Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1902-09-30 · Heft 38 (30.9.1902) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 38 (30.9.1902)
Date
1902-09-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063113-3063151--02128-3068778
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 38 Die Wahrheit. Seite 11. sehr oft mit geradezu beleidigender Abfichtlichkeit - das ethischmoralische Moment perhorrescirt wird. Wenn nur die Stimmgewalt imponirt, wenn nur die Coleiaturen verblüffen, wenn der Vortragende nur mit der nöthigen Kühnheit auftritt, so kann er, der das ganze Jahr über sündigt und frevelt, gehüllt in das unschuldsvolle Weiß d:s Betmantels, als Ab, gesandter der Gemeinde hintreten vor Gott und mit starken, wenn auch sunheiligen Tönen die Worte hinausschmettern: Selach no laawon hoom haseh. Erscheint es nicht geradezu wie ein Hohn, wenn man mit unreinen Händen nach Heiligthümeru greift, wenn es solchen Individuen behördlich gestattet ist. in das Heiligthum des Herrn einzutreten? Deshalb ergeht an Euch, College« allesammt, die Ihr Euer Wirken und Schaffen wahrhaft ideal dem Dienste des Herrn geweiht, jetzt in andachtsvoller Rüstzeit noch einmal die Aufforderung, Euch zu einer großen Gemeinschaft zu organisiren. Wenn die Behörden und Gemeindevorstehungen sich von uns wenden und uns den gerechten Schutz vorenthalten, werden wir selbst unsere Anwälte, schützen wir uns vor Eindringlingen, die unsere Gemeinschaft verunglimpfen, damit das jüdische Cantorat rein und heilig dastehe vor den Augen Gottes und der Welt, nach den Worten der Schrift: „Wehojo machanecho kodosch“. verschiedene Nachrichten. Wen. (Jüdisches Museum.) Das der „Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst-' und historischen Denkmälern des Judenthums" unterstehende Jüdische Museum, I., Krugerstraße 8. Mezzanin, ist vom 4. d. M. an bis auf Weiteres jeden Samstag von 11 — 1 Uhr Mittags zur freien Besichtigung geöffnet. Wen. (Festgottesdienst für die Jugend.) In unserer Gemeinde ist eine Institution ins Leben getreten, die besondere Würdigung verdient. Ganz in der Stille sind einige Private, die Herz und Sinn für das Judenthum besitzen, mit einer Anzahl von Lehrern an die Lösung der Aufgabe gegangen, für die Jugend und in erster Reihe für die Armen uyd Verwaisten zu den hohen Festtagen einen eigenen Gottesdienst zu 'organisiren. Vom Vorstande der Cultusgemeinde in munificenter Weise gefördert, angeeifert und unterstützt von Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemann und Herrn Rabbiner Dr. Schmied!, sodann von Herrn Obercantor Singer wurde schon im Vorjahre ein Jugendfestgottesdienst im II. Bez., Leopoldsgasse 49, abgehalten. Demselben wird sich in diesem Jahre ein zweiter im VI. Bez., Schmalzhofgaffe 10, anreihen. Wir möchten nun mit diesen Zeilen alle Glaubensgenoffen auf das Wirken des Verbandes „Tefilas-Haneorim" aufmerksam machen, dessen Bedeutung und Verdienstlichkeit eines Commentares nicht bedarf und der berufen zu sein scheint, künftig eine wichtige Stellung in unserer Gemeinde einzunehmen. Wien. Der Vorstand des Bethausvereines „Montefiore" macht hiermit bekannt, dass die Vermiethung der noch verfügbaren Sitze im Bethause II., Taborstraße Nr. 38, an Wochentagen 7—8 Uhr Vormittags und 6—9 Uhr Abends in der Vereinskanzlei erfolgt. Die Bermiethung der Plätze für den Filialgottesdienst im Prachtsaale II., Stephaniestraße 6/, findet zur selben Zeit im genannten Saale statt. Aaden. Am 17. d. fand die Trauung des Fräuleins Emma Reich, Tochter unseres ehrwürdigen Rabbiners Herrn Wilhelm Reich, mit dem Gutspächter, Herrn Wilhelm Rosenzweig aus Neutra, im großen Tempelhofe statt. Die Function vollzogen der Vater der Braut und die beiden Cantoren Jakob Schäfer und M. Seifert. Die Betheiligung bei dem feierlichen Acte war eine außerordentlich große. Unter den zahlreichen Gästen befanden sich die ehrwürdigen Brüder des Brautvaters, die Herren Kopl Reich, Oberrabbiner der orthodoxen Gemeinde in Budapest, H. Reich, Rabbiner in Wien, Moriz Reich, Rabbiner in Baan, der Schwager, Herr B. Duschinski, Rabbiner in Namensdorf, der Neffe ^Herr S. W. Reich, Rabbiner in Berbo, Herr Moriz Leitner, Cultusvorsteher der Badener Cultusgemeinde, deffen Stellvertreter Herr Anton Schneider und der gesammte Cultusausschujs. Aus der Wiener Cultusgemeinde erschienen: Herr Oberrabiner Dr. Moriz Güdemann sammt Gemahlin, Vicepräsident Dr. Alfred Stern, Dr. Gelbhaus, Professor Dr. Büchler u. v. A. Beim herrlich arrangirten Hochzeitsfeste im Hotel Rausnitz war es sehr animstt. Obercantor Bela Gutmann aus Wien, sowie Cantor Seifert erfreuten die Gäste mit schönen Gesangs- Vorträgen und wurden auch viele und geistreiche Toaste ausgebracht. Am selben Tage feierte auch der Präses der isr. Cultusgemeinde Baden, Herr Moritz Leitner, seinen 6V. Geburtstag, bei welchem Anlässe ihm der Cultusausschuss für sein segensreiches Wirken in der Cultusgemeinde eine Adresse überreichte. Nrag. Am 21. d. M. fand in der hiesigen altehrwürdigen. Klaussynagoge die Trauung des reizenden Fräulein Olga, Tochter der hier allgemein geachteten Herrn Simon Devidels, Handschuhfabrikanten, mit Herrn Ernst Götzt aus Wien statt. Die mit Blumen geschmückte Synagoge bot ein Bild, wie man es nicht häufig zu sehe« bekommt. Ein äußerst distinguirteS Publikum füllte alle Raume des großen Gotteshauses, und Alles lauschte voll Spannung den herrliche« Borträgen deS Obercantors Sigm. Schwarz, der sich allgemeiner Beliebtheit erfreut. Sämmtliche Gesänge waren eigene Compositionen des Obercantors, der mit denselben einen Beweis seiner großen musikalischen Fähigkeiten und seiner wohlklingenden Baritonstimme erbrachte. Die Trauungsrede des Herrn Oberrabbiner Dr. Rath. Ehrenfeld war sowohl der Form als auch dem Inhalt nach eine vollendete und übte auf alle Zuhörer einen nachhaltigen Eindruck. Aagy Kani^ka. Der älteste Cultusbeamte der Gemeinde Nagy Kanizfa, Herr Samuel Goldmann, feiert am 2». October d. I. das in dieser Gemeinde zurückgelegte 4V. Amtsjahr. Schließt schon diese lange Dauer der Funetionszeit in einer Großgemeinde wie Ragy Kanizsa die Tüchtigkeit und-Berufssähigkeit des allbeliebten Beamten in sich, so fühlen wir uns noch veranlasst, die Berufstreue, Friedliebe und Bescheidenheit des Herrn S. Goldmann bei seinen Functionen im Tempel, wie auch in der Gemeindekanzlei hervorzuheben. Geradezu musterhaft und nachahmenswerth ist sei» grammatikalisch richtiger Vortrag der Gebete, wie beim Borlesen aus der Thora, ohne in alte Schnörkeleien zu verfallen. Während der Zeit seiner Studien in Wien unter den Altmeistern Sulzer und Fischer hat er namentlich letzterem die seinerzeit so gerne gehörte Vortragsweise abgelauscht und die Herzen aller seiner Tempelbesucher in andächtiger Stimmung stets zu Gott erhoben. Be» sonders rühmenswerth ist bei der Vielseitigkeit seiner Amtsbeschäftigung seine ungeschwächt gebliebene stimmliche Ausdauer. An Sen hohen Feiertagen versieht Herr Cantor Goldmann im großen Tempel die Functionen als zweiter, und im Bethause ebenfalls unter Chor, und Harmonium- Begleitung die Functionen als erster Cantor. Freudestrahlenden Ant' litzes schreitet er dann noch, gleich dem Touristen, der nach langer Mühe und Anstrengung die Gipselspitze erreicht, am Jom Kipur-Abend zumMaarivgebete, um dem Allgütigen für die verliehene Kraft zu danken. Seine Devise, „Schewa bajom hillalticho“ — sieben Mal des Tages lobe ich Dich — die er in Folge seiner Leistungen an gewissen Samstagen, an welchen er den Obercantor vertreten, einen doppelten Gottesdienst der Schuljugend geleitet und die eigenen Agenden versehen, als Wahlspruch angenommen, hat er im buchstäblichen Sinne vollinhaltlich gerechtfertigt. Herr Sam. Goldmann, welcher auch zum Wiener Cantoren» bunde und deffen Organe vom Anbeginne an bis heute mit collegialer Treue gehalten, hat seine Thätigkeit als Cantor bereits im Jahre 1854 begonnen und bis heute ununterbrochen fortgesetzt. Die Liebe zu seinem Berufe hält ihn an seinem Amte fest, er scheut den tödtenden Müssiggang und wird in seiner ihm zur zweiten Heimat gewordenen lieben! Gemeinde, wo seine Kinder vornehme soziale Stellungen einnehmen, weiter fort wirken. Nürnberg. Letzten Freitag fand die feierliche Synagogeneinweihung der hies. israel. Religionsgesellschaft „Adas Israel" statt. Um halb 5 Uhr abends war die prachtvolle, als Sehenswürdigkeit zu bezeichnende Syna, zöge von einer festlich gekleideten Menge dicht besetzt. In der Borhalle wo sich die Vorstände und die Ehrengäste versammelten, hielt Herr Architekt Ochsenmayer eine Ansprache und überreichte dem Vorstande. Herrn D. Sichel, die Schlüssel. Letzterer antwortete in wohlgeformter, beifällig ausgenommener Rede. Hieran anknüpfend, setzte der als gewandter Redner bekannte Vorstand, Herr Grünbaum, die Bedeutung dieses ereignisvollen Tages vortrefflich auseinander, wonach Vorstand Mayer mit begeisternden Worten die Mitglieder zur Förderung der Religionsgesellschaft anspornte. Run begann der Festakt in der Synagoge, wo alles auf die Leistung des neugewählten Obercantors Adolf Neufeld, der bisher in Nikolsburg fungirte, gespannt war. Derselbe intonirte mit dem von ihm neugeschulten Chor das Matowu und die übrigen Festgesänge und brachte seine prachtvolle sympathische Stimme vollständig zur Geltung. Hierauf entwarf der Festredner, Herr Ansbacher, in gelungener Rede ei» Bild der grauen Nürnberger Vorzeit, im Vergleich zur heutigen Zeit. Mt dem Psalm „Llismor L’soda" schloß die erhebende Feier, die den Anwesenden in unauslöschlicher Erinnerung bleiben wird. Die Vorstände wurden allgemein beglückwünscht zu dem so großartig gelungenen Werke, ebenso Herr Obercantor Neufeld, der sich in dieser kurzen Zeit seines Hierseins allseitige Beliebtheit erworben hat. Der Religionsgesellschaft „Adas Israel^ wünschen wir vom Herzen: xvui pn Saris, 29. September. Emile Zola wurde heute halb 11 Uhr Vormittags in seiner Wohnung todt aufgefunden. Die Todesursache ist Erstickung, herbeigeführt durch Ausströmung von Kohlenoxydgas aus der schlecht functionirenden Heizung. Im selben Zimmer lag seine Gattin in tiefer Bewusstlosigkeit, doch gelang es, sie ins Leben zurürtzurufen. Allen Freunden, Gönnern, und Mitarbeitern unsere» Blattes wünschen wir auf diesem Wege nmn n»n rur Obercantor Jaeob Bauer. Dr. M. Löwy Chef-Redacteur.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.