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Die Wahrheit · 1902-08-29 · Heft 34 (29.8.1902) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 34 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 34 Die Wahrheit. Seite 7. ihnen besitzt zwar noch einen gewissen Vorrath an Wasser, der jedoch so gering ist, dass, wenn sie beide davon tränken, beide, hinterher verdursten müssten, machte jedoch dessen Inhaber allein nur davon Gebrauch, so könnte er sein Leben solange sristen, als erforderlich ist, um in bewohntes Gebiet zu gelangen. Ben Peturi lehrt für diesen Fall: beide haben gemeinschaftlich von dem Wasser so lange Gebrauch zu machen, als es Vorhalt, um alsdann auch gemeinsam in den Tod zu gehen. Rb. Akiba dagegen lehrt: derjenige, der das Wasser besitzt, darf es auch ausschließlich für sich allein verwenden und braucht unter solchen Bewandtnißen auf seinen Begleiter keine Rücksicht zu nehmen." Meines Erachtens ist dieses Problem von Anbeginn an zu dem Zwecke aufgestellt worden, um die gerade damals im Judenthum auftretende religiöse Richtung des Jrrthums zu überführen, welche vermeinte, mittels des Grundsatzes der Nächstenliebe ließen alle moralischen Angelegenheiten des menschlichen Lebens ausjeine höchst verblüffend einst che Art sich schlichten. Man hat mir von einer Seite, auf die ich noch später zurückkommen werde, entgegen gehalten, dass im menschlichen Leben derartige Verwickelungen peinlichster Art gar nicht vorkämen. Nur der haarspaltende Scharfsinn des Talmud habe hier eine Verkettung menschlicher Geschicke ersonnen, wie sie selbst das an den grausamsten Zwischenfällen so reiche Leben nicht einmal kennt. Es braucht nicht erst besonders gesagt zu werden, dass nur die baare Naivität das behaupten kann. In Wirklichkeit liegt die Sache genau umgekehrt. Fast jedes Ereignis, welches den Menschen vor die freie Wahl dessen stellt, was wir moralische Handlungsweise nennen, begreift eine derartige Verwickelung in sich. Sie besteht fast ausnahmlos aus dem Zusammenstoß mehrerer Momente, die an sich moralischer Natur sind, die aber das menschliche Handeln in die entgegengesetztesten Richtungen verweisen. Haben auch die in Betracht kommenden Bestrebungen allesammt ihre moralische Berechtigung, so erwachsen gerade aus deren zeitlichem Zusammentreffen und der Unmöglichkeit, ihnen nacheinander gerecht zu werden, selbst für einen gewissenhaften Menschen verzweifelte Situationen, in denen er sich nicht zu rathen, mUT aus welchen er daher keinen Ausweg zu'finden vermag.-' Abgesehen davon, sind auch die Fälle, in welchen die Verlegenheit sich bis zu der Peinlichkeit oes von Ben Petnri ausgestellten Beispieles zuspitzt, selbst in unserem modernen Leben gar nicht so selten. Es sei hier nur an Zwischenfälle, wie sie sich bei Wasser- und Feuersgefahr, bei Unfällen auf Eisenbahn- und Seefahrten, bei Ueberfällen durch Räuber, oder im Kriege oft genug ergeben, hingewiesen. Als vor einigen Jahren gelegentlich eines Wohlthätigkeitsbazars in Paris, bei welchem fast ausschließlich Mitglieder der tonangebenden besseren Gesellschaft vertreten waren, ein Brandunglück entstand, auf welch' entsetzliche Weise zeigte sich da die Unzulänglichkeit unserer moralischen Begriffe! Eine Untersuchung der verkohlten Ueberreste der Umgekommenen ergab nämlich, dass es meistentheils Frauen waren, die, bevor sie die haarsträubenden Qualen des Feuertodes erlitten, noch die schrecklichsten Verstümmelungen von den wild über sie daherrasenden Männern erfahren nlussten. Wäre bei jenen Menschen das Gewissen in der Weise geweckt und geschärft worden, wie das Judenthum es gebietet, das Bild des Jammers hätte sich ganz anders dargestellt. Bei solchen Gelegenheiten sollte sich doch menschlicher Edelmuth am glänzendsten bewähren! Allein mit dem Verstände geht da gewöhnlich zugleich auch das Gewissen durch. Derartige Gewissensconflicte sind eben nach der auf dem Grundsätze der Nächstenliebe aufgebauten Moral nicht blos nicht zu schlichten, noch verfänglicher ist der Umstand, dass sie von hier aus zumeist gar nicht zum Bewusstsein kommen. Das moderne Judenthum hat an Stelle der zahlreichen Gebote der Thora — daS eine von der Nächstenliebe gesetzt. Man sollte annehmen, dass, wenn etz solchermaßen die ganze moralische Kraft in dem einzigen. Punkte sammeln kann, es wenigstens hierin das alte Judenthum, welches dieselbe auf so weiten Gebieten zersplitterte, bei weitem übertreffen werde. Hand auf's Herz,— können wir dies behaupten? Maimonides, der ^ruf echt jüdische Weise sich mit den Vorschriften der Thora nicht dadurch abfand, dass er sie als glänzende Firma eines höchst moralischen Gewissens benutzte, sondern nicht eher Beruhigung fand, bis er sie in die Scheidemünze ganz bestimmter Pflichten umsetzte, leitet beispielsweise aus dem Grundsätze der Nächstenliebe Folgendes ab: „Aus dem Grundsätze der Nächstenliebe ergibt sich für uns die Verpflichtung: Die Kranken zu besuchen, die Trauernden zu trösten, die Todten zu beerdigen, Bräute auszuftatten, Fremde des Weges zu geleiten, alle Verrichtungen, die behufs Beerdigung eines Todten erforderlich, zu besorgen, als da sind: das Hinaustragen zum Friedhofe, die Theilnahme am Trauergeleite, das Abhalten einer Trauerrede, das Grab ausheben und verschütteil; — oder Braut und Bräutigam zu erfreuen und sie mit allen Bedürfnißen des Lebens zu versorgen, — so zwar, dass jeder alle diese Leistungen persönlich auszuüben hat!" — (Hilch. Abel XIV, 1). Haben wir es hierin wirklich weiter, als das alte Israel gebracht?' Da zeigt es sich denn am deutlichsten, dass dort, wo das Gewissen den schweren Conflicteu gegenüber nicht gerüstet erscheint, es auch den leichten gegenüber sich nicht als gewachsen zu erweisen vermag. (Fortsetzung folgt.). Me Luden und der Talmud. Von Israel Singer, emerit. Lehrer in S. A. Ujhelh. VI. Moses war schon als Jüngling in allen Wissenschaften sehr bewandert. Da er als königlicher Prinz erzogen wurde, holte man ihm die berühmtesten Weisen von Egypten, Assyrien, Babylonien und Griechenland, um ihm die in ihren Ländern bekannten Weisheiten und Wissenschaften zu lehren; aber sie erwiesen sich für ihn bald als ungenügend. Denn kaum begannen sie, ihm die Anfangsgründe vorzutragen, so zeigte er bald solch tiefe und umfangreiche Kenntniße in dieser Wissenschaft, so dass sie ihm als Lehrer zu schwalch waren. Auch seine große Kenntnis und Wissenschaft in der Kriegführung erregte Bewunderung in seinem Feldzuge gegen den König von Aethiopien. Dabei war er aber höchst demüthig, menschenfreundlich, rechtlieüend, eingezogen und verabscheute das wollüstige Leben am egyptischen Hofe. Alle von ihm bis zu seiner Zeit ausgezeichneten Geschehniße schrieb er nicht nur in Folge göttlicher Inspiration, sondern auch auf Grund der treuen, von Adam angesangen durch Metuschelach, Noach, Abraham, Jsak und Jakob bis auf Amram überkommenen mündlichen Ueberliefernng. Seine Erzählung von der Schöpfungsgeschichte ist ganz verschieden von den diesbezüglichen fabelhaften Mittheilungen der Heiden und von den Erzählungen über die unzüchtigen Handlungen der Götter, die sie verehrten. In der Schöpfungsgeschichte, die Moses mittheikt, ist erhabene Wissenschaft und Ethik. Ueberdies theilt nur er die Völker-Chronologie von den drei Söhnen Noachs mit, was noch jetzt für die archäologische Forschung vortheilhaft ist und Franz Delitztsch sehr lobt. Sinnvoll ist die Lehre der Tradition, dass bei der Geburt Moses die ganze Welt voll Licht geworden ist. (Jalkut I., 166 und Tr. Menach. 53.). „Die Hebräer," sagt Herder, „sind gewissermaßen die Grundlage dev .ganzen Weltausklärung." Durch seine Wunder in Egypten und am Rothen Meere ist der Gott Israels als der Allmächtige in der ganzen Welt bekannt worden, was unter anderem aus den Worten Rachabs ersichtlich ist: „Denn wir haben gehört, dass der Ewige das Schilfmeer ausgetrocknet" u. s. w., „denn der Ewige, euer Gott, ist der Gott im Himmel oben und auf der Erde unten." (Jos. 3.) Ebenso durch die welterschütternden Naturerscheinungen auf dem Sinai, in deren Folge alle Nationen bei dem heidnischen Propheten Bileam nach der Ursache fragten, worauf dieser ihnen sagte, dass Gott seiuem Volke seine Thora gibt, die den falsche» Gottheiten den Todesstoß .bereitet. (S. Midrasch, zu Ex. 19—20, Tr. Schabuo 39 und Sabb. 88 )» (Fortsetzung folgt.)

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