Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 32 (15.8.1902)
- Date
- 1902-08-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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m. 32. Die Wahrheit. Seite 9. EurgDe uiib Villegialnuenbefitzer für das Culluswefen dieser Städkund deren jüdische Fünctionäre besondere Vortheile bringt, -aber durch die liebenswürdige Aufnahme unseres ausgezeichneten Collegen D. war es mir ermöglicht, einen Blick in diese Be'rhältniße zu thun, und ich fand, dass mein vielleicht von Anderen beneideter Amtsbruder mit Schwierigkeiten derselben Art zu -kämpfen hat, wie derjenige einer mittleveii Landgemeinde. Wir unterhielten uns recht freundschaftlich, sprachen über Dies und Jenes und über Alles, wonach ein Cantorenherz sich 'sehnt, mustcirten ein wenig, beurtheilten mit Liebe die neuesten Kompositionen Kürschner's, über welche unser musikalisch hervorragender College erst kürzlich in der „Wahrheit" so ausgezeichnet referirt hat, und kamen endlich auch auf die Chorverhältniße zu sprechen. Bekannt ist es, obwohl ich zu persönlicher Wahrnehmung die Gelegenheit dazu nicht batte, dass im Tempel dieses verehrten Collegen ein vorzüglicher Chor besteht, aber eben nur vorzüglich in Folge der trefflichen 'Organisation unseres Herrn College», der immer das Neueste und Exquisiteste bietet. Leider sind aber die nieisten 'Gemeinden im Allgemeinen so einsichtslos, dass sie für die guten Absichten ihres Cantors blind sind und das Verdienst desselben gerne umgehen, ja oft über feinen Kopf hinaus Anordnungen treffen, mit welchen er nicht, einverstanden sein kann, weil er es .eben besser versteht. Solche Differenzen — ich spreche hier .nicht von einem speciellen Fall — wenn sie nucy nicht tzon weittragender Bedeutung sind, machen Einelt verstimmt, und die Schaffenslnst und der gute Wille werden zum Schaden des Ganzen herabgedrückt. Eine banale Laienseele hat hievon keinen richtigen Begriff, aber der fühlende Sänger, in beffen Brust qede Saite vibrirt, kann und wird feine Autorität niemals äufgebcn! Als ich meinen liebwerthen Fachgenosfen verließ und eine kleine Promenade in dem herrlichen Schlosspark machte, wo bei angenehmer Musik sich ein zahlreiches, der vornehmsten Classe angehörendes Publikum vergnügte, traf ich einen Amtsbrnder aus einer alten Gemeinde, welche fast so bedeutend wie die unseres Curortes ist, in Begleitung seiner zwei anmuthigen, blühenden Töchter. — „Es muß Ihnen gewiss recht gut gehen, weither Herr College" sprach ich ihn an, „wenn Sie, wie Sie sagen, einen Urlaub von 3 Wochen nehmen". „Ich kann es nicht recht loben" meinte er, „Ich bin hier, um meine rheumathischen Handfchmerzen zu curiren, und nachdem Sie wissen, dass ich bereits mehr als 25 Jahre in meiner Gemeinde bin, Io habe ich doch ein Anrecht darauf, einige Wochen mich zu erholen". „Ganz recht, aber die Gemeinde, die ich als sehr honett und opferwillig kenne, und dessen jetziger Vorstand von edler Gesinnung erfüllt ist, wird Ihnen gewiss eine Reise- Dotation gewähren?" „Keine Spur! Im Gegentheil, alles ist schlechter geworden, die Einkünfte seit Jahren geringer, der Gehalt nicht höher, und so lebt man auf gutem rmd großem Fuß — mit den Sorgen. Auch will es mit dem Chor nicht -recht flott gehen, was mir nicht gleichgiltig sein kann. Denn der bestehende Nachwuchs reicht nicht hin, mir die Zukunft gesanglich besser bestellt zu machen, da ein Mangel von Stimmen eingetreten ist, der mich erschrecken macht, und der einst so gute Männerchor hat sich zerstreut und scheint sich in seiner früheren stärke nicht sammeln zu wollen". Nachdem ich meiner Verwunderung darüber Ausdruck gegeben, weil ich diese Gemeinde als eine für Musik und Gesang sehr empfängliche gekannt und gehalten habe, schieden wir mit dem Wunsche und der Hoffnung, uns wieder einmal über diesen wichtigen Punkt des jüdischen Gottesdienstes in zufriedenerem Maße auszusprechen. Nun hätte ich gern noch einen dritten im Curorte sich aüfhaltenden Amtsbrnder gesprochen, der von jenseits der Leitha gekommen war, um — doch ich weiß nicht, was ihn hinführte, und in der Restauration, dem Rendezvousplatz aller rituell speisenden Glanb^nsbrüder, traf ich ihn niemals an. In der Nachbargemeinde, die ich bei meiner Rückreise, pcisstrte, in welcher ein mit mehreren Aeintern cumutirter Räb-' Liner herrscht, der auch sehr gut das Amt eines CantorÄ vertritt, hatte derselbe ebenfalls feinen Bezirk verlassen und einen Luftcurort ausgesucht, so dass ich nicht das Gluck hatte, von dem guten Manne, den ich aus seiner früheren Wirksamkeit als angenehmen und gulmüthigen Charakter in freundlicher Erinnerung hatte, erfahren zu können, wie es ihm in feitteu Gemeinde geht, in welcher zwei als vielfache Millionäre bekannte Industrielle allein genügen, den ganzen Haushalt der Gemeinde zu bestreiten. Da er jedoch eine Sommerfrische aufsuchte, so mag es ihm nicht so schlecht gehen, oder, auch er wollte nur seine müden Glieder zu neuer Arbeir verjüngen, zur Ehre Gottes und — feiner „dankbaren" Gemeinde. B. Fnilgbunzlau. Litleratnr. Aahr-Kaddisch für Simchas-Hhora von H ermann Zivi. — Hat der. Tourist unter Mühen und Anstrengungen den Gipfel eines Berges erklommen, so gewährt es ihm einen ganz besonderen Genuß, sein Auge thalwärts zu lenken, um noch einmal vor seinem Scheiden an dem zusammensaffenden Anblick hervorragend schöner Punkte sich zu er» freuen. Auch wir Vorbeter werden bald am Fuße eines Berges von zwar weihevoller, aber anstrengender, unsere ganze Kraft und Hingebung erfordernder Arbeit stehen. Wohl nehmen schon die lomiiü uoroim unsere psychische und physische Kraft in Anspruch, aber der erfahrene C Hasan wird gerade an diesen Tagen mir seinen ihm verliehenen Gaben hauszuhalten wissen, um den Anforderungen gerecht werden zu können, die noch das Sukkothfest an seine Leistungsfähigkeit stellt. Mir dem Feste der Gesetzesfrende ist endlich der lange, arbeitsreiche Weg zurückgelegt und, wie der am Ziele angelangte Tourist auf die durchschrittenen schönen Punkte, blicken auch wir zurück ans die vielen herrlichen, melodischen Blüthen, mit denen wir das ganze Festjahr hindurch bestrebt waren, unsere Zuhörer zu erbauen und zu erbeben. Die schönsten dieser Blüthen binden wir nit mehr oder minderem «Geschmack zu einem Melodienstrauß und bieten diesen unseren Zuhörern am Schlüße des Simchas-Thora- Gottesdienstes in dem unter dem Namen Jahr-Kaddisch bekannten Potpouri dar. Herr Hermann Zivi, Ober-Cantor in Elberfeld, hat uuu unsere Synngogen-Gesangs-Litteratur zu sehr gelegener Zeit »nit der Veröffentlichung eines solchen Jahr-Kaddisch bereichert. Es ist als op. 10, für Cäntor und Orgel componirt und der Shnagogengemeinde Elberfeld gewidmet, bei M. W. Kansinalur in Leipzig erschienen und zeichnet sich durch geschinackvolles. äußerst geschicktes Arrangement aus. Die uns liebgewordeneu Festesklärrge ziehen theils ganz, theils fragmentarisch zwangslos miteinairder verknüpft, noch einmal an »uiserem Ohr vorüber. Wie hellblickende Perlen, ausgereiht an eurer Schnur, sind diese melodischen Phrasen dem Texte vortrefflich angepass t, »verden sie in ihrer Wirkungsfähigkeit nicht unwesentlich gehoben durch eine naturgenräße, äußerst interessailte Orgelbegleit»rng. »velche den tüchtigen, gewandten-Harinoniker erkennen lässt. Wenn ich noch bewnders die leichte Sing- und Spielbarkeit hervorhebe, so »nöchte ich dadurch das Augenmerk der Collegenschaft in großen und kleine l Gemeinden aus das sehr gelungene Zivi'sche Jahr-Kaddisch gelenkt haben, das nach Anlage u»rd Durchführung als eine Piece von ganz vortrefflicher Wirkung bezeichnet »verden [»m»f$ und weiteste Verbreitung verdient. Partenkirchen, 10. 8. 1902. E. Kirschner. Coltegiate Anfrage. Sehr verehrte A m t s g e nossen! Der ergebenst Gefertigte »vendet sich »nit der innigei» Bitte an jene Amtsgefährten in Ungarn, welche infolge des Regierungs-Erlasses, nach welchem außerstaatlich. Bedienstete nach vierzigjähriger Dienstzeit eine Auszeichnung von der Regierung erhalten, einer diesbezüglichen Berdienstes-Auszeichnnng theilhastig wurden, ihr» gütigst entweder privatim oder in diesem geschätzten Blatte umständliche Mittheilung hierüber »nachen zu wollen. Mit brüderliche»» Gruße S am u e l G v l d,u a n u, Cantor. Ragy Kanizsa. O ff ert. Ein tüchtigec Bassist mit kräftiger Stimme, gutter Blattloser sucht einen Posten. Auskunft’ertheiit aus Gefälligkeit die Administration dieses Blattes.