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Die Wahrheit · 1902-08-22 · Heft 33 (22.8.1902) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 33 (22.8.1902)
Date
1902-08-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Nr. 33. 'stell.-uilgiir Cnntoren-Zeitung. Beilage zur Zeitschrift „Zie Wahrheit." 22. Iahrg. Zur Organisatiou. Um nicht die Meinung aufko mmen zu laffeu, dass die Organisationsthätigkeit des „Oesterr.-ung. Cautoren-Vereines", über welche in letzter Zeit weniger in der Oeffemlichkeit verlautbait wurde, gänzlich eingestellt ist, diene zur Kenntnis, dass dies keineswegs der Fall ist, sondern dass vielmehr mit mehreren hervorragenden College« dies- und jenieits der Leitha persönliche und schriftliche Verhandlungen gepflogen wurden, um gleich nach den hohen Feiertagen in Oesterreich wie in Ungarn die während der Ferialzeil in etwas mäßigerem Tempo sich bewegende Action mit erneuter und erhöhter Energie wcitkrzufühnu. Zu diesem Behuse wird auch der in der letzten Sitzung des Wiener Comites oorgclegte Ausrus an die gelammte Collegenschaft Oesterreich Ungarns verflndet werden. Die Entwicklung der synagogaten Liturgie bis nach der Reformation des 19. Jahrhunderts. Von P. Minkotvskh, Obercantor der Brodyer Gemeinde zu Odessa. XIV. Wenn wir die Emancipation, die uns die christlichen Völker am Anfänge des 19. Jahrhunderts geschenkt haben, mit der nock umfangreicheren uua tcvriloi ialeu Anto>»omie die uns die Heiden 536 Jahre v. (5b. gaben, und ihre verschiedenen Folgen vergleichen, müssen wir die Ursachen mehr in den Gebern als in deu Empfängern finden. Die Heiden erreichten diese humane Idee der Emancipation der Fremden durch Religiosität. Koresch, ein gottfürchtender König, wu'de zum Vater einer Initiative der Befreiung eines Volkes, das seinem Gott riach seinen Begriffen dienen wollte. Die Folgen mnssteu natürlich der Ursache dieser Jnitialive entsprechen und brächten Religion und strengen Nationalismus. Die Besreiten suchten den Idealen ihrer Bcsreier gerecht zu werden. Es blühte daher neben dem alten traditionellen und ceremoliielleu Judenthum ein neues didactisches und dogmatisches Judenthum sowohl in Palästina als noch mehr bei den Zurückg'bliebenen in Babylonien. Die christlicherl Völker aber, u.it Napoleon an der Spitze, niussten luerst ein wenig irreligiös werde», um die Inden etwas freier ahmen zu lassen. Die Befreiten schluckten die Emancipation zusammen mit einer gewissen Dosis Irreligiosität ein. Die Emancipation, die uns die christlichen Völker am Anfänge des 1.9. Jahrhunderts angedeihen ließen, in einer Zeit, da die Kirche angetastet und erschüttert dastand, konnte nicht anders aus die Gestaltung der synagogalen Reformation resultiren, als in einer leidenschaftlichen Hinneigung zur Assimilation. Die Verleugnung aller nationalen Gefühle und die Ausrottung aller nationalen Gesänge waren natürliche Folgen der versäumten Emancipation und dienten als Ergänzung der allgemeinen Illusion des 19. Säculums. Härten die Völker uns dieselbe Emancipation 300 Jahre früher, in der Epoche der Renaissance gegeben, so wäre die Ge' stalmng unserer Liturgie eine ganz andere gewesen. Es herrschten zwar unter den Christen der damaligen Zeit schismatische Fehden, theologische Dispute zwischen klerikalen und Humanisten über Thesen und Antithesen, Alles beschränkte sich jedoch aus religiösem Boden, inneihalb der Kirche. Keiner der Disputirenden wagte den Glauben zu bezweifeln; das alte und das neue Testament standen wie zwei Thürme da. an die sich Alle lehnten in die sich Alles rettete. Von diesem Geiste beseelt, blühte eine Kirchenmusik, die weder vorher noch nachher ihres Gleichen in der Musikgeschichte aufweisen kann. Religionseifer und Glaubensrivalilät begeisterten die Componisten der beiden Parteien. Orlando, Lasus, Palestrina, Dominica, Scarlatti, die beiden Gabrieli rc. einerseits, und Luther,'Walter, Senfel, Eccard rc. andererseits, bis in der Kirche die sogenannte „Epoche des erhabenen Stil's" entstanden ist. Eine solche Zeit wäre für-die Gestaltung einer Reformation der syuagogalen Musik günstig gewesen, wenn wir damals unsere Emancipatoin erhallen hätten. Die Völker thaten es aber nicht, sie verschoben ihre Gnade für 300 Jahre, aber welche Melhamorphose vollzog sich in dieser Zeit an den westlichen Völkern! Sie sind nach und nach weiser geworden und verloren ganz und gar den Geschmack an religiösen Fehden. Der menschliche Verstand lehnte sich gegen den himmlischen Glauben auf. Man Hörle aus, sich mit der Art und Weise des Credo zu beschäftigen, ja man sing überhaupt an, das Credo selbst zu bezweifeln. Nicht das „Wie" sondern das „Ob" kam zur Discuffion, glauben oder nicht glauben, das war die Frage! Lie Leh'.e Cartesins' „cogito ergo sumtt begann, die bis dahin unangetastet Autorität der beiden Testamente zu erschüttern. Skeplicisinus bewältigte sich aller Traditionen und verwarf Alles, was der menschlichen Vernunft unverständlich blich. Die Rivalität des Denkens gegen den Glauben stieg am Aasange des 18. Jahrhunderts durch Spinoza's Pantheismus und Leibnitz's freie Philosophie noch höher und erreichte am Ende des 18. Säculnm durch Emanuel Kant's „Religion innerhalb den Grenzen der Vernunft", durch Lessing's „Theologische Streitschriften" uuö Mendelsohn's ästhetische Philosophie ihren Höhepunkt. Dieser Rationalismus gegen Religion und Tradition konnte nicht ohne Einfluss auf die Kirchencomponisten bleiben. Nach Bach, dem letzten der Epoche des erhabenen Stils, beganrr eine ganz andere Richtung in der Musik, die die „Epoche des schönen Stils" genannt wird. Haydn, Mozart, Beethoven und auch einige italienische Tonknnstler schufen zwar viel Schönes, aber weniger Erhabenes für die Kirche. Ihre Kilchencompositlonen sind^ musikalisch e^en so groß, wie die ihrer Vorgänger, religiös stehen sie jedoch weit zurück. Jene sind göttlich, diese menschlich; jene sind Productionen des Fühlens, diese des Denkens. Kurz, die musikalischen Schöpfungen der beiden erwähnten Epochen sind gewissermaßen ein Barometer des differentiellen Standes der Religion muerhalb derselben. Jene haben-das Schöne im Religiösen gefunden, diese das Religiöse im Schönen gesehen.! (Schluß folgt.) Das Kaddischgebet. Von Bernhard Loewenthal. (32. Fortsetzung und Schluss.) Er verschmähte es noch immer, dem Gottesdienst am Sabbath im Tempel beizuwohnen, und mehr als einmal schon batte man in der K'hille die Köpfe geschüttelt und sich überden i sonst so streng-frommen Reb Eli gewundert, der in seinem Hause einen solchen „Posche Jisroel" duldete. Als mau den Alten einmal darüber befragte, gab er in seiner milden Weise mit sanfter Stimme zur Antwort: „Mit einem Kranken muß man Nachsicht haben, und ich sage Euch, mein junger Freund ist krank, Ihr werdet sehen, wenn er gesund sein wird, dann wird er auch Schabbes nach Schul' gehen".

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