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Die Wahrheit · 1902-09-12 · Heft 36 (12.9.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 36 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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6ette 6 Die Vahrheit. Nr. 36. Wenn der greise Gelehrte irgend eine Unrechte Handlung wahrnahm, da konnte er sich über den Uebelthäter sehr ärgern. Doch er ist ein 0yßb ro aber auch ein nvrh ru In einem Augenblick ist er böse, im andern fouute er alles vergessen. Und selten habe ich einen Menschen gesehen, der so verzeihend und versöhnlich ist, wie Lector Weiß. Hiesür will ich ein Erlebnis aus meinen traurigen Studienjahren anführeu: Im Beth-Hamidrasch werden Requieu für die Mitglieder desselben abgehalten. Lector Weiß pflegte einen Mischuavortrag zu halten und nach dem Vortrage das Kaddischgebet zu verrichte». Der Vortragende erhält für jeden Requiemvortrag einen Gulden aus dem Beth-Hamidraschsond und jeder der anwesenden Hörer 30 Kreuzer. Man konnte wohl auf den kleinen Betrag verzichten, aber zu meiner Zeit ist dies allerdings nicht geschehen, da niemand in der Lage war, selbst mit diesem geringen Betrag nicht zu rechnen. Zur Sommerzeit, wenn der Lector in Baden Sommeraufenthalt zu nehmen Pflegte, betraute er einen seiner Lieblingsschüler mit den Rcquiemvorträgen und ließ dann demselben für jeden Vortrag einen Gulden aussolgen. Einmal vor seiner Abreise nach Baden wurde mir diese Ausgabe zutheil, die ich nicht nur wegen der paar Gulden, sondern auch deswegen gerne übernahm, weil cs meiner Eitelkeit schmeichelte, dass ich der Erkorene sei. Nachdem ich bereits zwei solche Vorträge gehaltert hatte, kam ein jüngerer Hörer aus Zolkiew in Galizien, mit dem ich den „letzten Bissen" theille, und erzählte dem damaligen, nunmehr in Gott ruhenden Beth-Hamidrasch-Beamteu Rosenberg s. A., der ein zwar schlichter, einfacher, aber ausgezeichneter Mensch von stark ausgeprägtem Ehrgefühl und seltener Herzensgüte war — es sei seiner au dieser Stelle iu Ehren gedacht! — dass ihn, den Zolkiewer Lügner, Lector Weiß beauftragt habe, die Mischuajothvorträge für das Seelenheil zu halten. Als mir der gottselige Rosenberg diesen vermeintlichen und vom Zolkiever Lügner erfundenen Auftrag mittheilte, ließ ich es gelten, wiewohl ich mich wunderte, dass mein geliebter Lehrer iu so kurzer Zeit seine Entschlüsse geändert haben soll. Was stellte sich aber heraus, als Lector Weiß aus Baden nach Wien zurückgekehrt war? Der Zolkiewer besuchte den Herrn Lector in Baden, schnorrte ihn auch mit Erfolg an, während von irgend welchem Vortrage überhaupt nicht die Rede war. Als mir der Lector ein ziemlich hübsches Sümmchen für die Vorträge ausfolgen wollte, musste ich diese Güte mit der Motivirung zurückweise», dass ich die Vorträge nicht gehalten habe. Ueberrascht über diese nicht erwartete Eröffnung, frug mich der Greis: Wieso? Wer denn? Aus Ihre Veranlaffung, antwortete ich, hat Herr aus Zolkiew die Inir zuerst zugedachten Vorträge in seiner Weise gehalten. Der „gute Bochur" wurde geholt, befragt und für seine Verschmitztheit getadelt. Voll ehrlicher Entrüstung meinte der Lector, er werde ihn aus dem Beth-Hamidrasch weisen. Allein tagsdarauf war er wieder ganz versöhnlich, verzieh seinem widerspenstigen Schüler, wie ein liebender Vater seinem ungehorsamen Kinde Alles verzeiht, und förderte ihn noch auf das eifrigste. Der „gute Bochur" aber soll sich gegenwärtig iu Berlin herümdrehen, ob er jedoch ein würdiger Nachfolger Tillingers werden wird, das wird die Zukunft lehren. Ueber die Bedeutung Lector Weiß' als Gelehrter hat die Fachkritik geurtheilt. Ich will hier nur auf eine Unsitte Hinweisen, die bei uns Juden täglich überhand nimmt. Wenn beispielsweise ein klastischer Philologe, ein nichtjüdischer Denker, Naturforscher oder irgend ein Fachgelehrter ein Werk schreibt, so wagt sich Niemand an die Kritik des betreffenden fachwissenschaftlichen Werkes heran, der nicht vom Fache ist. Anders ist das Los eines jüdischen Gelehrten. Nicht nur, dass er in den meisten Fällen in materieller Hinsicht nicht auf Rosen gebettet ist, auch in geistiger Hinsicht hat er einen steten Kampf um die gebührende Würdigung zu führen. Denn wir Juden sind nicht nur ein t>np ov und owrp sondern auch lauter Kritiker, Denker, Forjchex, AUwiffer. Jeder Schneider, Schuster, Bäckermeister, Fleischhauer ist für sich ein großartiger Knnstkritiker, wem» es sich um die Beurtheilung eines Chasans, ein großartiger Aesthetiker und Homiletiker, wenn es sich um die Beurtheilung der homiletischen Leistungsfähigkeit eines jüdischen Kanzelredners handelt, mrd ein hervorrageilder Forscher, wenn das Gespräch auf den geistigen Werth eines jüdischen Gelehrten gelenkt wird. Schliinmer aber noch ergeht es einem jüdischen Gelehrten, der seine Werke in hebräischer Sprache veröffentlicht. Da koinmen Büblein, die sich nie ernstlich mit dem Studium irgend eines wissenschaftlichen Lehrfaches befasst haben, außer dass sie den einen oder andern hebräischen Roman, das eine oder andere hebräische Gedicht gelesen — ich will nicht sagen verstanden haben — aber durch Uebung einen gewissen, wenn auch ganz verdorbenen hebräischen Stil beherrschen, und so treten sie mit einem Male als Kritiker in der Oeffentlichkeit aus und pflegen trotz ihrer Nichtigkeit durch ihr Phrasendreschen gelehrten Verfassern gar oft unangenehin zu werden. So erging es dem gelehrten Lector I. H. Weiß. Doch der wahre Gelehrte schreitet ungeachtet der Hemmniße, welche ihm von mißwollender Seite in den Weg gelegt worden, immer vorwärts, vorwärts, bis die wissenschaftliche Welt zur Einsicht komrnt und ihrem Jünger den schönsten Kranz, ben sie zu vergebe»! hat, nämlich ben Kranz des Ruhmes und der Anerkennung um die Stirne windet. Mit diesem Ruhmeskranz geschmückt, hat Rabbi I. H. Weiß seine diamantene Hochzeit gefeiert. Nun wünschen wir ihm vom ganzen Herzen, möge es die göttliche Gnade walten lassen, dass wir »vir ihm zur eisernen Hochzeit gratuliren können! Dr. Kaufmann, Viroviticza. Die Juden und der Talmud. Bon Israel Singer, emerit. Lehrer in S. A. Ujhely. VIII. Nach der Tradition ist die Übersetzung der Thora in die griechische Sprache in folgenden Worten Noach's provideutiell angedeutet: Gepriesen sei der Gott Scheins-Israel. Weit mache es Gott dem- Jafet (Stammvater der Griechen) und er wohne in den Zelten Schems. (Gen. 9, 6—7.) Das soll bedeuten, das Schöne (nsi) von Jafet, nämlich seine Sprache, die mehr als anderen Sprachen zur Uebersetzung der Thora geeignet ist, soll wohnen, d. h. gelesen werden in den Ziten Schems. (Tr. Megill. 9.) Sinnig sind nachfolgende Worte des Midr. z. St. r weil Schein mit der Ehrung seines Vaters (dessen Bedeckung) angefangen, aber Jafet ihm nur nachgefolgt ist, deswegen erhielt Schein den rna, bildlich das Gebot von den Schaufäden (rwt), die Repräsentation der ganzen Thora. (Gen. 9, 12; Rum. 15, 39.) Aber Jafet erhielt nur ein kleines Kleid, das die Religion repräseutirt, denn die.Septuaginta hat verhältnismäßig nur einen kleinen Welttheil für die Religion erobert, hingegen Schl.ms Thora, wie Herder sagt,die Grundlage der ganzen Weltaufklärung geworden ist. Alle bekannten Gesetzgeber und Verfasser von Schöpfungsgeschichten lebten, historisch nachgewiesen, viel später als Moses. Moses lebte 1570 und Konfucius, der chinesische Gesetzgeber, 480 v. Ehr. Ebenso sind die Geschichts- und Religionsbücher der Inder, Chaldäer, Egypter, Phönizier und Perser viel später als die Lehre Moses verfasst worden. Herder in seinem bereits citirten Buche (266) sägt: „Auch historisch also bleibt uns auf der weiten Erdenrunde nichts als - die schriftliche mosaische Tradition übrig. Sie ist über 3000 Jahre alt und überhaupt das älteste Buch, das unser junges Menschengeschlecht : ausweiset." Auch die in den Kriegen unter Josua, -wie auch zur! Zeit der Richter und Könige vollzogenen Wunder uno : die später von den jüdischen Propheten den Heidenreichen J angekündigten Drohungen trugen viel dazu bei, den Glauben i an die Macht der heidnischen Gotthüten zu vermindern. Jns-! besonde.e wirkten die wundervollen Ereigniße während des babylonischen Exils. Die Befthle der babylonischen Könige (Daniel, 2. 35, 3. 28-29, 4. 37, 7. -27): den Gott der

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