg wollen wir bemerken, dass das Unternehmen, vom Glück begünstigt, vollkommen reuffirte und den Teilnehmern einige Früchte trug. Der Vertrag kam zu Stande; nun wurde gearbeitet, in. aller Hast wurde aufgestöbert, was und wo zu finden war, und man konnte schon erkennen, dass man in der Lage sei, die gestellten Bedingungen zu erfüllen, sowie die festgesetzte Frist innezuhalten trotz der Gehäffigkeit, welche die heimische« Lieferanten d'yr Unternehmen aus Schritt und Tritt bereiteten.

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