Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 38 (30.9.1902)
- Date
- 1902-09-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 Die Wahrheit. Seite 5. mäler! Die Weltreiche der Assyrier, Babylonier, Griechen und Römer, wer hat sie weggefegt , von der Bildfläche wie unnützen, schädlichen Staub? -7-- Und ihr wollt noch daran zweifeln, dass die Geschicke der Völker und Menschen in Gottes Hand gelegt sind, der sie leitet und lenkt nach ewiger Gerechtigkeit? Und ihr wollt noch immer nicht einsehen, dass auch eure Geschicke, ob heiter oder trüb, ob von der Glückssonne beschienen oder in Dunkel gehüllt, dass sie alle Schickungen eures Gottes sind, der seine Kinder leitet nach seinem! weisen Rathschluss, unbekümmert, ob ihn unsere Kurzsichtigkeit einsieht oder nicht? „O, sprechet vor mir bas Erinuerungsgebet, beherziget seine Lehre-, auf dass ich mich euer zu Guten erinnere: Gott ist Weltengesetzgeber! Unter Donner und Blitz . und weithin schallendem Schofarton ist Gott unseren Vorfahren am Sinai erschienen, um ihnen seinen Willen zu verkünden. Finsternis bedeckte die Erde und tiefes Dunkel die Nationen, als Dir, Israel, die göttlichen Gesetze ein Licht brachten, dessen Strahlen nie erlöschen, dessen Glut nie verglimmt. Die Götzen der Völker wurden von seinen Flammen verzehrt, und die Dunkelheit des Menschenherzens wurde von ihm aufgehellt. Kein Volk ist s» mächtig, kein Meuschenherz so weise, das sich nicht beugt vorder Majestät Deines Gottes, das sich nicht belehren ließe durch seine Lehre. Und Du. Israel, willst dessen nicht einj gedenk sein? Du willst Dich nicht von d r Gottesflamme! erleuchten und erwärmen lassen? Lass Dir den Schofarton einen! Mahnruf sein, dass Du immer Deinem Gotte huldigst, ihn j als Lenker Deiner Geschicke verehrst und auf seine Weisheit vertrauest! Suche stets bem göttlichen Willen gerecht zu 'werden und sprich nicht nur am Neujahrstage, sondern in allen Tagen Deines Schaffens und Wirkens: „Heilig ist der Tag unserem HerrnMeine Thaten, meine Gedanken und i Bestrebungen — alles, alles stelle ich in den Dienst meines | Gottes, alles sei seinem Willen untergeordnet!! Ein Protest im Namen der Civilisation. j Die grausame, den primitivsten Anforderungen der Ci-! vilisation und den Bestimmrrngell des Berliner Vertrages j hohnsprechende Behandlung der Inden in Rumänien hat die; Regierung des freien Amerika zu einem energischen Protest j veranlasst, indem sie an sammtliche europäische Mächte eine Rote i erließ, in welcher die letzteren aufgefordert werden, den Gran- ' samkeiteneine'Ende zu bereiten und Rumänien nachdrücklich j an seine Vertragspflichten zu erinnern. Die Note besagt im; Wesentlichen Folgendes: Amerika habe den Berliner Vertrag zwar nicht unterj schrieben, sehe sich aber gezwungen, die Mächte zu bitten, auf j 'die Beobachtung der in den Artikeln des Vertrages gewährten! Religionsfreiheit zu dringen, da Rumänien dem Ersuchen, die - Mißstände zu beseitigen, die so manche Juden gezwungen l hätten, auszuwandern, nicht entsprochen habe. Die Note sagt j weiter: „Der Präsident der Vereinigten Staaten halte es fnr erforderlich, dass die Mächte dieser Angelegenheit ihre Aufmerksamkeit schenken, und hoffe, dass falls diese Vorstellungen Billigung finden, passende Maßregeln ergriffen würden, um die rumänische Regierung zu bewegen, die in Frage kommenden Uebelstände in Erwägung zu ziehen. Den Vereinigten Staaten sei jetzt wie immer die freiwillige Einwanderung aller derjenigen Fremden angenehm, die geeignet währen, sich mit dem politischen Staatskörper zu verschmelzen. Die Gesetze Amerikas sorgen für ihre Einverleibung in die Masse der Bürger, ohne einen Unterschied zn machen, dadurch dass sie ihnen ganz dieselben Zugeständniße gewähren, wie^ sie die Eingeborenen genießen. Gleiche bürgerliche Rechte seien im Jnlande und gleicher Schutz im Auslande Allen verbürgt. Fast Niemand sei von der Einwanderung ausgeschlossen; nur ganz Mittellose, Verbrecher und solche Personen, die an ansteckenden oder unheilbaren Krankheiten leiden. Der freiwillige Charakter der Einwanderung sei das Wesentliche, daher würden solche Einwanderungslustige, deren Auswanderung' aus anderen Staaten unterstützt oder gezwungen wird, ferngehalten. Der Zweck dieser großmüthigen Behandlung des fremden Einwanderers sei, in gleicher Weise ihm und den Vereinigten Staaken zn nützen unb anderseits einem anderen Staate nicht eine Züfluchlstätte für seine unerwünschten Bevölkernngselemente zu schaffen. Die Lage der rumänischen Juden, die 400.000 Personen zählen, sei seil vielen Jahren nur Gegenstand ernster Befürchtung seitens der Bereinigten Staaten. Die Verfolgung dieser Race unter den türkischen Herschaft habe im Jahre 1872 scharfe Gegenvorstellungen der Vereinigten Staaten veranlasst. Der Berliner Vertrag sei von Amerika deshalb als für das begangene Unrecht abhilfebringend begrüßt worden, weil er ursprünglich bestimmte, dass wegen der Religion unter der Bevölkerung Rumäniens kein Unterschied gemacht werden soll. Im Laufe^ der Zeit habe Rumänien einen großen Theil dieser durchaus gerechten Bestiminungen illusorisch gemacht. Die Juden Rumäniens seien ausgeschlossen vom Staatsdienste und dem Gelehrtenbernse, vom Landerwerb und sogar davon, das Land als gewöhnliche Arbeiter zu bebauen. Ferner sei ihnen verwehrt, in ländlichen Bezirkeu zu wohnen; viele Zweige des Kleinhandels und Handwerkes seien ihnen verschlossen. In den Städten, wo sie als gewöhnliche Handwerker oder als gemiethete Arbeiter zu leben gezwungen seien, dürfen sie von je einem Arbeitgeber nur in der Weise beschäftigt werden, dass auf einen jüdischen Arbester zwei rumänische kommen. Ausgeschlossen von fast jedem Zugänge zu den Erwerbsmitteln, seien sie unfähig, sich aus den ihnen aufgezwnngenen Erniederungen, die sie erdulden, herauszuhelfen, und sie hatten keine andere Wahl, als sich nach einem anderen Lande;n flüchten. Die Lehre der Geschichte und die Erfahrung des amerikanischen Volkes hätten gezeigt, dass die Juden in hohem Maße die geistigen und sittlichen ^Eigenschaften eines guten Bürgers besäßen, und keine Klaffe sei in Nordamerika mehr will kommen, wenn sie nach Körper und Geist geeignet sei, amerikanische Mitbürger zu werden. Aber die Regierung der Vereinigten Staaten könne zu einem internationalen Unrechte nicht schweigen. Sie müsse durchaus gegen die Behandlung, der die Juden in Rumänien unterworfen seien, Widerspruch erheben, nicht allein deshalb, weil sie einen unanfechtbaren Grund habe, gegen das daraus entspringende Unrecht gegen die Vereinigten Staaten selbst Einspruch zn. erheben, sonden im Namen der Menschlichkeit. Die Vereinigten Staaten konnten nicht in autoritativer Form an die Abmachung des Berliner Vertrages appelliren, bei dem sie keine unterzeichnende Mächte waren, aber sie berufen sich ernst auf die Grundsätze, die im Vertrage ausgestellt seien, weil es Grundsätze des internationalen Rechtes und der ewigen Gerechtigkeit seien und weil sie die weitumsassende Duldung, die jener feierliche Akt verhieß, verfechten und bereit seien, ihre moralische Unterstützung zn dessen Ausführung durch ihre Unterzeichnung zn leihen, denn das Vorgehen Rumäniens selbst habe die Vereinigten Staaten den unterzeichnenden Mächten als eine in dieser Hinsicht interessirle Partei thatsächlich zngeselll." Sammtliche continentile Blätter beschnfligen sich eingehend mit dieser Action der amerikanischen Regierung, die namentlich in England wirksame Unterstützung finden soll. Höchst bemerkenswert find die Auslassungen des „Pester Lloyd", eines Blattes, das namentlich in auswärtigen Fragen wobt informirr ist. Daselbst heißt es: „Eine flammende Anklage gegen Europas stumpfsinniges Rechtsgefühl ist die in unserem jüngsten Abendblatte auszugs-! weise mitgetheilte Note des nordamerikanischen Slaatssecrelärs j Hay in Angelegenheit der rumänischen Juden, eine Anklage, gegen die es keine wirksame Vertheidigung gibt, weil vieruudzwanzig Jahre hindurch Gewaltthätigkeit aus Gewaltthärigkeit sich zutrug unter den Augen Derjenigen, denen die Autorisation zustand, damit aber auch die moralische Pflicht oblag, die Ge-