Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 34 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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KcKtrr.-lrngar. Cnnloren-Zeitung. Nr. 34. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Vir Entwickümg der symgogale« Liturgie bis »ach der Reformation des IS. Jahrhunderts. Von P. Minkowsky, Obercantor der Brodyer Gemeinde zu Odessa. XV. <Schluß.) Und in dieser Zeit der religiösen Zerrüttung, des schönen Stils, der Hegemonie des.Denkens über den Glauben wurde den Inden in Westen die lang erwartete Emancipation gegeben. Es ist gar kein Zweifel, dass gerade der Rationalismus der Völker am Anfänge des 19. Jahrhundert eine Hauplursache der jüdi scheu Emancipation war, wie ihr übertriebener Fanatismus vorher eine der Hauptquellen der Judensclave» ei in der langen Zeit der Diaspora und der Verschlimmerung unserer Lage seit dem 16. Jahrhundert gewesen ist. Die christlichen Völker mussten zuerst sich selber aus dem mittelalterlichen Obskurantismus befreien, bevor sie in der Lage waren, auch die Juden zu emancipiren. Nun was Wunder, dass unsere moderne Liturgie von Anfang au im Geiste der Assimilation reformirt wurde! Die Göttin des 19. Jahrhundert, die den Titel „Civilisation" trägt, hat Niemanden so leicht verführen können wie die emaneipirten Juden. Die plötzliche Metamorphose von einer achtzehnhunderjährigen Tragödie in eine „Comödie der Irrungen", die das 19. Jahrhundert inscenirt hat, verblendete zugleich die resormirten Rabbiuen und die synagogalen Componisten, dass sie nahe daran wäre»!, für die Emancipation der Juden das Judenthum zu unterjochen. David Friedläuder unterhandelte mit Pastor Teller über ein Christenthum ohne Trinität (die den Juden immer unmathematisch bleibt), das er und die ihm Gleichgesinnten zu acceptiren bereit »väreu. Was Teller ihm geantwortet hat, ist ja Jedem, der die Geschichte dieser Epoche gelesen hat, bekannt. Jakobsohn eröffnete seine neue Synagoge! zu Seesen mit protestantischen Hymnen, Mädchenchor, Orgelspiel und Glockenklang rc. Es fehlten nur Kreuz, Evangelium, Abendmahl und noch einige solche Kleinigkeiten, um die volle Dankbarkeit der emancipirten Juden alt den Tag zu legen. Das Streben dieser Epoche lvar nur dem Aeußeren gewidmet, und das Schöne wurde als höchste Religion declarirt. Und wahrend der christliche Rationalismus außerhalb der Kirche, von Privatmännern, die in relgiösen Dinge» beim Volke nie als Autorität galten, getrieben wurde, die Geistlichkeit der beiden Kirchen hingegen sich untereinander versöhnte und sich innerhalb der Kirche verschanzte, um gegen den gemeinschaftlichen Feind -einen Defensivkrieg zu führen, verbcutden sich hier gerade Religionsträger innerhalb der Synagoge, um von ihren Kanzeln und Sanctituden der Religion und Tradition, deren Talar sie trugen, dm Offensivkrieg zu erklären. Das Evangelium der Rationalisten, das dramatische Gedicht „Nathan der Weise", in welchem der Bühneusittenlehrer Efraim Lessing das Berliner Judenthum in der Person Nathan's personificirte und das dadurch zu«' Idol der assimilatorisch gesinnten Juden der Epoche Mendelssohn geworden ist, schid jedoch großen Protest in der Kirche. Wie Pastor Teller sich gegen Friedländer's Compromiss« Plane widersetzte, so verwarf die ganze christliche Geistlichkeit deu humanen Compromiss, de»» Lessing zwischen den drei Religionen durch Nathan durchführen wollte. Dekamerons Märe von den drei Ringm, die durch die meisterhafte Berweitdung Lesiing's zu fafdpr Notorielät gelaugt ist und unter dem Jubel aller resormirte» Rabbiner den Beifall der ganzen civilistrten, freidenkenden Welt gefunden 5hat, fand kein Gehör in der Kirche. Eine Religion der Vernünftler, die blos auf humane Gründe sich stützt, hat den Kirchenvätern nie imponiren tonnen. Das neue Berliner Jndenthum war nicht blos für die orthodoxen Juden, sondern auch für die frommen Christen Heidenthum, Hellenismus. Kurz, in der Kirche fand der Rationalismus Be( kämpser, in den Synagogen — Anbeter. Die drei Ringen-Märe wurde auch zur Richtschnur der syuagogalen Componisten. Sie vergaßen ganz, welcher Ring der ihrige sei. und darum sind wir an Gesängen so reich und in 8er; Liturgie so arm. Jetzt aber, am Anfänge des 20. Jahrhunderts, da die Verblendung der Scheincivilisation schon lange vorüber ist, die Fabel von den drei Ringen blos Fabel geblieben ist und ein nüchterer Geist im gesammren Leben Israels sich rege macht, ist es auch unsere Pflicht, eine universelle Liturgie, auf religiösen und nationalen Principien aufgebaut, für die Synagoge zu schaffen. Verschiedene Nachrichten. Wie». Bei der am 19. d. M. stattgefundenen Generalversammlung des israelitischen Tempelvereines Wien, XI., in Anwesenheit des Vizepräsidenten der israel. Cultusgemeinde, Herrn Dr. Gustav Kohn, wurden folgende Herren in den Vorstand gewählt: Zum Ehrenpräsidenten Herr kaiserl. Rath Friedrich Vogel, zum Obmann Herr Sigmund Kauders, zum Obmann-Stellvertreter Herr Leopold Weiss und zum Schriftführer Herr Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Jacob Ornstein. Desgleichen wurden die Herren Max Nemschitz, Ignaz Tauber, Moriz Schwarz, Jacob Grün und S. Goldstein in den Ausschuss gewählt. Wie», Der Direktor des „Kreditinstitutes für jüdische Gewerbetreibende und Beamte", Herr Max Pappenheim, feierte vorige Woche seinen fünfzigsten Geburtstag, aus welchem Anlaffs dem in den weitesten Kreisen geschätzten und zum allgemeinen Wohle"rüstig schaffenden Manne zahlreiche Shmpathiebeweise zu Theil wurden, denen auch wir uns gerne anschließen.. Bräu». Unsere Cultusgemeinde hat gegenwärtig 4 Rabbiner in ihren Diensten, den Landesrabbiner Dr. Plaezek, der seine Kanzelthätigkeit eingestellt hat und öffentliche Functioneu nicht mehr ausübt, und seine 3 Substituten, die vertretungsweise zu Predigten, Trauungen, Begrabnißen usw. herangezoge» werden. Die vier Prediger kosten die Steuerzahler einige tausend Gulden im Jahre. Trotzdem wird von der Leitung der „Großgemeind'e" Brünn die Rücksichtslosikgeit den Gemeindemitgliedern gegenüber soweit getrieben, dass in den Sommermonaten fämmtliche Prediger gleichzeitig ihren Sonnnerurlaub verbringen, so dass der scandalöse Fall eintritt, dass bei einem Begräbniße ein auswärtiger Rabbiner berufen werden muß. Der Cultusvorstand hat erst vor Kurzem, um einen neuen Rabbiner in Brünn anzustellen, die Steuer um 2 fl. per Quot. erhöht und hebt auf dies« Meise circa 4000 fl. Cultussteuer jährlich mehr ein. Die Steuerzahler, die diese Mehrbelastung widerspruchlos hingenonunen haben, können gewiss eine rücksichtsvollere Behandlung beanspruchen, als ihnen vom Cultusvorstand e derzeit nicht nur in der Rabbinerfrage, sondern auch sonst bei der Leitung und Abhaltung deS Gottesdienstes zutheil wird. Die Art und Weise, wie in diesen Wochen der Gottesdienst vor sich geht, ist eine Schande für ein so großes Gemeinwesen. Fast fämmtliche Functionare weilen außerhalb Brünns. Jeder Gottesdienst erregt öffentliches Aergernis. Kein Wunder, dass am Tische-beaw-Abend kaum ISO Personen im großen Tempel waren. Der Halbleere Tempel bot ein trostloses Bild. Die Herren vom Cultusvorstand lassen sich natürlich nicht blicken. Sowie in der Gemeindestube, dem Paschalik des Secretärs. die ganzen Somnrermonate hindurch dieser sein strenges, absolutes Regiment führt, so kümmert sich auch im Tempel niemand, um Ordnung und Gottesdienst. Natürlich, für das Volk, das sich den Luxus von Seebädern, böhmischen Quellen und Alpenreisen nicht leisten kann, ist jeder Gottesdienst gut genug, denken die protzigen Gemeindeväter. Wenn die Kerle nur Cul ussteuer zählen und bei Wahlen Ordre pariren'. Die tiefe Unzufriedenheit, die wegen der rücksichtslosen Haltung des Vorstandes herrscht, wird sich bei den Herbstwahlen deutlich äußern. Die Herren Aemterhascher, denen eS bei jeder Wahl um den lieben Kowed geht, sorgen dafür, dass die „zionistischen Ruhestörer" sehr reichen Agitationsstoff über die Mißwirtschaft und Schlamperei in der Brünner Cultusgemeinde haben. <Jüd. Volksstimme.) ZSetevar, Anlässlich des allerhöchsten Geburtsfestes Sr. Majestät unseres Königs fand am 18. August l. I. 10 Uhr vormittags im