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Die Wahrheit · 1902-09-12 · Heft 36 (12.9.1902) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 36 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit. Seite ö. Nr. 86. Dogmatik," nur bemerke ich dann nebenbei, dass Sie unter Dogmatik keine verstandesgemäße Begriffssormulirung unverstandener, geglaubter Thatsachen verstehen dürfen, wie etwa der unbefleckten Empfängnis u. s. w. Nicht die Formuliruug ist das Ziel derber Dogmatik, vielmehr ist es ihre schwache, höchst schwache Seile gemäß dem menschlichen Erkenntnisvermögen; aber der Kernpunkt unserer Dogmatik ist ein hohes, beseeligendes Geheimnis, nämlich das Geheimnis der Liebe Gottes zu den sündigen 'Menschen. Nun werden Sie schon klar verstehen, was ich früher ' sagte: die christliche Ethik ist ein Theil, eine Ableitung, Con- -seq u enz aus der christlichen Dogmatik; sie ist die Krone der ' christlichen Dogmatik. Ich kann keinem Menschen den Tiefsinn; der christlichen Ethik verständlich machen, ohne ihn vorher in di: -Bedeutung des Todes des Stifters der christlichen Religion '.hineingeführt zu haben." (Fortsetzung folgt.) Rabbi Ejjik Hirsch Weiß, Lertor am Wiener Beth-Hamidrasch. Vor etwa drei Monaten brachten die Wiener jüdischen Zeitschriften eine Notiz, dass der Nestor der jüdischen Wissenschaft, Herr Lector I. H. Weiß, mit seiner hochgeschätzten Gemahlin das seltene Fest der diamantenen Hochzeit feiern werde. Dieses schöne und seltene Fest eines der hervorragendsten jüdischen Gelehrten Oesterreichs scheint in aller Stille vorübergegaugen zu sein und mehr den Character eines im engsten Familienkreise des Jubelpaares abgehaltenen Familienfestes gehabt zu haben. Nur aus der schlichten aber kernigen Danksagung des jubilirenden Ehepaares war zu ersehen, dass die Familie des greisen Forschers zahlreich ist, da viele Gelehrte und Verehrer der jüdischen Wissenschaft sich mit dem Jubilar geistig verwandt fühlen. Für diejenigen jüdischen Kreise aber, die sich mit der jüdischen Wissenschaft und der Lectüre jüdischer, besonders hebräischer Werke wenig befassen* dürfte es nicht ohne Interesse sein, Einiges über Lector Weiß zu erfahren, was geeignet ist, über seine Thätigkeit als Lehrer mehr Licht zu verbreiten. Selten ist einem Menschen Gelegenheit geboten, die guten Seiten seines Herzens so leuchten zu lassen, wie einem Lehrer. Aber auch die Schattenseiten werden am ehesten bei einem Bildner der reiferen Jugend entdeckt. Bei einem Geschäftsmann, . wie bei einem Stubengelehrten kennt mau sich oft nicht « aus; man weiß nicht, woran man ist. Anders verhält e) sich jedoch mit einem Gelehrter», zu desser« Obliegenheiten es gehört, nnrt der Jugend in stetem persönlichen Verkehr zu sein. Da lkommt das Gute wie das Mindergute au das Tageslicht. Wahsr liegt die Vergangerrheit des Rabbi Weiß wie ein offenes -Buch vor uns. Als Lehrer, oder wie sein amtlicher Titel Hautet, als Lector am Beth-Hamidrasch, hat Rabbi Weiß außer ffeiner Lehrthätigkeit eine für die materielle Erhaltung seiner LHörer fürsorgliche Wirksamkeit entfaltet, welche nicht genug -gelobt und rühmend hervorgehoben werden kann. I r früheren .Zeiten und vielleicht auch jetzt rioch rvaren es zumeist die .Aermsten in Israel, die sich dem Dienste der jüdischen Wissenschaft voll und ganz weihten, so dass der rabbinische Spruch rrrm mr\ D.W Qm3V »aa rni zur Thatsache geworden ist. Es ijst -daher, fast selbstverständlich, dass die weitaus größte Zahl Äer Hörer des Wiener Belh-Hamidrasch sich aus Söhnen ganz armer Leute zusammensetztc. '-Kann man auch nicht behaupten, dass jedes Kind armer Eltern, das in Ungarn eine Jeschiwah aufsucht, eine Leuchte ode» wenigstens ein matt und fahl brennendes Lämpchen in Israel werden wird, so muß man doch zu- .geben, dass fast sämmtliche Hörer des Wiener Beth-Hamidrasch ^es gewissermaßen zu angesehenen Stellungen in jüdischen Ge- -meinden Oesterreich-.Ungarns, wie auch außerhalb der Gaue! unserer Monarchie gebracht haben. Und diesen Vorzug, der tdas Wiener Beth-Hamidrasch vor den ungarischen Jeschiwos muszeichnete, hat marr in erster Reihe der segensreichen Wirksamkeit des Herrn Rabbi Weiß zu verdanken. Man tadle nicht den Umstand, dass ich das Wiener Beth-Hamiorasch mit den ungarischen Jeschiwoth vergleiche, denn' in Wirklichkeit war es nichts anderes, als eine sehr wenig refurmirte ungarische Jeschiwah. Den Character eines Rabbiner- Seminars, dessen Zweck es ist, statutenmäßige Rabbiner heranzubilden, hatte es nicht im Geringsten. Es herrschte auch in der betreffenden Lehranstalt nicht die geringste Diseipkiu. Die armen Hörer des Beth-Hamidrasch, welche weit mehr zu bedauern waren, als die ungarischen Jeschiwabachurim, weil diese im Nothfall „schnorren gehen", waren wahrhafte Märtyrer ihres ideale»» Strebeus, sich einen hohen Grad modernen rabbinische» Wissells anzueignett und außerdern ihrem Geist eine philosophische Schulung angedeihen z»l lassen. Es »uuß allerdings zugegeben werde»», dass »richt gerade diejenigen jüdischen Lehranstalten die musterhaftesten sind, deren Beruf es gerade und ausschließlich ist, jüdische Pastoren zu fabrizire»». So ist z. B. die „Hochschule für Wissenschaft des Judenthums" zu Berlin, »velche jetzt den Titel »Lehranstalt für Wissenschaft des Judenthnms" führt, keine solche, deren ausschließlicher Ziveck es »vüre, Rabbiner hera»»z»»bilden, und doch zählt sie eine hübsche Schaar jüdischer Gelehrter von internationaler Bede»»r»mg zu ihren» Hörerkreis. Allein in dieser Anstalt hatten die Hörer nicht »nit so großer Noth zu kämpfe», »vie die Wiener Beth Hamidrasch-Hörer. Auch hatte diese Ansialt mehr -Ordnung und Disciplin und deren Verwaltung »vurde in die Hä»»de eines Curatoriums gelegt, dessen Mitglieder hervorragende jüdische Gelehrte in allgefehener staatlicher Slel!»n»g waren. Wenn »»un ein Sl»»dent oder ein Jünger der jüdischen Wissenschast sich als Hörer der „Lehranstalt für Wissenschaft des J»»denth»»l»»s" zu Berlin legitimiren konnte, hatte er das Zu: rauen derjenigen Kreise ge»von»»en, »velche dafür zu sorgen Pflegen, dass dem Jünger der Wissenschaft die Sorgen um das tägliche Brod erleichter: werden. Wenn die Hörer des Wiener Beth-Hamidrasch, diese Stiefkinder der jüdischen Wiffeuschast, nicht ganz verküm»nerlen, nicht ganz zug linde gieugen, nicht »noralisch »»nd physisch Schiffbruch litten, so »var dies neben ihrer großen, keinen Widerstand kennenden, selbst der äußersten Roth unübertvindlichen Trotz bietenden Willensstärke, dem Gönner seiner Schüler, Herrn Lector Weiß, »»nd dem seligen Or. Jellinek zu verdanken, die allein für die Hörer des Berh- Hamidrasch etlvas thaten. Konnte auch Lector Weist »venig zur Linderung der materiellen Noch beitragen, so war es sein lehrreicher, stets interessanter Vortrag, der den Hör^r anfeuene, die Schtvinge»» nie fallen zr» lasser». Ja, seine Borträge lvare» es, welche den »nit k»»»»rre»»de»n Magen den Worten seines Lehrers lauschender» Hörer des Tages Jainrner u»»v Ele»»d vergeffe» ließen. Nun »vird man fragen: Lector Weiß ist doch »»icht als Redner berühmt, überhaupt ist dies seine schlvache Seite. Wie konnten mm seine Vorträge eine derartig fesselnde Wirkung ai»s seine Hörer ausüben, dass sie den Wille»»- derselben beeilrflußten uub für ihre Zukunft richtunggebend waren? Aus diese Frage autmoute ich: Nicht in der For»n des Bortrages lag die bezaubernde Macht, die der greise Gelehrte auf seine Hörer übte, sondern im Inhalte. Wenn er über einen Tanaiten, Amoräer oder über die Epoche der G ronaer sprach, so geschah dies mit solcher Geistesschärfe und gründlicher Beherrschung des ganzen einschlagiget» St»»diett»narlerials, dass dem lernende»» Hörer ein ganz neues Licht aufgielig. In» Verkehr ist der greise Gelehrte ein wenig urwüchsig. Wer aber daraus folge»»» wollte er sei unfreundlich, der »vüroe sich gewalttg irren. Er hat »»ärnlich beufeCbeu Fehler, den viele } wahrheitsliebende Menschen besitze»»: er sagt .jeden» die Wahrö heit ins Gesicht. Seine Bekanntschaft und seine Freundschafts» f| veziehungen zu dem Hause R. v. Gutiuann hat' er oft in de»» Dienst allgemeiner Menschenliebe gestellt, z»»n»al da, »vo es sich :f darum handelte, einem arme»» Hörer des Beth Hamidrasch behitslich zu sein. Ueverha»»pt ha» der Lector Weiß ein warmfühlendes Herz für seine leidenden Glaubens- und SramineSbrüder. -i -{

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