Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1902-08-15 · Heft 32 (15.8.1902) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 32 (15.8.1902)
Date
1902-08-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063113-3063145--02057-3068701
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 Die Wahrheit. Nr. 32. Me Juden und der Talmud. Bon Israel Singer, emerit. Lehrer in S. A. Ujhely. V. Die ersten in der Bibel für alle Menschen mitgetheilten Gebote, durch deren Befolgung man ewige Seligkeit erlangen kann, sind die sieben noachidischen Gebote. Sie verbieten: 1. Götzendienst, 2. Goiteslästerung, 3. Menschentödtung, 4. Raub, 5. Uilzucht, 6. Vergehen gegen Verordnungen der Obrigkeit und 7. Fleisch von einem noch lebenden Thiere, d. h. Thier- Quälerei. (Gen. 9, 4—6.) Diese Vorschriften bilden die ersten und ältesten Cultur- und Erziehungslehren'für alle Menschen. Dass sie alle negativ sind, entspricht der Lehre der modernen Pädagogik, nämlich vom Trichteren zum Schwereren. „Weiche vom Böser» und thue Gutes!" '(Ps. 34, 15; S. Jalkut 1, 61 und Sabb. 131). Mit diesen sieben Geboten sind laut Talmud (Chulin 92) dreißig Gebote und Verbote verbunden. Auf eine leicht auffallende Frage, warum Gott nicht schon den zehn Geschlechtern von Adam bis Noach diese Lebenslehren gegeben habe, antwortet der Talmud (Sanhedr. 56) stillschweige,ü>, indem er anlehnend an die Worte: „Und es befahl der Ewige. Gott, rem Adam also n. s. tv." (Gen. II, 16) lehrt, dass Gott schon dem Adam die ersten sechs noachidischen Gebote ausgenageu habe und erst den Noachiden, deuetl der Fleische geuuss gestattet ward, habe er das darauf bezügliche siebente Verbot ertheilt. Die Wabrheit dieser Tradition des Talmud -ergibt sich schon aus den Mittheilungen der Bibel selbst, wo es heißt, dass Gott den Kain wegen seines Brudermordes bestrafte; dass Chanoch mit Gott wandelte; dass die Bosheit und Unzucht der Menschen auf der Erde groß war; dass Noach ein fromuier, aufrichtiger Mann in feinem Zeitalter war, und dass Gott wegen der Verderbtheit der Menschen die Sintflnth brachte. — Dies Alles beweist zur Evidenz, dass Gott die aufgezählten primitiven Sozialgebote schon dem Adam gegeben hat, der sie dann seinen Kindern und Nachkommen lehrte. Aus diesem Grunde stehen die sieben Gebote an die Söhne. Noach's nicht alle ausdrücklich in der Bibel, sondern aus den daselbst früher mitgetheilten Strafen kann man leicht ihre Mittheilung erkennen Bei dieser Gelegenheit verweisen lvir hier noch auf die Richtigkeit der Lehre des Talmud (Sauhedrin 105, hiezu Tosefta 13. Cap., wie auch Maimon., H. Tschuba 6. Cap. und der „Sohar" zum Abschnitt „Pknde"), dass jeder Mensch, der die sieben noachidischen Gebote einhält, und zwar deshalb, weil Gott sie besohlen, nicht blos als Vernunftgebote, der hat Antheil am künftigen Leben. Dem, die Bibel lehrt: „Uird Chanoch wandelte mit Gott", d. h. weil Gott es befohlen hat — „und er ist nicht mehr, denn Gott hat ihn genommen", d. h. nach der Erklärung aller Commentatoren: er ist selig geworden. Gleichzeitig ist daraus zu ersehen, dass das Zudenthum »licht, wie -allgemein behauptet wird, so exclusiv ist mib die Seligkeit im -Jenseits nur für feine Gläubigen verheißt, wie dies andere Eonfessiosten lehren. Die Tradition des Talmnd, dass Gott schon dem Adam Gebote ertheilte, lehrt auch Herder in feinen „Ideen zur Geschichte der Menschheit". II. Thl., 289, vom pädagogischen Standpunkte aus, folgendermaßen: So wenig ein Kind Jahre laug hingeworfeu und sich selbst überlassen sein kann, ohne dass ^es untergehe oder entarte, ebenso wenig konnte das menschliche Geschlecht in seinem ersten keimenden Sprossen sich selbst überläffen werden. Menschen, die einmal gewohnt waren, wie Orang-Utangs zu leben, werden nie durch sich selbst gegen sich selbst arbeiten, und aus einer sprachlosen Thierheit zur Menschheit übergehen lernen. Wollte die Gottheit also, dass der Mensch Vernunft und Vorsicht übte, so musste sie sich seiner auch mit Vernunft uiib Vorsicht annehmen. Erziehung, Kunst und Cultur waren ihm von ersten Augenblicke seirres Dasein unentbehrlich *). Und so ist uns der specifische Charakter der Menschheit selbst für die innere Wahrheit dieser ältesten Philosophie unserer Geschichte Bürge." Da die dem Adam von Gott erlheilten Verbote umvon einigen seiner Nachkominen eiligehaltei», von den anderen^ aber arg übertreten wurden, ertheilte sie Gott offenbar deshalb neuerdings den Nachkommen Noach's, mit Vermehrung des Verbotes von ober min hachaj gegen Thierquälerei und schloß mit ihnen sein väterliches Bündnis (I. M. 9, 4—16). Zur stetigen Erhaltung und Verbreitung dieser geoffenbarten Lehren erhielt Sein, der zweite Sohn Noach's und Stammvater der Hebräer, der von seinem Vater beu Segen erhielt, dais die wahre Gotteslehre in seinen Hütten bleiberi solle, eine Lehrschnle, die auch sein Urenkel Eber weiter führte und in welcher der reine Gottesglanbe, wie er sich von Adam erhalten hat, gelehrt wurde. In dieser Schule haben Abraham und Jakob verweilt und die Lehren des wahren Gottes erhalteir. (Midr. R. 1. M., Abschn. 37 und 63.) Sem soll identisch sein mit Malkizedek, dem Priester des höchsten Gottes. (Ibiä. Abschn. 44 und 56.) Unser Stammvater Abraham (2040 v. Chr.) lehrte infolge seiner außergewöhnlichen intellectuellen Befähigrurg, die ihlr die Existenz eines unsichtbaren Weltschöpiers von selbst erkennen ließ, und infolge seiner in Sems Schule empfangenen Lehren nebst den Religionslehren auch viele exacte Wissenschaften, so dass die Könige von Osten und Westen ihn besuchten und von ihm lernten. (Tr. Nida, 16.) Dies ist genügend zu ersehen aus den Worten Gottes: Denn ich habe ihn, beu Abraham, bestimmt, damit er befehle seinen Killdcrn und feinen Nachkommen, zu wahren den Weg des Ewigen, zu üben Tugend und Recht." Dieses wird in den Noachid. Geboten »licht befohlen. (S. Das Leben Abrahams v. Dr. Beer.) Besonders lehrte er die Egypter Astronomie, Mathematik und übergab ihnen „Mysterien". (Abarb. zu I. König 31, Josefus „Jüd. Alterthümer" I. 8. Abschn. und Schröder „ Bibliothek höherer Wissenschaften".) Von ihm lernte fie Jsak nnd von diesem Jakob und dessen Söhne, besonders Joses, zu dem der König von Egypten, wo dalnals mib auch viele Jahrhunderte nachher der Sitz der Intelligenz war, sprach: Da Gott Dir dies Alles zu wissen gelhall hat — so ist Niemand so weise und verständig rvie Du. (I. M. 4L 40. S. Z. St. Comment. v. Abarbanel.) Jakob, der dritte Stammvater, verpflanzte die voll Sem empfangene reine Lehre unter seinen Söhnen und überlieferte sie an Amram, den Vater des Moses. Er erreichte ein sehr hohes Alter und überlieferte die Traditionskette von einem Geschlecht« zum andern. (Tr. B. Bat. 121, Sota 12., Midr. R. I. M. 19. II. M. I. n. III. M. 2. Abschn.) Der Stamm Lcvi war schon in Egypten znal Lehrer bestimmt. (V. M. 33.10.) Rührend und für Eltern lehrreich ist Jacobs letzter Segen an seine Enkel Menasche und Efrajim. Er lautet: „Der Gott, vor dem meine Väter Abraham und Jsak gewandelt, der Gott, der mich geleitet hat voll meiner Jugend vis auf diesen Tag, der Engel, der mich von allem Bösen erlöst hat, der segne diese Jünglinge, damit an ihnen mein Name und meiner Väter Abraham und Isaak, Name genannt werde, mtb sie mögen zahlreich »vie die Fische fein" (V. M. 48. 15—16)^b. h. wir sollen streben, würdige Nachkommen zu haben. — Als er auf seinem Sterbebette eine Entfernung feiner Seherkraft „Schechina" verspürte, da sagte er: ist etwa einer meiner Söhne unwürdig —? Da riefen seine 12 Söhne: „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einig und einzig. (Tr. Psoch. 56.) Wie in deinem Herzen nur der eine Gott ist, so'ist auch in unserem Herzen nur der Eine"; nämlich, er (Jakob) soll nicht fürchten, dass sie etwa von der wahren Religion abweichen und sich zur egyptischen Religion verleiten lassen werden. Bon ihm sagt der Talmnd: „Unser Vater Jakob ist nicht gestorben; denn wie seine Kinder leben, so lebt er in ihnen fort". (Tanit, 5.) „Heil jenen Eltern, welche in dieser Zuversicht ihre Äugelt schließen können! Dann leben sie in ihren frommen Kindern fort." (B. Batr. 116.) . (Fortsetzung folgt.) i) Aehnlich lehrt schon der Ealmud: In Adam, legte Gott den Keim zur Entwicklung kommender Geschlechter, zur Cultivirung der Länder und Städte, zur Erfindung der Künste und Gewerbe. (B. Mez. 85, Ab. Sara 5, Brach. 31, Sota 46 u. Midr. R. I. M. 24. Abschn.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.