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Die Wahrheit · 1902-08-15 · Heft 32 (15.8.1902) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 32 (15.8.1902)
Date
1902-08-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32 Die Wahrheit. Seite 5. allerdings ein wenig in's „Moderne" übersetzt. Bedenklicher aber ist die Thatsache, dass der dabei zu Tage tretende Fanatisnms eine nur noch viel grellere Färbe zeigt. Was' den ersteren Anspruch betrifft, so lässt er doch wenigstens das Leben auf dieser Erde aus dem Spiele. Vorrechten, deren Verwirklichung jenseits desselben liegen, kann mau mit einer gewissen Gleichgiltigkeit begegnen. Man stellt demgegenüber ferne Sache einfach der Entscheidung des Himmels anheim, der aus alle Fälle doch auch ein Wörtchen mit dreinzureden haben dürfte. Wer jedoch „die Religion" für sich in Anspruch nimmt, behauptet damit, dass er nur allein im Besitze der vollkommensten Mittel sich befinde, die zur Erreichung der höchsten Ziele der Moral erforderlich sind. Alle anderen erscheinen damit von Anfang an als moralisch minderwerthig gestempelt. Wir als Juden haben uns so etwas noch nie herausgenommen, weisen es aber auch mit aller Entschiedenheit zurück, wenn andere uns gegenüber darauf hinansspielen wollen*). (Fortsetzung folgt.) Die Förderung der geistigen Interessen der Jugend von der Kanzel aus. Es gab eine Zeit im Judenthum, die wohl noch nicht lange her ist und uns sogar noch emige lebende Zeugen der damaligen Volksculiur znrnckgelassen hat, die aber trotzdem nur mehr der Erinnerung angehört und im Volksmunde immer nur die gute, alte Zeit genannt wird. Es ist dies die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts, jene Zeitepoche, in welcher der Jude, der damals noch zwischen den Mauern des Ghetto in socialer Abgeschlossenheit lebte, zumeist einen harten Kamps um seine Existenz führte und den größten Einschränkungen und Entbehrungen ausgesetzt war, in der Liebe zur Religion, in der strengen Erfüllung ihrer Vorschriften und iu der Verehrung und Verherrlichung Gottes seinen eigentlichen Lebenszweck, sein ganzes Lebensideal erblickte. Sein Hanptbcstreben im täglichen Mühen und Plagen, im emsigen Erwerben und Verdienen war nur darauf gerichtet, zu sparen, zu kargen und das Ersparte und Erkargte im geeigneten Momente einem idealen Zwecke zuzuführen. So war ihm beispielsweise keine Geldsumme zu hoch, wenn es galt, ein göttliches Gebot auszunben oder die Verletzung eines Verbotes zu verhindern, kein Opfer zu groß, wenn es das geistige Interesse seiner Familie und insbesondere die religiöse Erziehung und Bildung seiner Kinder erheischte, und nichts stand ihm höher, ja nichts machte ihn stolzer und glücklicher, als wenn er den Ruf eines gesetzestreuen Juden genoß mtd als das leuchtende Vorbild seiner Familie, als würdiges Mitglied seiner Gemeinde bezeichnet wurde. Was ihut aber in seiner zugehörigen Gemeinde besonders lieb und werch war und im hohen Maße seine Verehrung genoß, das war das geistige Oberhaupt derselben, der Rabbiner und Seelsorger des Ortes. Diesen betrachtete er gleichsam als ein höheres menschliches Wesen, als den Sendboten göttlicher Verheißungen, der dazu berufen sei. den Angehörigen seiner Gemeinde das Wort Gottes zu verkünden, ihnen die tiefen unerschöpflichen Quellen der Thora zu erschließen, sie mit dem geistreichen Inhalt ihrer Satzungen vertraut zu machen und ihnen solcherart ein weiser Lehrer und treuer Führer durchs Leben zu sein. Und in der That, wenn so ein allverehrtes Oberhaupt der Gemeinde damals im Gotteshause von der Kanzel herab zu seiner gläubigen Herde, zu seiner andächtigeit Zuhörerschaft sprach, da fielen seine Worte niemals aus unfruchtbaren Boden, und wenn fie einer gemeinnützigen Sache oder gar einem wohlthätigen Werke *) Der letzte Artikel zeigt einige sinnentstellende Druckfehler, die nachstehend berichtigt werden mögend S. 4, Sp. 1, Z. 10 v. ob. statt „Ukzia" lies „Ukzin." S. 4. Sp. 2, Z. 37 u. 38 v. ob. statt „Gebot" Res „Gebet." S. 5, Sp. 1, Z. 18 v. ob. statt „diese" lies „die.-' S. 5' Sp. 1, Z. 12 v. unt. statt pv2 lies yaz. galten, bann blieb der Erfolg sicherlich nicht aus, dann griffen die Getreuen allesammt ohne Zögern und ohne Säumen wacker ein, und die Liebesgaben und Geldspenden, falls es sich um solche handelte, flößen in reichlichem Maße, in überschwenglicher Fülle. Ja, das war eben noch die gute alte Zeit des Judenthums Wie ganz anders aber steht es heute um dasselbe k Wie kläglich ist es mit der religiösen Gesinnung und Glaubenstreue des heutigen Israel bestellt! Wie spärlich mit seiner Liebe und Begeisterung für die heilige Thora, mit seiner Opferwilligkeit für die religiöse Erziehung seiner Kinder undmit der hohen Achtung und Verehrung, die es den Männern der jüdischen Wissenschaft und Gelehrsamkeit entgegenbringt! Und dennoch, wenn auch derzeit das Band, das Israel Jahrtausende hindurch mit der Gottheit innig verknüpft und mit dem Glauben seiner Ahnen eng verbunden hat, lheilweise gelockert ist. gelöst und auSeinanoergerlssen ist es zum Glücke noch immer nicht. Mag auch der Boden, aus dem es seit uralten Zeiten sestgestanden und tiefe Wurzel geschlagen hat, derzeit untergraben, unterwühlt und erschüttert sein, mögen auch die Reihen der großen Männer, der edlen Vorkämpfer für unseren angestammten Glauben, sich stark gelichtet haben, lau almaun Jisroel, so steht trotz alleüun Israel nicht verwaist und verlassen da. Roch sind wir im Besitze unserer kostbaren Thora und deren Inhalt, der sich rein und unverfälscht erhalten hat bis auf den heutigen Tag, und noch weilt ein Häuflein thorakundiger unb wissensdurstiger Gottesmäuner in unserer Mitte, Männer, die als geistige Oberhäupter an unserer Spitze stehen, in Liebe und Hingebung ihr priefterliches Amt bekleiden und von den edelsten Intentionen geleitet, ihre hohe Miffion erfüllen. Wenn aber von einer jüdischen Körperschaft, von einer jüdischen Gemeinde unserer Zeit gesagt werden kann, dass sie noch Männer von hervorragendem jüdischen Wiffen iu ihrem Schoße birgt, dann kann dies mit Fug und Recht von der Haupt- und Muttergemeinde der österreichischen Reichsmetropole, von der Großgemeinde Wien gesagt werden. Auch fie verfügt noch über kauchowim hamirim, über ein kleines Heer wissenschaftlicher Leuchten, von denen viele dazu berufen sind, lichtvolle Strahlen auszusenden vom Horizonte des getstigeti Judenthums, wenn dieser jeweilig sich umzieht und von drohend aussteigendem Gewölke verfinstert und verdunkelt wird. Und an diese Männer der hohen Gottesmiffion, insbesondere^ an jene geistigen Oberhäupter, die an der Spitze der Wiener Vereinsgotteshäuser stehen und berufen sind, das Gotteswort von der Kanzel i'erab zu verkünden unb ihre Zuhörer für die heilige Sache des Glaubens zu begeistern, an diese richten wir diesmal unsere Zeilen mit der berechtigten Bitte, unseren Appell ,,Zur Gründung von Vereinsschulen für den erweiterten Religionsunterricht unserer Jugend", mit dem wir in der vorwochenrlichen Nummer dieses Blattes an die Oeffentlichkeit herantraten, gelegentlich eines im Gotteshause abzuhaltenden Vortrages zum Gegenstand ihrer Betrachtungen zu erheben, demselben die wohlverdiente Fürsprache angedeihen zu lassen und solcherart ihr Scherflein zur Förderung und Hebung der geistigen Interessen unserer Jugend beizutragen. Wir haben hiemit zur Lösung einer für die Wiener Judenschaft so hochwichtigen Frage den Impuls gegeben und hegen die Hoffnung, dass derselbe in den genannten maßgebenden Kreisen die verdiente Würdigung finden, dass unsere angeregte Idee, die vori vielen unserer Wiener Glaubensgenossen längst empfunden und bisher als frommer Wunsch, als stille Sehnsucht in ihreil Herzen verborgen lag. alsbald sich verwirklichen und in ihrer wahren, würdigen Gestalt als eine unserer jugendlichen Nachfolgerschaft heil- und segenbringende Einrichtung sich erweisen wird. Daniel Skutezky.

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