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Die Wahrheit · 1902-08-22 · Heft 33 (22.8.1902) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 33 (22.8.1902)
Date
1902-08-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akvhsit Nedactton und' Administrot'o >: Wien, II/,. Novaragaffe - 7. K. k. österr. Po.'v-'rcissa Check-Cönw Nr. 846.25: Inserate! 20 Heller ver Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnserationsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Unabhängige Zeitschrift für jüöifche intereflen. Brrugsprris: j Ganzjährig. . . K. 12.—! Halbjährig . . . . K. 6.— j Für Cultusbeamte: Ganzjährig....!<>.— Erich eint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Für Ausland: Ganzjädrig . . .8 Mark, i 6 Rubel »c>er!8 FcS > Nr. 33. Wien, 88. Ängnst IM. Inhalt r Gespräche im Badeorte. - Zionistische Aussichten. — Wiffenschaft oder - Gelehrsamkeit. — Das jüdische Bildungsniveau unserer Großstadt-Jugend. — Verschiedene Nachrichten. — Zur Organisation. — Die Entwicklung der synagogalen Liturgie bis nach der Reformation des 19. Jahrhunderts. — Das Kaddischgebet. Gespräche im Äadeorte. Im Walde. Rittgsum erheben Tannenriesen die hundertjährigen Häupter. Sanft rausclt es in den Lüften, und balsamische Düste verbreiten sich wohlig, die unrnhigen Nerven kräftigend, stählend. Da sitzt um einen rohen Tisch eine Gesellschaft, die sich mit lebhaftem Gespräche die Zeit vertreibt. Leere, Halbleere und volle Milchhumpen stehen vor ihr. Ist es auch „die Milch der frommen Denkungsart", die sich in ihren Worten äußert? Der das große Wort führende Rechtsanwalt, mit dem ausgesprochen orientalischen Typus, lässt uns schier daran zweifeln. Man spricht vom Tischah be-Ab, von dem Urrtergange nuferes Staates, von der Zerstörung und Verbrennung des Tempels. Man spricht davon, wie von dem Tode einer greisen Urgroßmutter. Es ist leider geschehen, aber musste es nicht geschehen? Muß nicht jedes Volk der Natur den Tribut leisten? Es sind doch auch andere Nationen untergegangen, und sie waren mehr als wir Auch Patroklus musste sterben und war mehr als Du. Der Rechtsanwalt blickt nach diesen Worten, die dem Gehege seiner Zähne entflohen, triumphirend im Kreise umher. Er kann sich auf seinen Geist, seine Kenntniße, seine sprühende Rede etwas einbilden. Er steht thurmhoch über deur engerr und verengenden Begriffe des Nationalismus, des Chauvinismus und findet ihn im Judenthum geradezu lächerlich. „Ich bitte Sie, ein Nationalist, der einer mythisch gewordenen Nation angehört, ist es nicht zum Lachen? Ja, wenn man sich noch für deutsche Zwecke, deutsche Ziele,jfür die gewaltige Hochburg des Pangermanismus begeistert, das hat Sinn, das zeugt von Idealismus, — und bringt nebenbei auch manche Vonheile. Freilich, die Deutschen sind durchwegs Antisemiten. Fatal, aber wahr. Doch ihr Antisemitismus hat nur taktische Gründe." Auch so ein Wort, das der Rechtsanwalt in einem „liberalen" Blatte (die Antisemiten'. blätter nennen es „Judenblatt") aufgelesen und auf das er sich viel zu gute thut. „Uud dann, sind nicht die Juden selbst die größten Antisemiten? Ihr Prophet Jeremija — so heißt doch der Mann — hat sich über seine jüdischen Zeitgenossen auch nicht im löblichsten Sinne geäußert.^ Ich weiß dies noch voll meiner Kindheit her, da ich mit viel Schweiß und wenig Behagen diese schwierigen biblischen Bücher lesen musste. Der Vater that es nicht anders. Ich musste Hebräisch lernen. Viel Zeit und viel Arbeitskraft verloren . . . ." „Nun, es scheint der Liebe Mühe doch nicht ganz verloren gegangen zu sein, da Sie nun so vortrefflich den alten Propheten citiren und ihn — was er freilich nicht geahnt — sogar zum Antisemiten machen?", wirft jetzt der etwas satyrisch angehauchte Rentner ein. „Und da wir schon im Gespräche über Jeremija sind, so scheint es mir doch, dass dieser Mann mehr Patriot gewesen, als Sie Herr Rechtsanwalt einsehen wollen. Er weint über den Zusammenbruch seines Volkes. Und dieser Zusammenbruch hat ähnliche Gründe, wie das unverkennbare Elend in unserer Mitte heutigen Tages. Jeremijas beklagt die Anbiederung des des Judenthums au das Heidenthum fremder Völker. Setzen Sie an die Stelle der alten Assyrer, Aegyprer, Babylonier, Phönizier Namen heutiger Völker, und Sie haben die Parallele fertig. Der Jude will eben zu allen Zeiten gewissermaßen aus seiner Haut heraus, strebt in krankhafter Weise stets dem neuesten und allerueuesten, selbst, wenn es hässlich ist, nach und bleibt dabei doch — Jude. Auch Sie, Herr Rechtsanwalt, so viel Sie sich auf Ihr Deutschthum zu gute thun, find Jude, nicht etwa weil Sie am Tischah be-Ab falten, sondern weil Sie dem Judenthum so eifrig aus dem Wege zu gehen sich bestreben. Sie wollen dem Schatten entlaufen, der aber verfolgt Sie bis hieher in diesen Wald, in dem Sie uns Ihre famosen Ansichten über Jeremija zum Besten gaben." Die Geselschäft kichert, die Tannen wispeln, der Wind murmelt geheimnisvoll in den hohen Kronen, balsamische, fast betäubende Düfte erfüllen die Luft. Es ist Abend geworden, die Sonne ist schlafen gegangen. — Der Rechtsanwalt leert eine» Humpen „Sauerer". Man mahnt zum Aufbruch aus dem Walde. Und wehmüthig citirt der Lehrer in der Gesellschaft: „Darob weine ich". Im C u r s a l o n. Draußen regnet's. Wann hätte es in diesem Jahre nicht geregnet? Ein schneidend kalter Wind lässt fein Heulen hören. Die Curgäste frösteln. Die Einen lesen ihre Zeitungen, Politik, Börse, Ausgleich, Königskrönung, Uugewitter, Monarchenzusammenkunft, neue Steuern, Rumänen, Judenfrage, dies alles geht kaleidoskopartig durch die Blätter; nur ist es ein anderes Rauschen wie draußen im Walde, es stählt nickt, es kräftigt nicht, es regt die Nerven auf. Die Andern ipieleu, auch das beruhigt nicht, es reizt und verwildert und gar manchmal hört man vom Tische der Kartenspieler ein Work auffliegen, wie einen abgeschnellten Pfeil, zischend, scharf und spitz.; „Dass die Juden das Kartenspiel nicht lassen können"! bemerkt der Lehrer zu seinem Freunde, dem Kaufmann, der mit! ihm an einem Tische abseits in einem Winkel des prächtigen

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