Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 34 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 34. Die Wahrheit. Gelte 5. eigenen und des Judenthums Würde, wie auch im Interesse der kleinen Rabbinen auf dem Lande und der Prager Synagogen und Cantoren zum Opfer bringen. Im Interesse -er Wahrheit und damit das Beispiel Nachahmung finde, constatire ich noch, dass einer der Prager Rabbiner, Herr Dr. Fischer vom Tempel in der Geistgasse, seit seinem Amtsantritte in Prag es abgelehnt hat, Trauungen in Restaurationen, ob in jüdischen oder uichtjüdischen, zu vollziehen. Das Familienhaus bildet allerdings, wie in Wien, eine Ausnahme. Die Iuden-Äuswanderung aus Rumänien. Angesichts der offenbaren Bemühungen der rumänischen Regierung, die Maßregeln gegen die Juden in recht harmlosem Lichte und die Judenauswanderung als Ursache von außen betriebener Agitation erscheinen zu lassen, verdient eine in der „Neuen Freien Presse" veröffentlichte Correspondenz aus Bukarest, welche von bekannter, wohlinformirter Seite herrührt und die verabscheuungswürdigeu Gewaltacte der rumänischen Machthaber grell beleuchet, weiteste Verbreitung. Daselbst heißt es: „Wenn vor Kurzem von allerentscheideudster Stelle die Meinung ausgesprochen wurde, dass durch die Auswanderung der rumänischen Juden nicht allein diese selbst, sondern auch das Land empfindlich geschädigt werde, und dass man trachten müsse, der Auswanderungs-Bewegung Einhalt zu thun, so kann man einer solchen Meinungsäußerung nur rückhaltlos beipflichten. Aber Letzteres wäre nicht etwa mit Coercitivmaßregeln, sondern nur dadurch zu erreichen, dass die Ursachen des' Nebels beseitigt, dass Gesetzgebung und Verwaltung in neue Bahnen gelenkt werden. In einer Unterredung, welche vor einigen Tagen der Bürgermeister von Jassy, Herr Penescn, mit dem Redacteur des Journals „Universal" hatte, beklagte er den Niedergang dieser vormals blühenden Stadt, der zweiten Hauptstadt des Reiches. 6000 Juden seien ausgewandert, zumeist Arbeiter, Handwerker, Bedienstete. Mangel au Beschäftigung, an Erwerb, die bitterste Noth haben sie aus dem Lande getrieben. Ganze Familien mussten mit 30 Centimes (etwa 27 Heller) per Tag leben. Angesichts einer solchen Nothlage bestellt die Handelskammer in Jassy Agenten mit der Mission, diejenigen, welche die — daselbst nicht Knndgemachte — Sonntagsruhe verletzen, zur Anzeige zu bringen, und werden die jüdischen Händler, welche die Vorbereitung treffen, um an einer Messe in Folticeni theilzunchmen, vorgerufen und bestraft. Aber nicht genug mit der Unterbindung der Erwerbsihätigkeit, bemüht sich die Behörde, die Inden in dem zu treffen, was ihnen am empfindlichsten ist. in ihren Kindern, in der Entziehung des Unterrichtes an diese. Seit einem Jahre waltet in dem Bezirke Jassy ein Schulinspector, Herr Mustazza. welcher nahezu fünfzig jüdische Schulen geschlossen hat, weil — so heißt es in den betreffenden Verfügungen — die Gegenstände nicht gemäß dem analytischen Programme der staatlichen Schule behandelt werden. In einem Kinder-Asyle wird die Schule geschlossen, weil die hebräischen Bibeln und ABC-Bücher nicht eine rumänische Uebersetznng aufweisen. — Um all die Chicanen voll zu erfassen, muß man einen Blick auf die staatliche Unterrichts-Verwaltung lucrfcn, wie sich dieselbe seit Jahren consequent gegen die Fremden und die „Fremd-Ein-! heimischen", das ist gegen die Inden kehrt. Der öffentliche Volksunterricht ist unentgeltlich, sagt das Gesetz. Aber für jüdische Kinder wurden Taxen von 20 Francs für die Volks-,; 30 Francs für die höheren Schulen festgesetzt. Als hiemit das , Ziel, die jüdischen Kinder von der Schule abzuhalten, nicht in | gewünschtem Maße erreicht wurde, wurden die Taxen auf 30 und 40 Francs und neuerlich gar auf 40 und 60 Francs j erhöht. Und nun stelle mau sich vor, was solche Summen! jährlich per Kind für einen minder bemittelten, mit Kindern I gesegneten Familienvater bedeuten. Ueberdies wird den jüdischen; Eudern der Eintritt in die öffentliche Schule nur dann gestattet, wenn nach Unterbringung aller national-rumänischen Kinder noch Raum vorhanden ist. Auch dann darf die Anzahl der jüdischen Kinder in einer Schule nicht mehr als fünf Percent sein. Und selbst wenn die Percentziffer nicht erreicht ist, wird es nunmehr den Schuldirectoreu nach deren freiem Belieben überlaffen, jüdische Kinder zurückzuweisen. Um nun ihre Kinder nicht ohne Unterricht aufwachsen zu laffen, gingen die Juden daran, aus eigenen Mitteln Schulen zu errichten. Selbstverständlich Hi lten sie ihre aus eigenen Mitteln errichtete confeffionelle Schule am Samstag geschloffen und am Sonntag geöffnet. Letzteres verbot der Minister. Es dürfe nicht am Sonntag Schule gehalten werden. Die Juden fügten sich und schloffen ihre Schulen Samstag und Sonntag; fünf Tage Schulunterricht seien jedenfalls beffer als gar keiner. Wieder folgte ein Verbot des Ministers. Nack der Schulordnung müffe sechs Tage in der Woche Schule gehalten werden. Die Juden fügten sich und verlegten die Religionsstnnde auf den Samstag. Neuerliches Verbot des Ministers. Das Schulreglement schreibe genau die Vertheilung der Gegenstände auf die einzelnen Tage und Stunden vor. Wieder mussten sich die Juden fügen. Aber all das hindert eifrige, der sogenannten „Culturliga" angehörende Schulinspectoren nicht, locale, hygienische, analitisch programmatische oder sonst allerlei Bedenken herauszufinden, um die Eröffnung von Schulen zu hindern oder bestehende Schulen zu schließen, wie Letzteres beispielsweise seit einem Jahre in dem Jassyer Bezirke so durchgreifend von Herrn Mustazza geübt wird. Ein anderes Capitel! Die Ausweisungen. Wir wollen einen Fall erzählen. In Jicila, Bezirk Tulcea (Dobrudscha), lebte ein sicherer Abraham Goldmanu, 37 Jahre alt, verheiratet, Vater von vier Kindern. Der Mann hatte vier Jahre in der rumänischen Armee gedient. Mit Ausnahme dieser Militärdieustjahre hatte der Manu ununterbrochen in seinem Geburtsorte Jicila gewohnt. Er besaß dort ein kleines Feld, vier Hektaren, welches er selbst bebaute, uud hatte sogar noch Staatsländereien in Pacht, zwölf Hectaren, wofür er den Jahreszins per 120 Francs pünktlichst entrichtete. Nm denselben Zins wurde, als der Pachtvertrag im Jahre 1900 zu Ende ging, der Pacht einem echten Natioual-Rumäneu verliehen. Der Grund für diesen Wechsel in der Person des Pächters war offenliegend ein confesfioneller. Nun geschah aber noch mehr. Der Mann, dem der Bürgermeister amtlich bestätigt, dass „er sich des besten Rufes erfreut", erhielt einen mündlichen Ausweisungsbefehl ohne irgend eine Begründung. Ein paarmal erstreckte der Bürgermeister die Ausweisung. Endlich, im Frühjahr 1902 musste dem Befehle des Prefäcten Folg geleistet werden. Der Mann musste um jeden Preis, um 80 Francs per Hectar, sein altes Befitzchum losschlagen. Der ausgediente rumänische Soldat musste seinen Geburts- und Heimatsort verlassen; er, seine Frau, seine vier unmündigen Kinder und dazu noch seine alten Eltern, welche seit Menschengedenken dort gewohnt hatten. Solche Fälle kommen zu Hunderten, seit Jahren zu vielen Tausenden vor, nur mit dem Unterschiede, dass zumeist andere Bürgermeister weit unmenschlicher Vorgehen; dass die Unglücklichen plötzlich aus ihren Wohnungen aufgestöbert, mit Familie und ihren geringen Habseligkeiten auf Wagen geladen, mit Sack und Pack bei jeder Jahreszeit — auch im strengsten Winter — bis außerhalb der Ortschaften befördert und auf freiem Felde abgelagert werden. Der Aufenthalt im Dorfe ist dem „Fremd Einheimischen" verboten; und um dieses Verbot wirksamer zu machen, ist eine große Zahl kleiner Städte als Marktflecken oder Dörfer erklärt worden. Und da fragt man nach den Ursachen der Auswanderungs- Bewegung. welche allerdings dem Lande sehr zu Schaden gereicht! Als ein Wunder möchte man es ansehen, dass solches Leid und Weh ein Menscheualter hindurch in immer steigendem Maße erduldet werden konnte! Heute sind es nicht allein die Unbemittelten, auch Angehörige der Bemittelten, die foeial höher gestellten Claffen sind es, welche sich anschickeu, das