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Die Wahrheit · 1902-09-30 · Heft 38 (30.9.1902) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 38 (30.9.1902)
Date
1902-09-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Srile 4 Die Wahrheit. Nr. 38. Geheimnis, dass vornehmlich das taktvolle, kluge, friedliebende und überall ausgleichende Wallen des Präsidenten Ulinger die vornehmen Kreise Wiener Iudenschaft zu größter Opferwilligkeit veranlasste. Es ist heute blos ein akademischer Streit, ob die l'ekannte Wahlreform, die den Höherbesteuerten besondere Wahlrechte einräumte, mit der jüdischen Tradition und dem von uns Juden stets verfochtenen liberalen Standpunkte zu vereinigen ist. Thatsache bleibt — und darauf kann der Präsident kais. Rath Heinrich Klinger mit stolzer Genugthuung blicken — dass es ihnr gelungen ist, hervorragende, bisher abseits gestandene Glaubensgenossen nicht nur zu hohen Abgaben, sondern auch zur activen Theilnahme an der Verwaltung der Gemeinde zu veranlassen, und dass er so den Weg gefunden hat. die zerrütteten Finanzen zu ordnen und die Wittel für jene großen Aufgaben zu beschaffen, die das Wohl und das Ansehen der Gemeinde erheischen. Und wenn die Wiener Iudenschast sich all diese Verdienste ihrespräsidenten vergegenwärtigt und zudem noch seinen übrigen Tugenden gerecht wird, seinem vornehmen Charakter, seiner unermüdlichen Thätigkeit im Schoße des Vorstandes, seiner unbedingten Achtung jeder religiösen Ueberzeugung, seiner glühenden Liebe für das Iudenthnm. seinem großen Interesse für alle Bestrebungen der jüdischen Wissenschaft, so wird fie ihm an feinem Iubeltage nicht nur dankbare Verehrung zollen, sondern sich auch zu dem Wunsche vereinigen, dass Herr kais. Rath Heinrich Alinger noch eine lange Reihe von Jahren in der segensreichen Wirksamkeit ausharren möge, der er als erwählter Führer der ersten Gemeinde des Reiches bisher in so ausgezeichneter und erfolgreicher Weife obgelegen ist. Neujahrsgedanken. Bon Dr. Kahan-Znairn. Heilig ist der heutige Tag unserem Herrn. Nehemia 8, 10. Nicht wie die drei Wallfahrtsfeste soll uns der Neujahrstag an längst vergangene Zeiten erinnern, an Zeiten allerdings, deren Bedeutung bis in die Gegenwart bineinreicht, die aber Ereigniße in uns wachrufen, welche nicht wir, sondern unsere Borfahren erlebt haben — nein! Der Neujahrstag soll uns an unsere Erlebniße im verfloffencn Jahre erinnern, er soll uns die Flüchtigkeit und Nichtigkeit unseres Daseins vor Augen führen, er soll uns durch den Schofarton an Den gemahnen, den wir den Ewigen nennen, weil er allem in der Ewigkeit ist, weil bei ihm allein kein Jahresanfang und kein Jahresende besteht, und weil er allein den Wechsel der Zeiten bestimmt, ohne selbst dem Wechsel zu unterliegen — Heilig ist der Tag unserem Herrn! An die Flüchtigkeit und Nichtigkeit unseres Daseins soll uns dieser Tag gemahnen. — Was Anderes wäre geeigneter, in uns den Gedanken an unsere Vergänglichkeit wachzurufen? Die Leiden und Freuden, die kummervollen und heiteren Stunden, die Hoffnungen und Enttäuschungen, die Kämpfe und Sorgen — wer vermag sie alle , aufzählen, wie sie uns das verflossene Jahr gebracht hat? Wem dünkte nicht oft eine Stunde als endlose Ewigkeit? Und doch, wem dünli nicht jetzt das ganze Jahr wie eine Stunde? Ist nicht dieser Gedanke höchst demüthigeud und entmuthigend? Alles, alles, was wir im Leben erstreben und erringen, hat nur Werth für den Augenblick, und dieser Augenblick —wie bald ist er dahin! Wie bald entschwunden ist ein ganzes Jahr, wie schnell vergeht das ganze Leben! Ja, trostlos wäre das Leben, nicht werth, dass wir um dasselbe soviel beteten, wenn wir nicht in dem Urquell des Lebens, wenn wir nicht in Gott unsere Stütze suchten, wenn wir nicht in ihm ein ewiges Leben zu finden hofften, wenn wir nicht irdische Flüchtigkeit für himmlische Ewigkeit eintauschten. Darum weihen wir den Anfang des Jahres ihm, der des Lebens Anfang und Ende ist; darum ist der Hauptgedanke unserer Gebete am Neujahrstage: Heilig ist der Tag unserem Herrn! Wer doch ihn zu fasten vermöchte, diesen, herrlichen Gedanken! Wer doch sein Herz ganz öffnen wollte diesem beseligenden Gefühle: Er, der Urquell alles Daseins, der Schöpfer des Himmels und der Erde — er allein ist mein Herr, er allein der Lenker meiner Geschicke, ihn allein bete ich au, ihm allein vertraue ich mein Leben! Und unsere Alten haben es erfasst! Sie wussten wohl, welch' unerschöpfliche Quelle des Trostes und der Zuversicht, der Bestligung und des reinsten Glückes aus den Grundwahrheiten des Judenthmns fließt, fie haben uns deswegen die drei herrlichen' Gebete geschaffen, das Huldigungs-, Erinnerungs- und Schofros-Gebet, damit wir am Anfänge des Jahres uns mit den herrlichen Waffen der Religion für den Kampf ums Dasein ausrüsten, damit wir gegen alle Anfechtungen des Kleinmuths und der Sorge, aber auch des Hochmuths und Uebermuths geschützt dastehen. Gott ist Weltenkönig! ■ Gott ist Wellenlenker! Gott ist Weltengesetzgeber! Diese drei Grundwahrheiten präge Dir, Israelit, ein, und freudige Zuversicht wird in Dein Herz einziehen, allen Kleinmuth, alle Bangigkeit, alle Sorge und allen Kummer, sowie allen Stolz und Hochmuth von dort verscheuchend. Gott ist Weltenkönig!i Er thront im Himniel und auf Erden, seine Majestät! verbreitet Licht über alle Kreatur, mit seinem Odem belebt er die zahllosen Geschöpfe. Er z ichnet die Bahnen voü der Sonne und dem Mond, den Sternen und dem Planeten. Seine Stimme hörst Du im grollenden Donner und sein Walten verspürst Du im wachsenden Grashalm! Kannst Du, o Mensch, pochen auf Deine Kraft? Es gibt keine Kraft außer in Gott! Willst Du mißbrauchen Deine Macht, Deinen Reichthum, Deinen Verstand? O, diese Güter gehören nicht Dir. Du trägst sie zu Lehen von dem, dessen allein ist die Macht und-der Reichthum und die Weisheit! Denn also spricht der Ewige; Es rühme sich nicht der Weise seiner Weisheit, es rühme sich nicht der Held seiner Stärke, es rühme sich nicht der Reiche seines Reichthums. Sondern des rühme sich, wer sich rühmen mag: Einsicht haben und mich erkennen! Denn ich, der Ewige, übe Liebe, Recht und Gerechtigkeit auf Erden. Nur daran habe ich Wohlgefallen, spricht der Ewige. Ja, dazu soll uns das Huldigungs-Gebet — Malchujoth — führen, dass wir uns überall und immer dem göttlichen , Willen unterordnen, dass wir nur das thun, was unserem Schöpfer wohlgefällig ist. ^Sprechet vor mir das Huldigüngsgebet, damit ihr mich als eure» Herrn und Gebieter^anerkennt damit ihr vor meiner Majestät nicht nur eure Knie beuget,, sondern auch euren Stolz und euren Hochmuth!" Gott ist Weltenlenker! Er hat nicht die Welt geschaffen, um sie dann sich selbst zu überlaffen, dass sie ein Spielball blinder Mächte werdet Blicke zurück nach den Tagen der Vorzeit, schlage auf die Annalen der Geschichte, befrage Deine eigene Vergangenheit — und sage dann, ob sich nicht die göttliche Vorsehung Dir deutlich gezeigt, ob sich nicht der lenkende und leitende Finger Gottes Dir geoffenbart hat. - Israel hat klein begann«. Eine Familie nur unter den großen, mächtigen Völkern. — Wie hatten sie es gemartert und gefoltert, gemordet und gebannt, geknechtet und gedemüthigt! Aber Israel hat gerungen und gekämpft, gelitten, und gebetet, gehofft und — gesiegt! Seine mächtigen Bedrücket aber — wo sind sie heute? Das Pharaonenreich ist todt, seine Herrlichkeit begraben. Nichts ist geblieben als einige Grab-

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