Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 33 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. 'Hx. 33. Cursaals sitzt; „eine alle Untugend unserer Glaubensgenossen, die schon im alten Ghetto ihre nicht lehr wohlriechenden Blüthen j trieb. Es ist wie mit dem Luxus, den jüdische Damen treiben. Gleichsam eine Selbstcmschädigung dafür, dass uns die Pforten der Gesellschaft verschlossen blieben. Die jüdische Frau wollte damit gleichsam Zeinen Vergeltungsact den christlichen Frau gegenüber ausüben, die sie ihres Verkehres nicht würdigte und stolz am sie herabblickte. Man weiß es ja, wie sich Frauen darob ärgern, wenn sie sich in Putz und Tand überboteu sehen". „Sie, Herr Lehrer, erklären alles naturwissenschaftlich, physiologisch, möchte ich sagen", entgegnet der Kaufmann, „möchten Sie den Kleiderputz, in welchem unsere Damen allerdings des Guten etwas zu viel thun, nicht auch historisch, aus der Ueberlieferung, besser erklären? Soviel ich unsere Bibel und; unsere Geschichte gelesen, weiß ich, wie schon in alter Zeit ein! Zesaias, in späteren Tagen unsere Moralisten, gegen den Kleider- > land, gegen den Putz und Luxus bei den Krauen auftraten".! „Sie haben recht, lieber Freund, auch gegen das Spiel, j und insbesondere gegen das Kartenspiel fp'echen unsere späteren > Sirtenlehrer. Spiel und Tand, sie sind imstande, die besseren! Regungen in der Volksseele zu unterdrücken und zu vernichten.! Da muß die Volkserziehung vieles thun. Wir dürfen nicht auf- I hören an dieser zu arbeiten. Immer und immer wieder wollen j wir auf die alten Tugenden der Väter Hinweisen, auf ihre Schlichtheit und Einfachheit, auf ihre Genügsamkeit uub Zufriedenheit. Unsere Kinder aber wollen wir belehren, an den Erscheinungen der Zeit nicht achtlos vorüberzugehen. Zu einem starken Geschlechte wollen wir sie erziehen, zu unerschütterlichen Charakteren, *11 energischen Männern die Söhne und die Mädchen zu frommen, biederen, matteren Frauen. Ich möchte der Frauenerziehung im Judenthum ein noch größeres Gewicht beilegen als der der Männer. Wurde jemals ein derartiges „hohes Lied" zum Lobe der „wackeren Frau" angestimmt, wie dies der weise König lhut? Aus Unverstand, oder sagen wir verzeihend und entschuldigend, aus Misverständnis, wurde es im Iudenthum lange Zeit wenig beachtet, welchen gewichtigen Factor im gesell'chaftlichen und religiösen Leben die Frau bildet. Das muß anders werden. Und besonders unsere Rabbiner mögen sich in ihren Predigten weniger philosophischen Wassers bedienen und mehr zu den Frauenherzen sprechen, schlicht, einfach, aber zum Herzen gehend und auf das Verständnis wirkend. „So sprich zum Hause Jacob", wie schon der Midrasch schön sagt, diese Worte der Offenbarung sind zunächst an die Frau gerichtet . . . ." Eine ausfallend geputzte, nach der neuesten Mode gekleidete jüdische Dame schwebte bei diesen Worten des Lehrers vorüber. Sie sprach mit dem etwas excentrisch gekleideten jungen Manne an ihrer Seite über die neuesten secessionistischen Erscheinungen auf dem Gebiete des nordischen Romans. . . „Es muß noch viel ärger werden in unserer Mitte", entgegnete nun der Kaufmann, „bis es besser wird ... Doch lassen Sie uns der Stickluft entfliehen. Sehen Sie, der Regen hat aufgehört, der Sturni nachgelassen, die Wolken zertheilen sich, wenn ich nicht ganz irre, wird es dort im Westen Heller. Die Sonne leuchtet wieder, das ist ein Trost." „Tröstet, tröstet mein Volk", murmelte der Lehrer für sich hin. Judaus. Zionistische Aussichten. lieber die mannigfachen Audienzen und Verhandlungen Dr. Herzl's in Constantinopel betreffs Anstrebung der rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina waltete bisher stets das strengste Geheimnis. Selbst Männer, die in der zionistischen Organisation eine einflussreiche Stellung einnehmen oder einzuuehmen scheinen, wussten darüber wenig zu sagen, und in die weitere Oeffentlichkeit drangen überhaupt nur Combinationen und Vermuthungen, die oft zu unfruchtbaren Discufsionen Anlass gaben. Dieses Priucip der unbedingten Geheimhaltung scheint nunmehr von der obersten zionistischen Leitung — und dies gewiss zum Vortheil für die Popularität der Bewegung — aufgegeben zu [ein, indem die letzte Nummer der. „Welt" mit großer Offenheit über den jüngsten Aufenthalt Dr. Herzl's in Constantinopcl berichtet. Diese Offenheit ist um so höher anzufchlagen, als die. sicherlich hochoffiziöfe Kundgebung keineswegs Erfolge zu verzeichnen hat, sondern eher einen Mißerfolg einbekeunen muß. Das genannte Blatt meldet Folgendes: „Nach zehntägigem Aufenthalte in Constantinopel sind die Herren Dr. Herzl, Präsident des Zionfften-Congresses, und D. Wolffsohn, Präsident be§ Jewish Colonial Trust, zurückgekehrt. Die Herren Dr. Herzl uno Wolffsohn waren am 22. Juli nach Constantinopel gefahren. Dr. Herzl hatte eine telegraphjjche Einladung Sr. Majestät des Sultans erhalten. Er wurde mit der größten Auszeichnung behandelt und war während der ganzen Dauer seiner Anwesenheit Gast des Sultans. Die Verhandlungen wurden von türkischer Seite diesmal durch Se. Hoheit den Großvezier Said Pascha, sowie durch Ihre Excellenzen, den ersten Secretär des Sultans Tahsin Bey, den Oberceremonienmeister und Dragoman des kaiserlichen Divans, Ibrahim Bey, und den Kämmerer des Sultans, Aarif Bey, geführt. Herr Dr. Herzl hatte zwei lange Conferenzen mit dem Großvezier und jeden Tag im Mdiz-Kiosk eingehende Besprechungen mit den Vertretern des Sultans. Für den Sultan arbeitete Dr Herzl in diesen Tagen mehrere Exposes in französischer Sprache aus und ließ sie durch seinen eigenen Uebersetzer in das Türkische übertragen, worauf sie dem Sultan unmittelbar vorgelegt wurden. In diesen Exposes führte Dr. Herzl den Standpunkt der Zionisten aus und formulierte die Bedingungen der jüdischen Ansiedlung in einem zusammenhängenden Theile von Palästina und in noch anderen Gebieten Kleinasiens auf der Grundlage eines Charters. Diese Propositionen wurden von türkischer Seite in Erwägung gezog.n. Der Sultan ließ durch seine Vertreter zunächst seine vollen Sympathien für das jüdische Volk erklären, aber die Zugeständniße, die Se. Majestät einer jüdischen Ansiedlung zu machen sich bereit erklärte, konnten nicht als ausreichend nach unserem zionistischen Programm erkannt werden. Die Verhandlungen sind somit auch diesmal ohne Resultat geblieben. Indessen ließ der Sultan Herrn Dr. Herzl seiner Achtung und Sympathie versichern. Die Verbindun g ist keineswegs abgebrochen. Wir dürfen vielmehr hoffen, dass der Vortheil, welchen eine geordnete und rechtlich gesicherte Ansiedlung der Juden nach unserem Programm bedeutet, von der türkischen . Regierung noch im vollen Umfang eingesehen werden wird/" An die Veröffentlichung dieses Communiques knüpft Herr W. Bambus in der Berliner „Jüdische Presse" folgende Bemerkungen: „Diese Veröffentlichung bedeutet nichts mehr und nichts weniger, als das vollkommene Scheitern derjenigen Pläne, welche darauf hinaus liefen, von den Türkenden sogenannten Charter zu erhalten. Die Thatsache wird ltarä all' den Darstellungen zionistischer Blätter über die erfolgverheißenden Aussichten, mir denen die Verhandlungen in Constantinopel geführt wurden, den betheiligten Kreisen eine große Enttäuschung bereiten Herr Dr. Herzl ist deshalb zu dem Muthe;u beglückwünschen, mit dem er diesen Mißerfolg offen einräumt und bekannt gibt. Es ist augenscheinlich nicht der erste dieser Art, denn das Commun iquo sagt ausdrücklich: „Die Verhandlungen fiub somit auch diesmal ohne Resultat geblieben." Frühere Verhandlungen haben demnach gleichfalls zu einem Resultat nicht geführt. Aus welchen Gründen hierüber keine Verlautbarung erfolgte, sondern die Hoffnungen über den günstigen Stand der Dinge genährt wurden, vermag der Fernstehende nicht zu beurtheilen. Indessen legt der Umstand, dass diesmal mit der bisherigen Praxis gebr ochen und das negative Ergebnis mitgetheilt wurde, den