Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 38 (30.9.1902)
- Date
- 1902-09-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit. m. 38 anders haltlose Halbheiten von ihm vermieden werden solle»!, — so hatte es einfach in aller Form zu erklären: durch unsere neunrehnhundertjählige Geschichte in der Diasspora. muß ein dicker Strich gezogen werden. Sie ist nichts, denn eine einzige heillose Verirrung! Sovel ist jedoch ohne werteres aus unserer Darlegung klar, dass dieser unter der Flagge des Judenthurns öeii Dr. Jakob vertretene Standpunkt — was die Auffassung des AU gemeinen, wie des Einzelnen betrifft — ganz und gar mit dem des Christenthnrns sich deckt. Was ihm noch fehlt, ist die sogenannte Christologie. Nun erscheint aber diese in dem modernen Protestantismus aus das äußerste Mindestmaß eingeschränk». Von dem wahren Judenthume aber ist derselbe — um eine ganze Weltanschauung getrennt. Er könnte daher mit viel größerer, innerer Berechtigung sich als eine besondere Richtung des Christenthums, denn als eine solche des Judenlhums ausgeben. Demgegenüber müssen wir um so entschiedener die Thalsache he»ausstellen, dass unsere Religion schon bei unseren Erzvätern noch vor der sinaitischen Offenbarung die aus gesprochene Tendenz zeigt, ihr religiöses Beivusstsein in be stimmten Gesetzen auszuprägen. Es soll hier zunächst nichi einmal ein besonderes Gewicht auf den Umstand gelegt werden, dass Moses bereits vor der Erlösung aus Aegypten neben den Bestimmungen über das Befreiungsopser ein ganzer Complcx von Gesetzen offenbart worden ist. (2. B. M., Cap. XII—XIII. 16.) Moses selbst hat seinerseits ans dieser Thatsache die richtigen Folgerunge»» z»» ziehen gewusst. Dieselben mögen allerdings gerade nicht in der Richtung des modernen Geschmacks gelegen sein. Sobald als es nur die äußeren Umstände der eben Befreiten zuließen, gab er ans eigener Machlvollkommen heit denselben 22VD1 pin (2. B. Dt., 15, 25; vergl. Rambam z. St.) „Satzung und Recht." Dies alleine vermochte nur den zusammengewürfelte,» Hausen in eine feste Ord »ung zu bringen. Wie hoch diese Thatsuche dewerthet wurde, verräth uns ein Zug. der meines Wissens bisher wenig brachtet wurde. Bisher liaunte er seine Schutzbefohlenen enttveder kurzweg vp „Volk", oder „Jsraeliien". (Das. 14, 20 und 30; 15, 22 und 24.) Nachdem sie die höchsten moralischen Errungenschaften sich zu eigen gemacht, »vurdeu sie zum ersten Male mi» einer gewissen Feierlichkeit durch den Ehrentitel '32 my „Gemeinde der Kinder Israel" (das. 16, 1 und 2) ausgezeichnet. (Fortsetzung folgt.) Synagogen-Linweihung in Wiener-Neustadt. Unter imposanter Theilnahme der staatlichen und Orts behörden, sowie zahlreicher Festgäste ans Wien und anderen ^Gemeinden fand Donnerstag, den 18. d. M., 3 Uhr Nachmittags, die Einweihung unserer neuen, von dem genialen Architekten, k. k. Bauralh Wilhelm Stiaßny, erbauten Syna goge statt. An der Feier irahmeu Theil: Stalthaltereirath Ritter von Stahl, in Vertretung der nied.-öfter r. Statthalterei, Bürgermeister Kammann mit mehreren Gemeinde-- uitb Stadträthen, der Vicepräsident der israelitischen Cultusgenreinde in Wien, Dr. Alfred Stern, Oberrabbiner Dr. Güdemaun, Staatsanwalt Oberlandesgerichtsrath von Hueber, Landes gerichisrath Dr. Spitzkopf ans Wien, Landlagsabgeordueter Faber, Slationscommandaut Hauptmann Schmidt in Vertretung Des verhinderten Platzcommandaten, ferner der Vertreter der k. u. k. Alilitäracademie, der in Wiener-Neustadt und Umgebung dislocirteu Regimenter, des k. u. k. Fecht- und Turnlehrercurses, des Bürgercorps, der Fouerwehr Deputationen der katholischen und evangelischen Gemeinden,ddie Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde Baden, Leitner, Schneider, Klauber und Oedenburger, Vertreter der Gemeinden Neunkirchen, Mattersdorf, Preßburg, der Betvereiue Vöslau, Liesing, das Vorstandsmitglied des i)i\ Tempelvereiues im IX. Bezirk, Trrbitsch, Obercantor Kläger, Oberofficial Strausky u. v^ A. - Nach einem stimmungsvollen Präludium intsnirte Obereantor Landau usit dem von Cantor Pekarnik trefflich ge-> leiteten Chore den großen Sulzer'schen „Hallslu^ak", und hierauf hielt Baurgth Stiaßny eine Ansprache an die Versammlnng, in welcher er das neue» baute Gotteshaus feierlichst der Genteinde übergab, Allen, die den Bau förderten und bei demselben mitthätig waren, besonders dem Bürgermeister, den Vertretern der Regierung. de»n Gemeiudepräsideuten Schischa und dem gesammten Cultusvorsta»tde, dem Baumeister Schmidt und de»n Bauleiter Reiser Dank sagte und schließlich den Wunsch aussprach, dass der allmächtige Bau-' meister aller Welten, der Ehrwürdige aller Zeiten, Attik. Jomirn, dieses Haus in seine Obhut nehmen, es schirmen und erhalten möge, auf dass es noch in späten Zeiten den frommen Sinn seiner'Begründer verkünde. Das Schlusswort des Redners „Ewen moassoh ba> bonim hojsoh lerosch pinoh“ wurde von Cantor und Chor wiederholt, und hieraus übernahm der Präsident der Nxnstädler Cultusgemeinde, Harr Ignaz Schischa, das „Schmuckkästchen", wie er in seiner schwungvollen Ansprache das Gotteshaus nanrrte, und dankte im Namen der Gemeinde allen Spendern und Mitarbeitern, vor Allem aber dem Schöpfer des Monumentalbanes, der ein Werk geschaffen, das Gott zur Ehre, der Stadl zur Zierde, der Gemeinde zur Erbauung und auch zum Ruhme gereicht und den komin.nden Geschlechtern zeigen und sagen »vird, was Glanbensrreue und Eifer, einträchtiges Znsammenwirken und Opserwilligkeit zu schaffen vermochten. Nun stimlnten Cantor und Chor das Na-to^u an, dann entzündete Rabbinalsverweser Weiß nach einer begeisterten Rede das eivige Licht, »vorauf unter Vorantritt rveißgekleideter, blnmenstreuender Mädchen der Einzug der Thorarollen erfolgte. Nach Schließung der Bundeslade hielt Oberrabbiner Dr. Gndemann die Festpredigl, in »velcher er auknüpfend mr den Vers des Wochenabschnittes : „Gesegnet feist Du bei Deinem : Eingänge und gesegnet seist Du bei Deinem Ansgange" zn- . nächst die Bedeutung des Gotteshauses im Allgemeinen charakterisirte und dann darauf hinlvies, dass in Wiener-Neustadt vor Jahrhunderten eine bedeutende jüdische Gemeinde; blähte, in welcher hervorragende Rabbiner, »vie Rabbi Israel d. Petachja, genannt Jsserlein, n»td Andere lehrten. „Zu diesem gefeierten Lehrer, und zu ältere»» vor ihm, bis in das - XIII. Jahrhundert zurück, tvallfahrteten aus »veiter Ferne lernbegierige jüdische Jünglinge, von den Usern der Elbe, des Rheins und der Donau strömten sie hier zusammen, um. der» Vorträgen dieser Männer zu lausche»», und so bildete; Wiener-Neustadl eine altberühmte, vielbesuchte Stätte jüdischer ' Gelehrsamkeit.; Die Verkehr s - und Vortragssprache in den hiesigen; - Schüler» »var die deutsche. Die ebenso »vanoerlnstigen »vie lern-- eisrigen jüdischen Jünglinge nahmen sie nun weiter nach Süden! mit sich und hielten bei der de»» Juden eigemhüinlichen Anhänglichkeit auch in dein Geltungsgebiete eines anderen Idioms; unverbrt'tchlich daran fest. So karn es, dass »ve»t über die; jetzige deutsche Sprachgrenze hinaus, selbst in Oberilalien, in! den jüdischen Gemeinden deutsch gesprochen und gelehrt wurde j und dass die Jaden sreilvillige Vorposten der deutschen Sprache ' bildeten. Aber der Geisi der Unduldsamkeit drang hier und in die ■ benachbarte»» Provinzen ein und führte die Vertreibung der Juden herbei, die indeß nicht für sie allein beklagenswerth rv»rr. Denn Unrecht und Gewalt schaden nicht blos dem, oer sie erleidet, sondern auch dein, der sie ausübt. — Das ist eine ' leider oft vernachlässigte Wahrheit. Die Zeiten sind nun andere geworden, nn.d heute erhebt 1 sich in der jüdischen Gemeinde zu Wiener-Neustadt »vieder eiu Gotteshaus, wohl nicht an demselbenOrte, wo das einstige stand, aber sicher, in schönerer Gestalt. Freuen »vir uns dessen und lasser» »vir die wehmüthigen Erinnerungen und eben solche Betrachtungen, zu denen auch manche Erscheittpug der Gegenwart Alllass gibt. Freuen »vir uns, dass dieses Gotteshaus, erbaut'werden konnte und eingeweiht wird unter den. Seg-