Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 35 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35. Die Wahrheit. Gelte 5. dieses Conflictes eingenommen hat, lässt dies als völlig aus-! geschlossen erscheinen. Würde er seinen Wasservorrath aus-! schließlich zur Erhaltung seines Genossen verwenden, sein Leben j dagegen in ausgesprochener Absichtlichkeit preisgeben, so könnten weder der Betreffende, noch wir selbst diesen Vorgang zum allgemeinen Gesetze, erhoben sehen wünschen. Wer so handelt, der müsste folgerecht den Bestand der Gesammtheit, oder der Gesellschaft dem Wohle des Einzelnen opfern. Das liefe dann erst recht aus eine Ungereimtheit hinaus. Auch das von Ben Peturi selbst empfohlene Verfahren kann vom Standpunkte des kategorischen Imperativs seine Rechtfertigung nicht herleiten, weil es, folgerecht angewendet, zu allgemeinen Gesetzen führen müsste, deren höchstes Ziel — der Untergang der Gesammtheit wäre.*) Soviel dürste schon jetzt klar sein, dass diejenigen, welche da behaupten, die ganze sittliche Wellordnung könnte mittelst des einzigen Grundsatzes der Nächstetiliebe regirt werden, in der That um ihrer naiven Unbefangenheit Willen zu beneiden sind. Die Erhaltung eines ganzen Volkes über die Flucht der Zeiten hinweg, bei geistiger Regsamkeit, moralischer Spannkraft mid leiblicher Gesundheit ist eines der verwickeltsten Probleme, die es überhaupt nur gibt. Tritt nun gar, wie bei unserem jüdischen Volke, dieses Problem noch u"ter den erschwerenden äußeren Umständen auf, als da sind: der Mangel eines eigenen Staates einerseits, und demgegenüber andererseits der klimatische, moralische und culturelle Einfluss der verschiedensten Zonen, so gestaltet sich dieses Problem zu einer Complicirtheit, die alles menschliche Begreifen und Denken weit übersteigt' Unsere Religion hat/und zwar ausschließlich in der uns überlieferten Gestalt, trotzalledem diese Aufgabe fast zwei Jahrtausende hindurch glänzend und glücklich bewältigt. Ob die neueste Weisheit, welche Grund und Gipfel ihres Denkens in der Nächstenliebe ausschließlich findet, dies ebenso gut zu Wege bringen wird, steht billig zu bezweifeln. Sollte es gestattet sein, aus den bisherigen Leistungen Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen, so wird inan das schon jetzt entschieden verneinen müssen. Es will mich im Uebrigen bedünken, dass die Vertreter dieser Lehre sich selbst nicht ernst nehmen. Es müsste folgerecht ein ganzer Stand — die jüdischen Resormrabbiner — seine alleinige Ausgabe in der Auslegung dieses einzigen Satzes erkennen. Da wäre denn wirklich die Frage gestattet: kann mau denn im Ernste unserem geistig vorgeschrittenen und regen Geschlechte zumuthen wollen, in so einfachen und Allen durchsichtigen Angelegenheiten einer so tief demüthigengen Bevormundung sich zu unterstellen? Was könnten die berufenen Lehrer und Ausleger dieses Satzes in diesem Belange einem mehr darüber sagen, als ein Jeder nicht schon ohnehin wüsste? Wozu dann da noch für die Erforschung dieses Satzes einen großen, weit angelegten wissenschaftlichen Apparat unterhalten? Das sind alles Fragen, die geradezu einem Jeden sich in den Wurf stellen, an die doch merkwürdigerweise kein Mensch sich stößt. — Vor einigen Jahren hatte ich Gelegenheit, über den soeben verhandelten Gegenstand mit einem protestantischen Theologen eingehendere Auseinandersetzungen zu pflegen. Bescheiden, wie Herren einmal sind, nehmen sie natürlich, ohne viel Federlesen zu mache,i, alle moralische Ueberlegenheit für sich in Anspruch. Ich jedoch fand mich zu einem solchen Zugestäudniße keineswegs bereit. Denn was die praktische Seite dieser Frage betrifft,. so ist ja ihre bloße Aufwerfung unter gebildeten Leuten schon ausgeschlossen. Die theoretische Seite wieder anlangend, — so kann ich die Moral der Evangelien keineswegs der unseren gegenüber als eine überlegene anerkennen. Das schon um deswegen nicht, weil der Grundsatz der Nächstenliebe, den dieselben — wie allgemein von den berufenen Vertretern der christlichen Theologie behauptet wird — als einziges Gesetz des moralischen Lebens anerkennen, wohl für die allerprimitivsten *) Vor einigen Jahren hatte ich mit meinem Vater s. A. eine eingehende Auseinandersetzung über diesen Gegenstand, worüber er in seinem Werke irnrp mun, ©. 150, sich ausführlich äußert.! Formen des gesellschaftlichen Lebens, wie sie etwa im Romaden-! thum in die Erscheinung treten, ausreichen mag. Unter com- . plicirterer Gestaltung der Gesellschaft, in welcher die Mensche» nach den verschiedensten Ständen und Berufsarten sich sonder», gegeneinander abschließen und vielfach auch miteinander kämpfe» müssen-versagt dieser Grundsatz vollständig. Diejenigen, welche auf so primitive Weise die morali'cheu Probleme des menschlichen Lebens anschanen, sind meines Erachtens überhaupt nicht in der Lage, deren eigentliche Natur zu erkennen. Darauf wurde mir von gedachter Seite unter anverem Folgendes erwidert: „Ich habe eine Pause gemacht. Ich war an's Fenster getreten, um meine Gedanken angesichts des klaren Sternenhimmels zu sammeln. Wie ich ihn ausah, kamen mir die schönen Ausführungen des Maimonides über den achten Psalm, die ich im vorigen Jahre von Ihnen hatte vortragen hären, in den Sinn, und ich versenkte mich voll und ganz in die jüdische Denkweise und dachte so bei mir: Es wäre ein schöner Vergleich, von Ihrem Standpnnkle aus zu sagen: Wie ein Himmel mit tausend Sternen, großen und kleinen, rothen und goldschimmernden unsere Erde umgibt, also umgibt unser inneres Leben der göttliche Himmel der Offenbarung mit tausend Geboten und Gesetzen, herrlich geschmückt. Weiter lausche ich in gehobener Stimmung dem Rauschen des breiten Rheinstromes, der vor meinem Fenster dahinfließt. Und ich dachte: Wie unzählige Quellen und Bronnen sich vereinigt haben, um ihn zu erzeugen, der nun befruchtend durch die Ebene strömt, also vereinigen sich auch die göttlichen Gebote zu einem großen Strome der Erquickung, des seligen Gefühls der Gottesgemeinschaft und befruchten das Herz. Glauben Sie mir, ich denke nicht mehr gering von der talmudischen Ethik, — während ich sonst mich wohl leicht mit dem Worte „äußerlich" mit ihm abfand." „Aber ich frage weiter und bleibe bei den Bildern: Jst's nicht eine einzige große Kraft, die das All zusammenhält, nicht eitle Kraft, welche alle die Sterile in ihren festen Bahnen hält? Ich will sie die Central-Sonne nennen, um welche das Universum kreist, wohl wissend, dass die Mädler'sche Hypothese eben etite Hypothese ist. Und weiter: Muß nicht eine Kraft geivirkt haben und noch wirken, um die vielen Gebirgsquellen alle zu einem Ziele hinzuleiten? Ahnen Sie, worauf ich hinaus will? — „So bestimmt in der natürlichen Welt sich alle Wirkungen und Erscheinungen der stofflichen Kräfte auf ein einheitliches Priucip zurückfnhren lassen, fei es das Princip der Schwere, der Kraft, oder der Wärme, also lassen sich auch in der ethischen Welt alle Gesetze auf eilt einheitlich Princip zurückführen, — auf das Princip der Liebe — der Liebe zu Gottt und der dadurch bedingten Liebe zu den Meuschen!!" (Fortsetzung folgt.) Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft de» Zndenthums. Angriffe von Außen und Jndifferentismus im Inneren köllnen wir nicht wirksamer bekämpfen als durch Pflege und Förderung der jüdischen Wissenschaft, die in den letzten Jahrzehnten arg veruachläffigt wurde. Darum möge der nachfolgende Aufruf, der in den letzten Tagen von Deutschland aus verbreitet wird, auch bei unseren Glaubensgenoffen in Oesterreich- Utigarn vollste Würdigung und weitgehendste Unterstützung finden: „An unsere Glaubensgenossen! Die Ueberzeugung des Einzelnen von der Bedeutung und der Wahrheit des Juden thuuls, sowie auch die Werthschätzung unserer Lehre und unserer Geschichte durch die andersgläubigen Mitbürger steht in genauem Zusammenhang mit der Stellung, welche die Wiffeuschaft des Judenthums eiunimmt. Die Wiffenschaft des Judeuthums gab den früheren Geschlechtern Halt und Hoffnung, sie gab auch unseren Vorkämpfern stets die Richtung für die Verteidigung und die Abwehr.