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Die Wahrheit · 1902-09-12 · Heft 36 (12.9.1902) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 36 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 36. Glaube nur die Melkkuh, dass ihm Sabbath, Festcsfeier und Speisegesctze nicht heilig sind? Wenn er ohne Begeisterung, ohne. Hingabe für den heiligen Berns den Unterricht ertheüt, froh ist, dass die mühevolle Stunde vorüber — und Kinder haben dasür ein gar seines Gefühl — können dann selbst die erhabensten Lehren auf fruchtbaren Boden fallen? Oder glaubt inan wirklich, dass Katechismen, Fragen nnd Antworten über Gott und seine Schöpfung, mclhaphy'sische Dinge, von denen die Lehrer selbst kaum mehr als eine Ahnung haben, das Herz des Kindes begeistern können? Die Einführung des Kindes in das praktisch-jüdische Leben durch Schule.und Haus allein kann segensreich wirken, vermag zur Begeisterung hinzureißen nnd schwindet niemals cänzlich aus dein Herzen des Kindes, wenn cs nur einmal darinnen Wurzel gefasst. Dazu gehört allerdings echt jüdisches Leben, edle Begeisterung sowohl der Eitern als auch des Spenders der religiösen Belehrung. Za, der Rcligionsunterrichl wird ohne Begeisterung ertheilt, und das merken die Kinder, sie nehmen es wahr in der Unterhaltung drs Lehrers während der Religionsstunde, und sehen es auch, wie gerne der Lehrer selbst den Religionsunterricht schwänzt, nnd diesem Hebel könnte besonders in der Großstadt durch eine strenge Jnipeetion abgeholfen werden. — Die Jnspcctoren sind wohl da und sie wissen auch, wie wenig geleistet wird, doch ist cs das jüdische „Rachmonaus“, das sie ihres Amtes nicht wollen lässt und das hur durchaus am unechten Platze ist Wenn ein Schächter sich in religiössittlicher Beziehung etwas zu Schulden kommen lässt, er wild dott, wo das Spcücgesetz noch heilig gehalten wird, rücksichtslos seines Amtes enthoben werden, ob er auch mit dem betreffenden Seelsorger befreundet oder Familienvater ist. Der wirklich fromute Seelsorger wird ihn seine bisherige Function nicht mehr vollziehen lassen. Und bciul Religionsunterrichte, wo es sich um den wichtigsten Punkt des jüdischen Glaubens handelt, wo es die Zukunft, die religiöse Heranbildung von Zsra.ls-Jugend gilt wo das ganze Sein des jüdischen Gem inwesens in Frage gestellt wird,.hier sollte man ans purer Barmherzigkeit ganze Generationen dem Jndenthume verloren gehen lassen? Must hier nicht Wandel ge schaff, n werden?' Wollen wir als.» die weitere Existenz des e chten Judenihumcs te'.chl gefährden, so gibt cs dafür nur einen Weg: Religion ausübende Ellern, gewissenhafte, fromme und für den Väter glauben begeisterte Lehrer, u n d w i r werden n u s e r e Kind c r z n echte n, f r o m m e n Juden e r z i e h e n! - Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. Voir Rabbiner Dr. Daniel Fink—Wien. XIII. Ich muß an dieser Steile schon eine Unterbrechung in den Ausführungen meines Freundes eintreten lassen. Was ich denselben vorab entgegenzuhallen habe, ist, dass es für mich stets einen Bor gang bedenklichster Art bedeutet, wenn bei der Behändlung eir-es verwickelten wissenschaftlichen Problems — anstatt die Sache selbst scharfin's Auge zu fassen—an bereit Stelle ein, oder wie es in unserem Falle geschehen, gar zwei Bilder gesetzt werden. Anstatt geklärt, wild der Sachverhalt dadurch nur noch ver. wickelicr. Scbon die ansgeslellieu Begleiche kauu ich nicht ohne schwerwiegende Vorbehalte^ hiunehmen. Derjenige mit .dem Sternenhimmel stellt die israelitische Auffassung eines moralischreligiösen Lebens von ihrer objektiven Seite, der andere dagegen, welcher von dem Rheinstrome ausgeht, dieselbe Sache in ihren persönlichen Beziehungen dar. Auch sind die Folgerungen, die aus beiden E-scheinungeu gezogen, sachlich nicht richtig. Wenn es auch wahr ist, dass die Wissenschau die Bewegung des gejammten Lternenhiuimels im Welten raume von einer einzigen Kraft ableiren zu können vermeint. so ist es doch unbestreitbar, dass das lür unsere Auffaffug verhältrrismäßig viel einfachere Gebilde eines Stromes nur durch das Zusammenwirken sehr zahlreicher, untereinander ganz unabhängiger Kräfte zu Stande kommt. Was der eine Vergleich beweisen soll, wird demnach von dem andern sofort wieder aufgehoben. Wenn derartige Erwägungen für uns maßgebend sein sollen, ja, woran hätten wir uns da eigentlich zu halten? Wohl aber könnte von meinem Standpunkte aus der erste Vergleich in einem andern Sinne als annehmbar erschein:n. Dem in die entlegenen Wüsteneien, oder auf das we.te Meer verschlagenen Reisenden kantl dort alles Wissen von der Welt und ihren Kräften nichts frommen, um den rechten Pfad ausfindig zu machen. Hier gilt es, die Sterne recht in's Auge'zu fassen und darnach die Schritte auf Erden in die rechte Richtung zu lenken. Solcher Art hat Gott uns in seinen Geboten und. Lehren himmlische Meilensteine für den richtigen Wandel arff dieser Erde gesetzt, den wir ans uns selbst, trotz des reichsten Wissens von den Dingen dieser Welt, »immer finden würden. Von alldem abgesehen, liegt hier im vorhinein eine falsche. Auffassung des Sachverhaltes zu Grunde. Wenn es gar schon als zulässig erschiene, von der Natur ein Vorbild für das sittliche Leben der Menschen zu entlehnen, so darf doch die eine grundlegende Thatsache nie außer Acht gelassen werden, dass jene Centralkräfte, welche angeblich das Weltall bewegen und zugleich im Innern zusammenhalten sollen, doch nur als ein Erzeugnis des feinsten abgezogenen Denkens anzusehen, sind. Die Natur als solche kennt sie nicht. Ihr Prinzip scheint doch ganz im Gegentheile darin zu bestehen, dem Zufälle so ivenig Spielraum als nur möglich ^zn überlassen. Selbst das kleinste und unscheinbarste Gebilde erhebt sie zum Stützpunkte ganz bestimmt differenzierter Kräfte. Wer könnte sich dieser Wahrheit erwehren, der je schon den Dnrchschnilt eines Weizen-, eines Roggen- oder Hasel kornes unter dem Mikroskope betrachtet hat? In jed'in Falle erscheinen die unendlich kleinen Stärkemehlmoleküle je nach einem anderen, aber ganz bestimmten Grundgesetze aneinander gereiht. Wir ersehen daraus, dass die Natur im einzelnen gegebenen Falle nicht mit weltumspannenden, allgemeinen Formeln, sondern mit ganz bestimmten, das Einzelne gestaltende Grundsätzen wirtlffchastet. Wem diese peinliche Sorgfalt der Natur im Einzelnsten und Kleinsten zum Bewusstsein gekommen, der wird sich wohl Hütten, die großen, gewaltigen Probleme des moralischen Lebens sozusagen einfach im Handumdrehen, spielend lösen zu wollen. Was ab.tr am entscheidensten in's Gewicht fällt, ist die Thatsache,' dass mittelst des einzigen Grundsatzes der Nächstenliebe keinerlei Handhabe für den Aufbau und die Struktur des Familienlebens sich gewinnen lasst. Eine Moral, die in diesem wichtigsten Punkte versagt, hat einfach ihren Zweck verfehlt. Lassen wir erst dar Menschengeschlecht wie einen Rudel wilder oder meinetwegen zahmer Thiere sich sortpflanzen, dann ade mit aller Moral - Und wären unsere Grundsätze der Nächstenliebe noch tausendmal herrlicher' und edler, als sie schon sind, sie würden uns auch nicht einen Stiohhalm nützen. Erst indem uns die Religion, ihre tiefsten, ethischen Grundsätze für eine Aufrichtung des Menschengeschlechtes, im Sinne der höchsten Moral an die Hand gegeben hat — Grundsätze, die nicht selten geradezu als das strikte Gegentheil lenes Grundsatzes erscheinen — dadurch allein kommen tvir in die Lage, mit dem Grundsätze der Nächstenliebe in diesem Leben etwas ansrichten zu können. — — Davon, abgesehen, wo gewinnen wir denn einer Handhabe, um - den Menschen vor und gegen sich selbst zn schützen? — Etwa auch im Grundsätze der Nächstenliebe? -— Wer aber, der die Geschichte kennt, wüsste nicht, dass geradezu das vermeintliche schrankenlose Recht, das die Menschen der eigenen Person gegenüber in Anspruch zu nehmen glaubten und uieliacu noch glauben, die schrecklichsten Verheerungen unter Völkern und Menschen angerichtet hat! Fahren wir in den Ausführungen unseres protestantischen Theologen weiter fort: „Diese Erkenntnis ist es, die den Demant in der Krone christlichen Lviffeus bildet. Ich könnte auch sagen, „christlicher

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