Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 33 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 33. Me Wahrheit. Seite L Schluss nahe, dass die Ablehnung der zionistischen Anerbietungen seitens des Sultans diesmal eine endgiltige gewesen ist, dass die Parteileitung selbst die Hoffnung ausgegeben hat, sofern nicht außerordentliche Ereigniße eine grundstürzende Aenderung der politischen Verhaltniße herbeiführen, den Charter zu erhalten, und fich deshalb verpflichtet fühlt, ihrer Anhängerschaft von diesem Mißerfolg Kenntnis zu geben. Wie die Anhängerschaft diese entmuthigende Mütheilung aufnehmen wird, bleibe dahingestellt. Weite Kreise, namentlich in Rußland, waren wohl schon seit Langem inbezug auf die Erreichbarkeit des Charters äußerst skeptisch und haben nur aus Gründen der Parteidisciplin mit einer öffentlichen Meinungsäußerung zurückgehalten. - Wie dem auch sein möge, die Zionisten können sicherlich von Glück sagen, und die besonnenen Elemente werden sich dadurch leichter mit der Enttäuschung abfinden, dass es der Partei im gegenwärtigen Stadium erspart geblieben ist, die Probe auf das Exempel ihrer Theorien zu machen und die „öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte" ins Leben zu rufen. Bis jetzt sind innerhalb der Partei, wie außerhalb derselben nach keiner Richtung die Voraussetzungen vorhanden, um eine Ansiedelung in großem Style durchzuführen, und jeglicher dahingehende Versuch müsste , auch bei den weitest reichenden Zugeständnißen der türkischen Regierung unabwendbar scheitern. Solange aber die Blicke der ganzen Partei auf Konstantinopel und die dort schwebenden Verhandlungen gerichtet waren, hat man all' den Bestrebungen, in langsamer Arbeit die zukünftige Verwirklichung der Ansiedelungspläne vorzubereiten, wenig Aufmerksamkeit geschenkt, vielmehr mit sehnender Ausdauer au der Hoffnung festgehalten, dass ein Wunder geschehen, dass der Sultan oder einer der Monarchen, welche Dr. Herzl empfangen haben, dem jüdischen Volke Palästina oder doch große Theile desselben als Heimstätte überlassen würden. War erst einmal dieses Wunder erfolgt, so konnte ja auch auf das fernere Wunder gehofft werden, dass dann die erforderlichen Hunderte von Millionen und vor Allem die sachverständige Intelligenz in so reichem Maße vorhanden sein werde, dass, man sich über die Rothwendigkeit, die materiellen Vorbedingungen zu schaffen und Erfahrungen zu sammeln, vor der Hand hinwegsetzen durfte. Wird nunmehr, wo das erste Wunder ausgeblieben ist, das zweite, dessen Voraussetzung jenes bildet, gleich vertrauensvoll erwartet werden? Wird die zionistische Partei an beui Wendepunkte, an dem sie angelangt ist, sich entschließen, den Vorbereitungs-Arbeilen ihr Hauptaugenmerk zuzuwenden und den gegenwärtigen Colonisations-Bestrebungen ihre Förderung angedeiyen lassen, wenngleich nur, um aus ihren Erfahrungen Lehren zu ziehen und ihre Experimente zu nützen? Bei voller Wahrung der beiderseitigen Differenzpunkte wird sie nach dieser Richtung mit den Vereinen für die Colonisation Palästinas Zusammengehen können, und diese gemeinsame Arbeit dürfte dazu beitragen, den Spalt zwischen den „politischen" Zionisten und den Chowewe Zion zu einem kleinen Theile auszusüllen. Noch auf eine Bemerkung in der Verlautbarung der „Welt" sei hingewiesen! Es heißt darin: „Dr. Herzl forniulirte die Bedingungeti der jüdischen Ansiedlung in einem zusammenhängenden Theile von Palästina und in noch anderen Gebieten Kleinasiens auf der Grundlage eines Charters." Palästina ist kein Gebiet Kleinasiens; aber dieser geographische Schnitzer kommt nicht in Betracht, von größter Wichtigkeit jedoch ist und hervorgehoben zu werden verdient, dass die zionistische Parteileitung, wie sie nunmehr offiziell bekannt gibt, auch außerhalb des heiligen Landes, nämlich in Kleinasien, zu kolonisiren beabsichtigte. Dahingehende Anregungen sind auf sämmtlichen Zionlsten-Congreffen erfolgt, aber jedesmal abgelehnt worden, mit der strikten Forderung, dass für die zukünftige Ansiedelung kein anderes Land als Palästina ins Auge zu fassen sei. Auch in dieser Hinsicht dürfte deshalb die Kundgebung der Parteioberhäupter innerhalb ihrer Anhängerschaft einige Ueberraschung wecken. Doch das ist Sache der unmittelbar betheilgten Kreise, denen allein das Recht zusteht, über diese Modifikation des grundlegenden Programmpunktes zu bestimmen. Auch darüber haben einzig und allein sie zu entscheiden, ob künftighin die Kräfte der Partei in den Dienst der Borberettungsarbetteu gestellt werden sollen. Freilich dürfen die letzteren nicht in bloßer Agitation und in der Sammlung von Fonds bestehen, sondern müssen positive Arbeiten sowohl auf dem Gebiete der Colonisation, wie auf dem der Bolkse^ichung darstellen. Die Zionisten werden auf beiden Gebieten die Ghowewe Zion am Werke finden." _ i Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. Von Rabbiner Dr. Daniet Fink—Wien.! X. In gleicher Weise kann Herr Dr. Jakob arlch auf die! Behauptung: „das Jndenthum bilde überhaupt keine constante Größe, sondern muß seine Form nach den außeriüdischen Faktoren, mit denen es sich auseinander zu setzen hat, wechseln", etwa ein Urheberrecht in Anspruch nehmen. So hat ja eben Harnack, und zwar wiederum längst vor ihm, sein „Wesen des Chriftenthums"! umschrieben. „Ja, wo bleibt denn nun unser Judeuthum", —; müssen wir da ganz verblüfft fragen? Wird denn aus dem j Christenthum dadurch.Judenthum, dass man ihm einfach einen! jüdischen Stempel ausdrückt? Wäre das heutige Reformjudeuthum nur so weit, als die religiöse,i Grundsätze in Frage kommen, im Banne des Christenthllms befangen, so brauchte man es noch nicht ganz auszugeben. Man könnte darauf warten, bis schließlich einmal eine bessere Erkenntnis bei ihm sich durchringen j werde. Biel schlimmer ist die traurige Wahrnehmung, dass seine- ■ gesammte Hrkenntnisweise diese hilflose Unabhängigkeit aufweist.! Ulwermögeild zu einer Coneeptionen von irgend welchem Werthe, weiß es nichts anderes zu thun, als von dem zu leben, was es! drüben auf Borg entlehnt.! Wäre nicht das heutige Judenthum durch und durch hohl, i wie wäre es nur sonst möglich, dass die gedachte Schrift Harnack's! über das „Wesen des Chriftemhums" es in den Zustand einer! so nervösen Erregung versetzen konnte! Sind doch die in der-; selben auftretenden Behauptungen in sich selbst so ganz und gar i haltlos, — muß sie doch alles, was sie gibt, aus Schrauben! gleichsani stellen, — unter allerlei Vorbehaltungen und Ber-! clausulirungen Vorbringen. Dem richtig erkannten Judenthume j gegenüber nimmt sich das alles etwa so aus, wie ein abgerissenes j vergilbtes Blatt aus einem Herbarium im Vergleich zu dem! vollen, reichen, üppigen Leben des Kosmos. Entschiedenheit und i Kraft allerdings zeigt sie nur dort, wo es um Angriffe aus das j Jndenthum geht. Kennt doch ihr Verfasser das Jndenthum „als > inkonstante Größe" nur zu gut. Mit dem lässt sich vortrefflich! fechten. | Allein ich frage: wessen würden sich unsere Vorfahren,! welche die Verfolgungen unter Antiochus, die Katastrophe unter j Titus, die Zeiten des Hadrian und die Verheerungen des j Mittelalters u. f. w. erlebt haben, — wessen würden sie sich I wohl versehen haben, wenn auch ihnen das Jndenthum als eine! „inkonstante Größe" bekannt gewesen wäre? Wohl ihnen, j dreimal wohl, dass sie von solcher Weisheit verschont geblieben,! — nur dadurch konnten sie es aus allen Heimsuchungen und z Verfolgungen, aus dem furchtbarsten Verfall erretten und ihren! Mul zu hohen Thaten beflügeln. Es soll damit längst nicht! gesagt sein, dass unter ruhigen Zeitkäufen diese Formel dessen-! ungeachtet ganz gute Dienste leisten könnte. Keineswegs! Das Israel, welches sein Jndenthum auf diese Formel stellen wollte, dem wäre der Lebenssaden sofort abgeschmtten. Von ihm könnte man ruhig sagen: „Deine Tage find gezählt, gewogen. Dein Lebenssaden ist abgeschnitten". Denn auch die ruhig aber stetig wirkende Zeit hat ihre aufläsende Gewalt. Rur die starken, urwüchsigen Kräfte vermögen ihr einen siegreichen Widerstand entgegenzusetzen. Mischlingsformen dagegen sind im Vorhinein zum Tode verurtheilt. Unter