Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 36 (12.9.1902)
- Date
- 1902-09-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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& Redaction-und Administrativ l: Wien, n/i. Novaragasie L7. j K. k. österr. Po.'UvrrcaHa Check-Conto Nr. 846.251! Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. i Abonnements- und JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Unabhängige Heitfchrift für Mische Interessen. Erscheint jeden Feeitng. Ototto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Bexugspreis: j Ganzjährig. . . ft 12.— j Halbjährig, . ... ft. 6.— i Für Cultusbeamte: I Ganzjährig.... ft. 10.—! Für Ausland: [ Ganzjährig . . .3 Mark, j 6 Rubel oder 16 FcS Nr. 36. Wien, 12. September 1902. Inhalt: Zum Beginne des Schuljahres. — Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. — Rabbi Eisik Hirsch Weiß. — Die Juden und der Talmud. — Verschiedene Nachrichten. — Zur Organisation. — Der alte Prager Friedhof. Wir ersuchen Höstichst um Einsendung der | Aöonnements-Wückstände und des Uränumeraiions- I Hetrages für das saufende Huartas. Die Administration.! Zum beginne des Schuljahres. Von Dr. H. S i g m u n d s o h n. Es war in diesem Winter, als ich am Beginne einer langwikrigen Krankheit das Zimmer hüten musste. Ich saß am Fenster, da sprengt meine kleine Schülerzahl, muntere Jungen und lebhafte Mädchen, vorbei, johlt und jubelt und ruft wie aus einer Kehle: „Der Herr Doctor ist krank, wir haben heute keine Religion." Im ersten Augenblicke belustigte mich dieses Treiben, jedoch das Wort, „wir haben keine Religion-, machte mich Nachdenken. „Wir haben heute keine Religion". Bedauernswerihe Geschöpfe; habet ihr denn Religion, auch wenn ihr Religionsunterricht genießet? Die Freude der Kinder war mir begreiflich, fühlte ich mich doch auch wieder als Kind und dachte an den Genuss, den es auch mir bereitet, hatte, wenn ich während des Schuljahres einmal die Schulbank nicht drücken musste. Was mich aber bald nachdenklich stimmte und traurig machte, war das Wort „wir haben keine Religion." „Arme Kinder!" so dachte ich, „ihr habet sie heute nicht, ihr habet sie niemals. Ihr nennet das Religion, was an der Stätte religiösen Unterrichtes euch gelehrt wird. Ihr nennet die Tractätchen und das Zuckerwaffer, das euch in der'Schule gereicht wird, Religion? Darf das wohl diesen Rameu beanspruchen?" Nein! Religion kann nicht gelehrt werden; die Schule kann im Väterglauben unterweisen, aber Religion kann nur Auschauungs-! unterricht, in das Herz gepflanzt werden. Die moderne Pädagogik macht es sich zur Aufgabe, den Kindern durch die Anschauung, durch die Darstellung das Gelernte unvergesslich zu urachen. Unsere Religion hat aber leider ^keinen Anschauungsunterricht. Jch.meine hier nicht, dass mau den Kindern Moses und Abraham im Bilde zeige, die Stiftshütte vorzeichne oder die Skulpturen des Salomonischen Tempels darstelle, ich meine den Anschauungsunterricht im Hause. Wenn das Kind die Gottesgesetze im Hause ausüben sieht, das ist Anschauungsunterricht, und hier kann nur das edle Beispiel, die fromme That belehrend und befruchtend wirken. Was nützt das Wort des Lehrers, was frommt selbst die Begeisterung des religiösen Erziehers, wenn das Kind im Hause die Religion nicht ausüben sieht. Muß da das Wort des Lehrers nicht schon verhallen, ehe es an das Ohr des Kilid s gedrungen, und kann das Herz begeistert werden, wenn Schutt und Haus im krassen Widerspruche stehen? Der Lehrer erzählt dem Kinde von den Großthacen der Väter, von deren Begeisterung für den heiligen Gauben, von der Ueberzeugungstrene, mit der sie sich für das Ausharren im Glauben hinschlachteu ließen, und da sieht das Kind, wie im Hause derselbe Glaube, wie Sabbath und Festtage, wie Speisegesetze und alles, was dein Jnbenthnme Weihe und Inhalt verleiht, vom Vater, von der Matter entweiht, entheiligt und mit Füßen getreten wird. Kann das Saackörnlein des Glaubens aus solchem Boden keimen und edle Früchte Heranreuen? Kann in einer solchen Brust der Glaube Wurzel fassen? Müssen die Worte des Lehrers nicht schon vergessen sein, ehe sie auch nur für einen Augenblick des Kindes Brust erwärmten? „Min’u benechem min-hahigojaim“. „Entziehet eure Kinder dem Nachdenken", so lehren unsere alten Weisen, d. h. entfernt in erster Reihe die Kluft zwischen Hans und schule. Die Schule muß und kann nur das erklären, was im Hause gelehrt wird, und das Haus muß das heiligen, was die Stätte religiösen Unterrichts als Gottesglaaben lehrt. Der Mangel an diesem Anschauungsunterricht aber macht den RUigiousunterricht illusorisch.' Der Kinder Freude, die in Worten: „Wir haben heute keine Religion", ihren Ausdruck fand, war mir nach diesen Erwägungen erst recht begreiflich. Religionsunterricht ist iu unserer Zeit ein Gegenstand, wie jeder andere, der gelernt, manchmal gebüffelt wird, nie aber Herzensbedürfnis ist; denn jdas Herz d.nkt nichts dabei Würden die Kinder d:u religiösen! Unterricht im Hause genlegeli, die Belehrung in der Schule würde ihr Herz erfreuen, uud der Tag, au dem sie keine Religion hätten, wäre für sie kein Freudentag. Alle Schuld darf man freilich nicht de» Ettern allein iu die Schuhe schieben. Auch vom Religionsunterrichte selbst g'lt das claffische Wort: „Es ist noch vieles faul im Staate Dänemark." Der Schule selbst fehlt auch der Anschauungsunterricht, daS ist das jüdische Leben des Lehrers! Wie soll das Kind vom Glauben der Väter begeistert werden, wen« der Lehrer selbst durch sein ganzes Lebe» zeigt, dass ihm der 1