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Die Wahrheit · 1902-08-15 · Heft 32 (15.8.1902) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 32 (15.8.1902)
Date
1902-08-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Ur. 32. Weikage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Illhrg. Me Entwicklung -er synagogalen Liturgie bis nach -er Deformation -es 19. Iahrhun-erts. Bon P. M i n k o w s k v, Obercantor der Brobyer Gemeinde zu Odessa.; XIII. Zn der Epoche der dritten Ordnung, nachdem Inden und Judenthum in ihren Ghettis von der Außenwelt abgeschlossen mid alle Gebetschriften und Piutmanuskripte unter die Druckerpresse gebracht worden waren, trat eine Reaction in der syuagogalen Musik an. Gerade in dieser Zeit, in welcher die: Kirchenmusik durch ihre genialett Tonkünstlcr flu einer noch nicht dagewesenen Höhe gelangte, sank unsere synagogale Musik durch die mystischen Gesänge der Lurianer, Witaliauer, Sabathäer, Fraukifte», Beschtiauer, Chabadäer rc. zu einer schrecklichen Tiefe. Die beiden Lager des Zudenthums der letzten Jahr- ' Hunderte, die Bannerträger der nervösen Mysticismus mit ihren . Hithlahaboth, und die petrisicirteu Mithnagdrm, die Träger des , Pilpuls mit seinen überschrauvten Sophistereien, trugen in gleicher Weise zur Barbarisirung der synagogalen Musik bei. Die Liturgie dieser Zeit, wie überhaupt das ganze synagogale Wesen dieser Epoche sank so tief, dass sie entweder reformirt werden oder der gänzlichen Verwilderung anheimfalleu musste. Da kam die Emancipatiou der Juden und entschied für das erstere. Das 19. Jahrhundert spielte im Leben der Synagoge fast dieselbe Rolle, wie das 16. Jahrhundert im Leben der : Kirche, und darf mit Recht die Epoche der „jüdischen Reformation" : genannt werden. Die jüdische Reformation ist aber von der! christlichen nicht blos zeitlich, sondern noch viel mehr geistig weit enlfernt. Während hier Religionseiier und Nationalsncht, waren dort Atheismus und Assimilatioussucht die Triebfedern der , ganzen Bewegung. In der Kirche hat sich die Musik nach der Reformation bei den Katholiken mehr religiös und bei den Protestanten mehr national gestaltet; in der Synagoge brachte die Reformation eine Frivolität in die Musik, die ihr größtes Behagen in der Bekämpfurig der Religiosität und noch mehr der Nationalität fand. Diese vierte Ordnung hat v.el gegen den Orient und dadurch gegen die ganze synagogale Tradition gesündigt. Wie kann eine solche Reformation „jüdisch" ge^ nannt werden, wenn sie sich gar nicht auf jüdischem Boden entwickelte! Außer einigen Anomalien ersetzten romanische und germanische Lieder und Weise», sehr oft sogar solche irreligiösen Charakters, die alten chromatischen und sentimentalen Gesänge der Juden. Auch ein Tbeil des ersten großen, geordneten musikalischen Werkes, des „Schir Zion" ist leider von christlichen Musikern, die nicht die mindeste Ahnung von der jüdisch-traditionellen Musik hatten, auf Bestellullg für die Synagoge ,aä libitum^ gearbeitet worden. Ihre Compositionen sind wirklich musikalisch gerecht, mit der Synagoge hatten sie aber nicht die mindeste Verwandtschaft, und sie könnten daher ebenso in der lutherischen Kirche als < in irgend einem Concertsaale verwendet werden. Auf diese Weise wurde unser Synagogengesang im 19. Jahrhundert quantitativ sehr bereichert, qualitativ lässt er jedoch noch heute viel zu wünschen übrig. Die alte Weise, der von den ersten Compouifteu der Reformation noch einige Rechnung getragen wurde und wenigstens durch eine Hinterthür in ihren Sidurim hingelasien worden war, steht jetzt ganz vernachlässigt bei Seite. Die neuen Componisten ignoriren sie gänzlich aus zwei Gründen: erstens kennen sie sie gar nicht, und zweitens dürfen die Tempel nicht verjüdelt werden. Das Tragikomische aber dabei ist, dass, während unsere Feinde, die uns alle Künste absprechen wollen, dennoch Judenthum g°nug in den profanen Musikschöpfungen der Juden finden, wir vielmehr in der Lage sind, Christenthum und fogar Heidenthum in der neuen synagogalen Musik der Juden zu constatire». Man braucht gar kein Pessimist zu sein, um der synagogalen. Musik im Westen den totalen Verfall prophezeien zu können, wenn nicht ei»>e andere Reform, im Geiste der Religion und Tradition, auf orientalischem Boden unternommen wird. Diese neue Reform muß unbedingt von einer internationalen Cantoren? Versammlung ausgehen. Kein Individuum, und wenn es auch eine Cäpacität ersten Ranges ist, soll mehr mit der Regelung der Liturgie betraut werden. Die Erfahrung des 19. Jahrhunderts hat uns genügend belehrt, wie schädlich die Folgen einer einzelnen Regelung für die gesammte Liturgie sind. Die absolute Competen; der Einzelnen hat einerseits einen Personencultns und andererseits eine gewisse Frivolität unter den Papierfchmierern geschaffen, die in der jüdischen Liturgie einen Partiknlärismns ohnegleichen, lvie er sich in keiner Liturgie der Welt findet, hineingebracht hat. Dieses nnerfreuliche musikalische Resultat ist eine natürliche Folge der verblendenden Emancipation und des allzu großen Vertrauens der reformirten Rabbinen und assimilationssüchtigen Vorsteher in die Civilisatio>t des 19. Jahrhunderts. Die religiösen Conceptionen der jüdischen Neologen spiegelten sich abermals treu in der modernen synagogalen Musik ab. Das negative Judeiithnm, in'welchem die jüdischen Protestanten schwelgten, konnte keine andere als eine negative Musik zur Welt bringen. Umjedoch die Schuld dieser traurigen Erscheinung nicht ganz und gar aus die reformirten Rabbinen zu rvälzen, müssen wir die Ursache mehr in den Verhältnißen der Völker zu uns als in uns allein suchen. (Fortsetzung folgt.) Neisebetrachtlmge«. In Folge Verpflichtungen aller Art, Geldmangel und anderer kleiner Sorgen war ich fast nie in der Lage, die Sommermonate in Cnrorten, Sommerfrischen rc. für längere Zeit zu verbringen, obwohl ich überzeugt bin, dass viele meiner Fachgenosfen, die vielleicht in noch misslicheren Verhältnißen leben, es dennoch thun. Der liebe Herrgott wird schon sorgen, denken sie, und unterlassen es nicht, sich obgenannte Zerstreuungen zu gönnen, mit der Begründung, dass dies ihrem Organe und ihren Nerven heilsam sei. Nun ist es wohl Pflicht eines jeden geistig arbeitenden Mannes, vornehmlich desjenigen, der Familie besitzt, sein Leben möglichst zu verlängern und seinen müden Körper zu verjüngen und zu kräftigen, damit er neu gestählt seinen Beruf mit Freuden wieder aufnehmen könne. Und darum ist es auch nothwendig, dass sich jeder wenigstens einmal zu einer solchen Restanrirung ausraffe denn die Gemeinden, welche gern in ihren Concursen die liebenswürdige und humane Forderung eines Alters bis zum 40. Jahre stellen, wollen vom Functionär auch im vorgerücktem Altev Leistungen haben, welche ans jungendlicher Höhe stehen sollen. Fragen wir aber, was sie dazu thn, um dem alternden Beamten unter die Arme zu greifen, ob sie für sein Alter sorgen, ob sie ihm eine Dotation für den Curgebrauch gewähren, so wird man, mit wenigen Ausnahmen, eine negative Antwort erhalten. Ich bin seit vielen Jahren im heurigen Sommer zum ersten Male in eine Curstadt gekommen, um auch einmal süv einige Tage das Leben daselbst beobachten zu können. Der Curort ist wegen seiner warmen Qtleüen, seiner bedeutenden Industrie und seiner großen jüdischen Gemeinde wohlbekannt, und insbesondere die letztere bekommt in der haute saison, durch Touristen, Heiluugsuchende und Vergnügungsbedürftige einenen bedeutenden Zuwachs, was man beim Promeniren ich! Cnrgärten, beim Mittagsconcert im Schlossgarten und bch Ausflügen in die waldreiche Umgebung leicht bemerken kanp. Nun sollte mau glauben, dass! eine so -große Zahl jüdischem

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