Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 35 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die Wahrheit. Nr. 35. Unsere Mssenschaft hat in der Neuzeit nicht nur nicht j an Blutung verloren, sondern ihre Probleme haben sich! erweitert und durch die allgemeinen Methoden der Wissenschaft! sind sie selbst bestimmter geworden Wir erkennen, dass die freie wissenschaftliche Bearbeitung unseres Schristthnms eine der allcrlebendigsien und tiefstsn Quellen der allgemeinen Cnltnr des geistigen und insbesondere des sittlichen Fortschrittes der Menschheit ist und als solche in jedun Cultnrstaate anerkannt werden sollte. Diejenigen Gelehrten, welche die Wissenschaft des Judentums an den Universitäten lehren, haben in der Thal rühmliche Leistungen hervorgebracht, denen egenüber wir es an lauter Anerkennung nicht haben fehlen lassen. Wir dürfen darüber aber nicht übersehen, dass ih.e Befangenheit dem Judeuthum gegenüber ihre Sachlichkeit beeinträchtigt; auch erstreckt sich ihr Wiffen meistens auf den Kanon, nicht auf die späteren Quellenwerke des Judeuthunls. Wir können jedoch auf rein sachliche Beurtheilung und für die spätere Entwicklung unserer Religion und unserer Geschichte auf wiffenschaftliche Beachtung nicht verzichten. Dafür einzutreten, ist eine Pflicht der Selbsterhaltung, die heiligste Pflicht gegen unsere Religion, ab<r auch gleich sehr eine Pflicht gegen die Wissenschaft und die allgemeine Cnltnr. Znnz hat in seiner tiefen Einsicht es ausgesprochen, dass unser Ghetto erst daun schwinden wird, wenn das Ghetto unserer Wiffenschaft aufhört. Unsere Zuversicht mutz auch darauf gerichtet werden, dass an den Universitäten, die von jeder Befangenheit frei, Lehrstühle für unsere Wissenschaft begründet werden. Die Roth der Zeiten lehrt uns aber, dass diese unsere Emoncipation noch weit im Felde sein dürfte. So gilt es, s-lbst Hand ans Werk zu legen und eine Organisation zu schaffen, deren Größe der Bedeutung und den Aufgaben unserer Wissenschaft entspricht. Wir planen eine „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft d e s I u d e n l h u m s." Diese Gesellschaft soll zuvörderst begabte junge Leute, welche das Universitätsstudinm sowie eine der theologischen Anstalten absolvirt haben und welche Neigung und Beruf zur wiffenschastlichen Arbeit treibt, mit ausreichenden Stiprudien versehen, damit aus ihnen ein Stamm von zulänglichen Lehrkräften uns gesichert werde, dessen wir zur Ausbildung unserer Theologen sowie zur würdigen Ausgestaltung unserer Wiffenschaft dringend bedürfen. Wir fordern weiterhin gediegene und ausgebrcitete, das Ganze unserer Wiffenschaft umfassende Werke, welche durch unsere Gesellschaft gefördert und in ausgiebiger Weise unterstützt werden sollen. Die Gesellschaft soll drittens Jahresversammlungen veranlassen, wie sie iu anderen wiffenschastlichen Zweigen üblich sind, zu denen die Vertreter unserer Wissenschaft sich einfindcn, um den Stand der Fragen zu erörtern und eine Verständigung über die auszuführenden Maßnahmen zu erzielen. Endlich erscheint die Herausgabe einer Z itschrift oder die Unterstützung eines schon bestehenden Unternehmens geboten, in der werthvolle Einzeluntersuchungen eine Stelle und genügende Verbreitung finden, und in der eine gründliche und unparteiische Besprechung aller in Frage kommenden Neuerscheinungen veröffentlicht wird. Wir berufen auf Sontag den 2. November, 10 Uhr Vormittags eine Versammlung der interessirten Kreise nach Berlin, Wilhelmstraße 118 III, in welcher die Vorbereitungen stattfiuden werden miö die Constituirung der Gesellschaft erfolgen soll. W r zweifeln nicht daran, dass unsere Glaubensgenossen die Bedeutung unseres Planes einsehen und beherzigen und mit Begeisterung für denselben ciutrcten werden. So möge aus dem Enthusiasmus, der allezeit für das Studium der Lehre mit unserer Religion verbunden war, neues, kraftvolles wissenschaftliches Leben sich entwickeln. Director Dr. Adler-Frankfurt a. M., Professor Dr. Bacher- Budapest, Dr. Banetb-Berlin, Director Dr. Bärwald-Frankfurt a. M.. Dr. Braun-Breslau, Geyeimrath Professor Dr. Cohen Marburg. Professor Dr. Geiger-Berlin, Oberrabbiner Dr. GüdemannWien,Rabbiner Dr. Gnttmann-Breslau, Dr. Gustav Karpeles-Berlin. Rabbiner Dr. Kayserling-Budapest. Kirchenrath Dr. Krön er-Stuttgart, Geheimrath Professor Dr, Lazarus-Meran, Geheimrath Dr. Mayer-Karlsruhe, Professor Dr. Philippson-Berlin, Professor Dr. Schwarz.Wien, Oberrabbiner D. Simonsen-Kopenhagen, Rabbiner Dr: Vogelsteii- Stettin, Rabbiner Dr. Weiße-Berlin, Rabbiner Dr. Werner- München. Alle Briefe u. s. lv. sind zu richten an Rabbiner Dr. Lucas, Groß-Glogau (Niederschlesieu)." Die Luden und der Talmud. Von Israel Singer, emerit. Lehrer in S. A. Ujhely. VII. Damit die Thora dem ganzen' Volke bekannt werde, lehrte sie Moses dem Ahron, seinen Söhnen und den Aeltesten, und, diese wiederholten sie in der Wüste durch vierzig Jahre. Hiezu gehörten auch jene Lehren, welche Gott noch vor der Offenbarung einzelnen Menschen befohlen hat;^ denn auch diese erhielten erst durch die Sendung Moses für alle Menschen Verpflichtungskraft. (S. Chulin 92, Maim. vom Götzendienst 8, 11 und von Kön. 8, 6.) Moses sprach im Namen Gottes : Den Thaten der Egypter, wo ihr gewohnt habet, sollet ihr nicht gleich thun, und die Thaten der Kananiter, wohin ich euch bringe, sollet ihr nicht nachahmen, in ihren Gesetzen sollet ihr nicht wandeln. Meine Vorschriften sollet ihi üben und meine Gesetze sollet ihr hüten, in ihnen zu wandeln, ich bin der Ewige, euer Gott. (III. M. 18, 3—5.) Hiemit ist deutlich ausgesprochen, dass die Lehre Moses nichts von den Religionen der Heiden jener Lander, in welchen Israel wohnte, enthalt. Die in Egypten üblich gewesene Beschneidung vollzog Abraham erst auf Befehl Gottes. Sie wurde dem Moses' mehrmals für Israel und alle seine männlichen Nachkommen und ans vollständigere Weise befohlen, aber in Egypten war sie nur bei den Priestern üblich. Ihr jüdischer Zweck ist: als Symbol zu dienen für das Bündnis Gottes mit Israel und der inneren Reinheit, aber nicht wie bei den Egyptern. (Jerem. 4. 4 und 9, 25.) Was nun die Opfer betrifft, so brachten solche schon die Stammväter ihrem Gott allein. Für die Israeliten, die sie von den Heiden abgelernt haben, wurden sie durch die Lehre Moses gestattet, aber derart präcisirt, dass alle heidnischen Elemente und besonders der Cultus der Unzucht davon fernblieben, sonst sind sie vor Gott mißfällig. „Wozu sollen mir eure vielen Opfer? spricht der Ewige. Hauset nicht, falsche Opfer zu bringen. Dieses Räucherwerk ist mir ein Gräuel. Wenn ihr auch viel betet, so höre ich es doch nicht, euere Hände sind voll Blutes. Waschet euch, reiniget euch, innerlich, entfernt euere bösen Handlungen von euch, meidet das Böse! Lernet Gutes thun, suchet das Recht, helfet dem Bedrückten, schaffet Recht der Waise, führet die Rechtssache der Witwe!" (Proph. Jcs. I., 11-18.) Solche Ermahnungen ertheilten auch die anderen Propheten Amos, Micha, Jeremias, Ezechiel bis zum letzten Propheten Maleachi. Bei einem Vergehen gegen den Nebenmenschen musste der Sünder vorerst dieses bei ihm ganz gut machen, und nachher sollte er sein Schuldopser bringen. (Levit. 5, 21—26.) Denn jedes Vergehen gegen den Menschen ist sündhafter, als ein Vergehen gegen Gott. (Tr. B. Bat. 88.) Schon in den Worten Gottes an Kain, dessen Opfer Gott mißfällig war, wird die oben gedachte erhabene Idee nebst dem Zweck des mosaischen Opfercultus gelehrt. Dieselben lauten : „Fürwahr, wenn du Gutes thuest, wirst du dich — moralisch — erheben; wo nicht, vor oer Thür lauert die Sünde, nach dir ist ihr Verlangen, aber du kannst sie beherrschen." (Gen. 4, 6—12.) Auch in dem Umstande, dass die Opfer, nur von reinen, zahmen Hausthieren sein mussten, lag eine Andeutung des