Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 34 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 34 Die Wahrheit. Seite 9. hiesigen Tempel, in Anwesenheit der Honoratioren, der Spitzen der Behörden, sowie zahlreicher Gemeinemitglieder ein weihevoller Fest. Gottesdienst statt. Die Feier begann mlt einem von unserem gutgeschulten Chore trefflich vorgetragenen So hm“. Es folgte 'sodann die von Herrn Rabbiner S. D. Tauber gehaltene schwungvolle und patriotische Festrede, worauf Herr Oberkantor M. Faust den Psalm 21 in einer won ihm verfassten, sehrfgelungenen Composition für Bariton» solo und Orgel zu ausgezeichnetem Vorträge brachte. Mit der Volks- Hymne schloß die erhebende Feier. . v Der 18. August gestaltete sich heuer zu einer besonders erhebenden patriotischen Feier, indem unsere Gemeinde alles ausbot, um. am Allerhöchsten Geburtstage Seiner Majestät unseres geliebten Königs Franz Josef I. ihren patriotischen Gefühlen entsprechenden Ausdruck zu verleihen, lieber Anordnung des Vorstehers der Gemeinde, Herrn Felix Deutsch, wurde die gottesdienstliche Feier für 10 Uhr Vormittags anberaumt und Alles, was Namen und Klang hat, seitens unserer Cultusgemeinde zu derselben geladen. Zur angesetzten Stunde waren m der Synagoge erschienen: der königl Bezirksvorstand, Herr Kittimaricz, an der Spitze der politischen Beamten, der königl Bezirksmchter, Herr Dr. Paraszic, an der Spitze der Justizbeamten, der Commandant, Herr Edler von Zwicker, mit dem Offizierscorps des 10. Hußarenregiments, ferner verschiedene Corporationen und Gesangsvereme unter Vorantragung ihrer Embleme und Vereinsfahnen. Obercantor ^reudes eröffnet« die Feier mit stimmungsvollem Vortrag des Ma-towu unter Chor- und Orgelbegleitung, dann gelangte Psalm 21 „nt ausgezeichneter musikalischer Wirkung zur Aufführung. Die Festpredigt hielt unser allverehrter, durch sein Wiffen und fein Redetalent R^böiner Dr. Kaufmann. Mit der Absingung der Bolkssymne Ichloß die ebenso schöne als erhebende Feier. Letzten Samstag beging unsere Gemeinde in überaus herzlicher Weise das 10jährige Amtsjubiläum unseres allseits beliebten Obercantors P. Minkowsky. Vor 10 Jahren, am Sabbath Nachama 1892, hielt Minkowsky, der von Meister Blumenthal zum Nachfolger vorgeschlagen und „ohne Probe" mit Contrakt aus New-Pork hieher berufen wurde, seinen Jnstallationsvortrag im hiesigen Tempel glänzend ab, und seme Weiche, sympathische und kräftige Tenorstimme, wie auch besonders die aesthetische Auffaffung und gediegene Ausführung seines cantoralen Recitativs eroberten ihm gleich die Sympathien aller Claffen der Gemeinde, die ihm auch bis heute ungeschmälert erhalten blieben. Er ist weder russisch in seinem jüdischen Gesänge, noch deutsch in seinem modernen Vortrage, ein Feind der Wiederholung des Textes, der überladenen Phrasirung und besonders der blinden Nachahmung irgend eines Brauches der synagogalen Liturgie. Er schmeichelt nicht in seinem jüdischen Gesänge dem banalen Geschmack des ordinären Pöbels, sondern bestrebt sich vielmehr, den niedrigen Geschmack des Publikums zu erziehen und zu verfemern Er ist auch kein Sclave der europäischen Größen, anerkennt alles Gute, woher es auch kommen mag, und bleibt doch in Allem sein eigener Herr. Mit dem Amtsantritte Minkowsky's bekam unser Gottesdienst ein ganz anderes Colorit. Die Monotonie, die in den letzten Zeiten Blumenthal's in unserer Liturgie geherrscht hatte, wurde beseitigt, und eine reiche Auswahl sehr ernster und musikalisch vollgültiger Composttionen dem Repertoire der Synagoge einverleibt. Und so wie Odessa, am schwarzem Meere gelegen, eine bedeutende, aus allen Weltgegenden besuchte Hafenstadt ist, so wurde unser Tempel bei ftdem Gottesdienste ein wahres Lstd tefllla lechol hoamim. Jeder Gottesdienst zog und zieht ein Publikum verschiedenster Nationalitäten aus höchsten und niedrigsten Ständen in die Synagoge hinein, und Alles lauscht respektvoll und sitzt wie gebannt an seinem Platze, bis der letzte Accord „Welo ira“ verklungen ist. Auch der kaiserliche Hof und der Prinz von Oldenburg fanden es während ihres Aufenthaltes in Odessa für angenehm, einem Gottesdienst in der Brodier Synagoge beizuwohnen. In diesen 10 Jahren haben sich die Einnahmen unseres Tempels fast verdoppelt und dadurch wurde dem Vorstande die Möglichkeit geboten, die Gehälter aller Beamten und natürauch des Obercantors Minkowsky zu erhöhen. In diesem Zeiträume hat auch Minkowsky einen ganzen Gottesdienst eomponirt, welcher nicht blos in unserer Gemeinde, sondern auch in vielen anderen Gemeinden in Russland sehr gute Aufnahme gefunden hat. Außer der musikalischen Thätigkeit innerhalb der Synagoge entwickelte Minkowsky eine unermüdliche Thätigkeit auf dem Gebiete der allgemeinen Litteratur und des jüdischen Wissens. Er zeigte den russischen Cantoren ein Beispiel, dass auch in den sechs Tage der Woche für einen Cantor, der nicht blos als Gesangskünstler, sondern vielmehr als Geistlicher gelten möchte, viel zu verrichten ist. In einer Reihe von Artikeln schrieb er in^hebräischen Zeitschriften und auch in diesem Blatte über jüdische Theologie und Ethik und ihre Verhältniße zur synagogalen Poesie und Mus'k. Run, was Wunder, wenn die Gemeinde die erstbeste Gelegenlegenh eit ergreift, um ganz gegen ihr Princip, Niemanden unter 25jähriger Thätigkeit zu feiern, ihrem beliebten Obercantor ihre Sympathie auszudrücken! So wurde der letzte Sabbath Nachamu ganz und gar Herrn Minkowsky gewidmet. Alle Gesänge an diesem Tage waren seine Composttionen. Schon am Freitag-Abend machte sich eine feierliche Stimmung im Tempel bemerkbar. Am Morgen war aber der Tempel geradezu vollgepfropft, und Alle, die zur Thora gerufen wurden, spendeten beim „Mischeberach“ große Beträge zu Ehren des Jubilars. Den Kulminationspunkt erreichte jedoch die Feier beim Maftir. Nachdem der Jubilar als Maftir aufgerufen worden wad und das „Nachmu“ in meisterhafter Weise reeitirk hatte, stimmte der gesammte Chor einen Hymnus an, den ein Mitglied unserer Gemeinde verfasst und Schreiber dieser Zeilen in Musik gesetzt hatte. Nach Schluss des Gesanges trat eine Pause im Gottesdienst ein. Der Jubilar wurde vom Vorstände auf den Altar geleitet, und dorthin strömte die ganze Gemeinde, um ihre Glückwünsche darzubringen, die alle dahin ausklangen, dass es Minkowsky, gleich seinem Vorgänger, gegönnt sein möge, auch sein goldenes Jubiläum hier zu feiern. Zum Andenken an diesen Tag beschloss der Vorstand, dem Jubilar eine Gehaltserhöhung von 800 Rubel, wie auch Schreiber dieser Zeilen eine Erhöhung von 300 Rubel zu bewilligen. Auch stehen Gagezulagen für das ganze Chorpersonale bevor. Der Chor überreichte dem Jubilar ein prachtvolles Album mit dem Festhymnus. Nach Schluss des MuffafgebeteS bereitete das Volk dem Jubilar im Tempelhofe eine wahre- Ovation. Im Laufe des Tages erhielt er noch viele Besuche, sowie Briese und Telegramme in großer Zahl von Gemeinden, Verehrern und. Freunden aus Nah und Fern. D. Nowakowsky. Ko«, Der König von Italien weilte vor Kurzem in Petersburg als Gast des Zaren. In dem Gefolge des Königs war auch ein Jude, und zwar der Journalist und Abgeordnete Eduard Arbib, dersonst nicht zu den Personen der Umgebung des Königs zählt und dieser Ehre in einer Weise theilhaftig geworden ist, die ebenso bezeichnend für die edle Gesinnung des Königs von Italien, wie beschämend für Ruß» land ist. Als Berichterstatter mehrerer Zeitungen für die Petersburger Reise König Victor Emanuel's Hl. b^ellt, erhielt Eduard Arbib auf seine Anzeige vom Königlichen HauSminister sofort die Antwort, dassseine Person „willkommen" sei! Da erhob jedoch die russische Botschaft in Rom Einsprache und verweigerte die Bifirung des Paffes. Der Jude erschien dem Zarenreich offenbar sehr gefährlich, obwohl er alseiner der gemäßigten Politiker, viel gemäßigter als selbst der italienische Ministerpräsident Zanardelli, gilt. Aber dem ruffische« Botschafter mochte wohl die jüdische Religion Arbib's als das „Gefährliche" erscheine«. Minister Prinetti verwandte sich ich in Person beim russischen Botschafter» und als dieser Schritt nicht augenblicklichen Erfolg hatte, erschien General Prizio-Vaglia, der Hausminister, um Mitzutheilen, dass Herr Arbib im politischen Gefolge des Königs die russische Grenze überschreiten werde. Eine Stunde später erhielt der Jude Arbib seinen visirten Pass mit einem höflichen Schreiben der russischen Botschaft zugestellt. ^o»do«, Die größte Volksschule der Welt ist wohl die jüdische Freischule in Bell Laue, Spitalsfiedls, einem der ärmsten Stadttheile des Londoner Ostends. Ihr bescheidener Anfang fällt in das Jahr 1791. Nach und nach wurde sie vergrößert, die Bau» und Erhaltungskosten wurden namentlich durch den verstorbenen Sir Moses Rontefiore und» die Rothschild's bestritten. Zu Anfang der 80er Jahre genoffen dort etwa 500 Kinder Unterricht. Als aber dann die Maffeneinw.anderung der russisch.polnischen Juden begann, welche die Bevölkerung Whitechapels binnen zehn Jahren verzehnfachte (von 6000 auf 60,000), wurde die Schule zu klein. Lord Rothschild legte sich Mittel und unter der Mithilfe einiger reichen Glaubensgenoffen wurde die gegenwärtige Schule erbaut, die 44 große Klaffenräume für Knaben und 21 Schul» zimmer für Mädchen enthält. Nicht weniger als 4000 Kinder erhalte« dort unentgeltlich Unterricht und die Unterrichtsrefultate sind so vor», züglich, dass die Schulkommifsion in ihrem offiziellen Berichte die jüdische Freischule als die beste aller Londoner Schulen erklärt. Ans Südafrika. Im Borraum der neuen Synagoge in Kimberley. werden drei große Gedenktafeln zur Erinnerung an die im Kriege gefallenen jüdischen Soldaten aufgestellt. Die Namen der Soldaten unddie Widmung füllen die Metallplaten, die 5 Fuß 6 Zoll hoch und 4» Fuß 3 Zoll breit sind, vollständig aus. Die Mitte der dreifach getheilten Fläche wird gekrönt von einem Halbbogen, deffen Innenfläche uns vor einer Gruppe englischer Nationalflaggen und gestützt von zwei ruhenden, Löwen das „Davidsschild" zeigt. Darunter befindet sich die Inschrift: „Zum Ruhme Gottes und zu pietätvollem und patriotischem Gedächtnis an die braven Soldaten unseres Stammes und unserer Religion, welche ihr Leben iin Dienste des Vaterlandes in dieser Gegend während des englisch-afrikanischen Krieges gelassen haben. 1899 — 1902". Dann folgen einige Namen und im unteren Theile die folgende Inschrift: „In Liebe und kindlicher Pietät dem Gedächtnis des Red. Meyer Mendelssohn, dem langjährigen Leiter dieser Congregation und seiner Tochter Rubi ist diese Gedenktafel der Westgriqua Hebrew Congregation gewidmet von Sidney Mendelssohn. 1902- 5662". Die rechts und links befindliche« Flächen, welche gleichfalls gekrönt find mit Halbkreisen, in denen sich patriotische Embleme befinden, enthalten die Namen der gefallenen Krieger. Es find im Ganzen 117 Namen, unter ihnen diejenigen von 13 Offieiere« I Cultusbeamte f || finden durch den Verkauf eines leicht absetzbaren w Artikels hohen Verdienst. ft Gef. Offerte „C. G. K.a an die Expedition dieses ri£ Blattes erbeten.