Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 33 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Me Wahrheit. . Nr. 33, Glashäuser gesetzt, können sie allenfalls mit ihrem buntschillernden Farbenspiel dem Menschen eine Zeit lang ein ergötzliches Kurzweil bieten. Aber draußen in der freien Natur, wo alle Kräfte mit voller Gewalt sich breit machen, bedeutet ihre ganze bunte Kraft nur ein einziges Wahrzeichen — der Ohnmacht. Von der Perspective des Herrn Dr. Jakob gesehen, müsste unsere gelammte Geschichte von der Urzeit Tagen an als ein einziges Räthsel 001" unseren Augen dastehen. Jerobeam wäre denn eigentlich der erste gewesen, der von dieser Formel den verständnisvollsten Gebrauch zu machen verstand, indem er darauf ausging, das Judenthum mit der damalig vorherrschenden Cultursorm des ägyptischen KLlberdienstes — ebenso schön als innig zu verschmelzen. Er hatte es auch verstanden, wie oben im Artikel III gezeigt worden, diesen Bestrebungen ein echt classisches Gepräge aufzudrückeu. Unerfindlich blieb nur, wie denn die Propheten dazu kamen, über diesen Jerobeam, trotz seiner so echt jüdischen Bestrebungen, die volle Schale ihres Zornes auszuschütten und ihn als einen der verworfensten Verräther aller Zeiten zu brandmarke»? i Was nun gar der Eifer des Elijahu gegen die Baalspriester auf dem Berge Karmel für eine Berechtigung hatte, — bliebe einem vollends räthfelhast. Herr Dr. Jakob thut doch immer so, als ob er es mit den Propheten hielte. Weiß er denn nicht, dass dieselben vom ersten bis zum letzten ihre ganze Kraft, ihren ungestümen Eifer aufbieten, um das Volk von seinen Neigungen, das Judenthum "mit fremdem Wesen zu verschmelzen, abzubringen? Darin erschöpfte sich doch gerade ein großer Lheil ihrer Wirksamkeit! Dagegen möchte ich einen Preis darauf aussetzen, wenn er in der Lage wäre, auch nur eine einzige Stelle anzuführeu, wo ein Prophet der Verschmelzung des Judenthums mit fremden Religions- oder Culturformer. das Wort redeie. Es ist daher nur eitel Aufschneiderei, wenn die Reform behauptet, dass es das pKphetifche Judeuthum wieder zu Ehren bringen mochte. Nein, Herr Dr. Jakob, wer das Judenthum verstehen, oder gar aus den Fährnißen der Zeit retten will, der muß etwas tiefer graben. J5o leichten Kaufes vollbringt man diese Aufgabe nicht. (Fortsetzung folgt.) Das jüdische M-iurgsnivea« unserer Großstadt- Jugend. Wir hätten am liebsten in der Erörterung dieser in den Spalten dieses Blattes so vielbesprochenen Fragen eine Pause eintreten lassen wollen, weil man ja doch erfahrungsgemäß auch des Guten nicht zu viel thun darf, allein eine in letzter Zeit erfolgte Veröffentlichung, die das von uns entworfene Situationsbild um einen markant hervorstechenden Zug bereichert, veranlasst uns, auf dieses wichtige — man könnte fast sagen — unerschöpstiche Thema noch einmal zurückzukommen. In dem soeben ausgegebenen neunten Jahresbericht der israel. theologischen Lehranstalt in Wien wird von Seite der Leitung darauf hingewiesen, dass die Ausnahms-Prüfungen an der Anstalt infolge ungenügenden talmudischen Wissens der um Aufnahme werbenden Zöglinge mit jedem Jahre kläglicher aussallen, und diese traurige Erscheinung sei nur dem Umstande zuzuschreiben, dass es hierorts an Talmud- Thora-Schulen mangelt, woselbst den Mittelschülern Gelegenheit geboten wäre, sich jenes Maß jüdischen Wiffens anzueignen, das sie zur Aufnahme in das Rabbinerseminar und zur Absolvirung höherer Studien befähigen würde. Gibt schon dieser Paffus des Berichtes ein zutreffendes Bild von dem Bildungsniveau, auf dem unsere heutige, der jüdischteologischen Wissenschaft sich widmende Jugend steht, so tritt dasselbe noch deutlicher hervor, wenn man einen weiteren . Paffus liest, der über die Frequenz der Anstalt Aufschluss gibt. Me nämlich aus demselben erhellt, betrug die Zahl der Hörer, die im abgelaufenen Jahre die Anstalt ftequentirteu, 23, sage 23 Candidaten, die sich auf die verschiedenen Länder und Städte der Monarchie und mit einem geringen Perzentsatz auch auf das Ausland vertheilten, während Niederösterreich und speciell Wien auch nicht mit einem Hörer an der Frequenz partieipirte. - Fürwahr eine beredtere Sprache kann es nicht geben, als wenn gesagt wird, dass in der ersten österreichischen Lehranstalt zur Ausbildung zukünftiger Seelsorger während Jahresfrist aus all:r Herren Länder, aus allen möglichen Städten des In- und Auslandes wissensdürstige Thorajünger vertreten waren, nur nicht aus Niederösterreich und aus Wien, aus der Stadt, wo die Lehranstalt ihren Sitz hat und 200.000 jüdische Seelen ihr Heim aufgeschlagen haben! Zeigt es sich hier nicht klar und deutlich, welch traurige Consequenzen die mangelhafte religiöse Geistesbildung unserer Großstadtjugend nach sich zieht? Tritt hier nicht unverkennbar die Erscheinung zutage, dass das Fundament, auf welchein die ersten Steine für die religiös geistige Entwicklung unserer jugendlichen Sprößlinge gelegt werden, bei weitem nicht die Tragfähigkeit besitzt, um das große Zukunftsgebäude der höheren jüdischen Wissenschaft ertragen und erhalten zu können?*) Und darum, wenn jemals, so ist es jetzt hoch an der Zeit, dass die so hochwichtige Frage betreffs Completirung des Religionsunterrichtes für unsere Schuljugend, die schon seit Jahr und Tag discutirt wird, nun eine endgiltige und befriedigende Lösung finde. Die berufenen Factoren müssen dieselbe ernstlich erwägen und endlich daran gehen, das so frühzeitig baufällig gewordene jugendliche Gebäude, das mit jedem Tage neue Risse und Schäden aufweist, einer gründlichen Verbesserung und Umgestaltung zu unterziehen. Allein, soll das Uebel einmal wirklich behoben werden, dann »muß es an der Wurzel gefasst werden. Es genügt nicht, wenn die Actiou von oben eingeleitet wird, nein, sie muß unten beginnen und von hier die Richtung nach aufwärts nehmen. Und wenn vom Rectorate der Wiener theologischen Lehranstalt, wie eingangs erwähnt, der gewiss sehr löbliche Vorschlag gemacht wird, Talmud Thora-Schulen zu gründen, dann sollen diese nicht blos kür die Mittelschüler, für die Gymnasiasten, sondern auch, und dies in erster Linie, für die Volksschüler berechnet sein. In denselben sollen auch unsere zarten Kleinen, denen bekanntlich in der Volksschule infolge des minimalen Zeitausmaßes nur eine spärliche Dosis jüdischen Wissens verabreicht wird, die erforderliche Zugabe, den erweiterten Religionsunterricht erhalten, mittelst dessen sie, wenn schon nicht zu Gelehrten und wissenschaftlichen Größen, so doch zumindest zu schrift- und gesetzeskundigen Juden, zu treuen Anhängern des Glaubens und zu würdigen Söhnen des Volkes heran gebildet werden. „Mipi aulelim w’jaunkim jossadto aus, mit der Jünglinge und Säuglinge Lallen begründest du dein Reich", Wenn in das jugendliche, empfängliche Kinderherz frühzeitig die ersten Keime jüdischen Denkens gepflanzt werden, dann befestigt sich das große Gottesreich, erweitert sich die geistige Sphäre des Weltalls und nur dann ist die Bürgschaft gesichert, dass der Gottesgedanke, der in dem zarten Kinde geweckt wird, auch Wurzel schlagen, emporsprießen, reichliche Geistesblüthen ansetzen und herrliche Früchte tragen wird. Daniel Skutezky. Verschiedene Nachrichten. stkien. Anlässlich des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers fanden in sämmtlichen Synagogen der Wiener Cultusgemeinde Festgottes, dienste statt. Im Seitenstettentempel fungirten Oberrabbiner Dr. Güde, mann und Obercantor Singer, im Leopoldstädter Tempel Rabbiner Dr. Schmied! und Obercantor Guttmann. Der Feier im Seitenstettentempef wohnten die beiden Bicepräsidenten der Cultusgemeinde, Dr. Alfred Stern und Landesschulrath Dr. Gustav Kohn, Cultusvorsteher Commerzialrath Weil, Bethausvorsteher Flaschner, GR. Ziffecer, Rabbiner Kramer, Sekretär Dr. Adler mit vielen Beamten der Cultusgemeinde, Armenvorsteher Jellinek u. v. A. bei. Auch in sämmtlichen Vereinssynagogen Wiens wurden aus diesem Anlässe Festgottesdienste abgehalten. *) Der Mangel an Frequenz von namentlich Wiener! Hörern ist nach unserer Ansicht auch noch anderweitig begründet, und wir gedenken auf diese Erscheinung gelegentlich ausführlicher zurückzukommen. (Die Redactwn.)