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Die Wahrheit · 1902-08-22 · Heft 33 (22.8.1902) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 33 (22.8.1902)
Date
1902-08-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 33. Die Wahrheit. £eite y. Die guten Glaubensgenössen nun konnten allerdings nicht begreifen, was einem kraftstrotzenden Menschen, der alle Tage mit dem Rabbi und dessen Epkelin so festen Schrittes durch das Mokim ging, fehlen sollte; der Greis aber, der sich oft mit Leon über Juden und-Judenthum, über Religion, Gott und Glauben unterhalten und der einen kleinen, verständuisdollen! Einblick in das Innere des jungen Mannes gewonnen hatte, | der wusste es besser und — er schwieg. i Zeit heilt Wunden. | Auch Leon vergaß. Oft schon, wenn er in die märchenj dunklen Augen der lieblichen Esther sah, verblassten andere Augensterne, und nicht selten tönte wieder wie einst sein; fröhliches Lachen. Er bekam Lust zur Arbeit und bald fing er auch wieder an zu schaffen. - Seine Melodien aber, die er jetzt componirte, waren so! grundverschieden von seinen einstigen Werken, dass er selbst , darüber erstaunt war.. Es lag über seiner Musik ein so eigenartiger Schmelz, i eine so rührende Weichheit.! Es war das Wesen der schönen, sanften Esther, das; über seinen Tönen dahin schwebte und er fühlte sich —! glücklich. Ost saßen die drei, der Rabbi im großen Lehnsessel, unter - den hohen Linden des kleinen Gärtchens und plauderten bis in j die Nacht hinein. Dann — wenn der Greis sich erhob, um! ins Haus hinein zu gehen, blieben die beiden jungen Leute > noch eine Weile und träumten — sie träumten von — Liebe j und — Glück.! Wenn der Duft der Lindenblüten ihre Sinne berauschte! und die Nachtigall so schmerzlich klagte, dann kam es wie ein! tiefes Schneit über Leon, und fast unbewusst ergriff er die j schlanken Finger des schönen Mädchens neben sich. j Esther erschauerte dann in einem nie gekannten seligen : Gefühl. j Die Regung der ersten unschuldsvoll reinen Liebe hatte | in ihrem jungen Herzen Platz gegriffen, und in solchen Mo-; menten der heiligen Stille in der großen Natur Gottes und des seligen Selbstvergessens au der Seite Leon Wilds wurde es ihr weh im Herzen, so schwer zum Weinen. In ihrer Seele stieg es aus, presste sich in die Kehle und leise, flüsternd kam j es von ihren Lippen: „Wo ist das Glück — das Glück?" j .'Hm nächsten SchabbeS ging Leon mit dem Rabbi nach Schul, und das Erschemen des jungen Mannes erregte um so mehr Aufsehen, als doch alle Zeitungen spaktenlange Würdigungen seiner neuen Oper, die vor drei Tagen ihre Erstansführnng erlebt hatte, nun mehr brachten, una Leon somit eine „Berühmtheit" war. In der Frauenschnle wnrve es unruhig. Die junge Frau Beitels harre eben einen kleinen Streit wegen des Borderplatzes — gerade heute wollte sie ihn benutzen. Nach dem Gottesdienst standen die älteren „Balbattim" noch eine Weile vor der Thür des Tempels und Simche Graunert sagte auf Leon bezüglich: „Ich Hab' doch seinen Bater auch noch gekannt, der ist ein ebenso schöner Mann gewesen, und habt Jhr's gehört, wie er heute die Braches über das Sefer gesagt har? Er muß doch ein gelernter Jung' sein!" * * * Nach kaum einem Jahr, an einem schönen Frühlingstage legte Reb' Eli segnend seine Hände auf das Haupt der schönen Esther. Der alte Mann weinte und sogar Frau Erna Gntkind, die in ihrem neuseidenen Kleid .es sich nicht hatte nehmen lassen, das „Unterführen" zu haben, zerdrückte einige Thränen der Rührung. David Regun umarmte seinen Freund. „Werde glücklich, Leon, wie ich es geworden bin, und was auch kommen mag, bleibe stets gläubig — ein Jade!" * * » Im Herrenhanse der Besitzungen des alten Baron von Olden nahmen, die Bergnügungen, seit der Schloßherr sein junges Glück heimgeführt hatte, kein Ende. Frau Baronin Else v. Olden, geb. Munk, musste wieder und wieder Zerstreuung haben — Abwechslung. Der zum Hauptmanu avancierte v. Wlitzingen, Baron v. Graßholm und der schöne Esli Strnensee waren zu den Jagden und Bällen ständige Gäste. Oft aber, wenn der Trubel am lautesten war und die Gefellfchafi am lustigsten, huschte plötzlich ein Schatten über das knltlächelnde Gesicht der Hansherrin. Ihr Blick schweifte sehnsuchtsvoll in die Ferne, ihr Auge wurde feucht und ihre Lippen murmelten leise, tieftraurig: „Wo ist das Glück — das Glück?" Ende. Seiner selbst unbewusst, an nichts denkend, nicht an die. Vergangenheit oder Zukunft, presste Leon die Hand des liebenden Mädchens au seine Lippen. „Wo ist das Glück?" wiederholte er kaum hörbar. In ihm wurde es Licht. Einen schönen Weg sah er vor sich, eine herrliche Aufgabe. Dieses Mädchen, dieses Kind hier, wollte er glücklich machen und in ihrem Glücke wollte er selbst glücklich werden. Er fühlte sich gehoben in diesem Gedanken so leicht, so freudig bewegt. Sanft zog er Esther an sich — sie war ihrer selbst nicht mehr mächtig — und zwei Lippenpaare fanden sich in langem, liebeglühendem Kuss. Die Linden dufteten, noch immer klagte Philomele, da riss sich das vor Scham erglühende Mädchen los und eilte'ins Haus. Lange noch blickte ihr der junge Künstler nach, dann ging auch er langsam auf sein Zimmer. Er öffnete die Fensterflügel, so dass die laue Sommerlust balsamisch dustend ins Zimmer flutete. Der Mond beschien hell das Gemach und warf seinen vollerr Schein auf das an der gegenüberliegenden Wand angebrachte Gemälde einer schönen Frau. Leon betrachtete andachtsvoll die theuren Züge seiner Mutter, die zufrieden auf ihn hrrabzulächeln schien. Wie im Gebet faltete er die Häirde und langsam, fast feierlich, so als «b er der Todten ein Geständltis zu machen habe, sagte er mit vernehmlicher Stimme: „Ich danke Dir Mutter, ich bin glücklich!" Quartett-Sänger. Ein I. Tenor, ein II. Tenor, ein I. Bass, ein II. Bass, nur erste Kräfte, tüchtige Blattleser werden für die hohen Feiertage bei CUntor Th. Fleck, Wien. VIII., Florianigasse 50, Thür 8, aufgenommen. $ Cultusbeamte finden durch den Verkauf eines leicht absetzbaren A Artikels hohen Verdienst. <JC L Gef. Offerte „C. 0. K.tt an die Expedition dieses U Blattes erbeten. Ein schön geschriebenes aus g^em Kalbpergament sammt Q^nn und Manterl ist bei einem zu verkaufen. Dasselbe kann auch zu den hohen Feiertagen ausgeborgt werden Zu erfragen in der Expedition dieses Blattes. O f f ert, Ein tüchtiger Bcuspsisrt; mit kräftiger Stimme, gutter Blattleser, sucht einen Posten. Auskunft ertheilt aus Gefälligkeit die Administration dieses Blattes.

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