Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 32 (15.8.1902)
- Date
- 1902-08-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Die WohrHert. sorgunq der Einzelne«, liometülicb der Bedürftiger», mit rechter volksbildender Lectüre, Beraihung bei der Berufswahl — kurzum eine fortgesetzte, intensive Fü»sorge für die Zwerggemeinben ist uöthig.. bis sie so weit gediehen sind, dass sie sich selbst weiter Helsen können. Bann würde sich eine Hebn»»g des Niveaus der Gesammtbevölkerung herausbilden; der Zuzug der stch jetzt verlassen Fühlenden in die großen Städte würde aufhören, sie würden sich auch in den kleinen Ortschaften wohl fühlen. Hat man sie nur einmal mit den großen sittlichen Einflüssen jener Institutionen, die in den größeren Städter» bestehen, in Zusammenhang gebracht, da»»n wird auch die Opferwilligkeit in den kleinen Gemeinden einziehen, und der Sin»» für die allgemeinen Interessen ihnen wirksam sein. Für das ganze Judenthum wird es vor» der größten Bedeutung sein, wenn dergestalt neue K» ystaUisatiouspunkte bestehen." Ueber das Programm dieser Organisation und über dessen Auwenduug aut unsere Verhältniße in Oesteereich wollen tvir uns zu einem zweiten Artikel verbreiten. Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. Bon Rabbiner Dr. Daniel Fink—Wien. IX. Nach dem Zeugniße Samuels (Jebamoth 37), der zu den hervorragendsten Träger»» der Traditionswissenschaft, welche aus den babylonischen Hochschulen hervorgingen, zählte, bilden die Lehrsätze in Kid. IV, 1 eine alte Ueberlieferung, welche Hillel aus Babylonien überbracht hat. Ein im Juchsir» erhaltener Bericht des Gaon Rb. Scherira bekundet, dass von Hillel bereits eine umfassende und geordnete Sammlultg des religiöse,t Traditionsstoffes angelegt wurde. Soviel jedoch ist über alle», Zweifel sicher, dass Hillel — entgegen der allgemeinen Annahme — nicht in Palästina, fonbent tu seiner Heimat Babylonien herangebildet worden ist. In Jeruschalmi Pesachim zu Anfang des VI. Cap. ist uns eine alte Nachricht erhalten, dass er bereits zu der Zeit, als noch Schemaja und Abtatjou als Oberhäupter des hohen Rathes wirkte», nach Jerusale»»» kam, um über drei Fraget! ihre endgiltige Entscheidung eiuzuholen. Am Schlüsse des Berichtes heißt es dort nSy MOTO LNN d. h. mittels Anwendung der traditionellen Ausleg,»»gsregeln hatte er diese Fragen ausgemittelt und fand sich ml» der allgemein üblichen Ueberlieferung im Einklänge, alsdann zog er uach Palästina und erlangte durch Schemaja und Abtaljou die endgiltige Bestätigung seiner Lehrmeinung." Es ergibt stch daraus, dass Hillel ihnen nicht als unwissender Meusch, foitberu als selbstständiger Gelehrter entgegentrat. Bei der zweiten Reise brachte es eine eigenartige Verkettung der Umstättde mit sich, dass die Bue butera von ihrer Würde zurücktraten (Talmud Bab. und Jerusch, a. a. O.) und der Vorsitz in» hohen Rathe auf Hillel überging. Auf diese Thatsache wird in Succa (Ende des I. Cap.) Bezug genommen. Dort heißt es: „Als die Thora wiederum in Verfall gerieth, Ha trat Hillel auf, um sie wieder in die Höhe zu bringen." Ebenso werden Pesachim IV, 1—8 und Gittin Cp. IV und V eine Zusammenstellung von religiösen Verordnungen und Prä chen aufgeführt, die aus einer Zeit sta,n,nen, wo das Staatsleben noch in vollstem Gange war. Weit höher hinauf führt uns die Abfassung einer Gruppe von Mischnoth, welche die verschiedensten Gesetzesmaterien behandeln. Nach den Angaben des Jeruschalmi (Schekolim Cp. V zu Anfang) sind die Lehrsätze in Terumoth I, 1; Chaloh 1,1: Iebamoth I, 1; Sebachim 105 b, Baba kama I, 1; Sabbath VII, 2; Pesachin» VII, 4, allesammt aus die Zeit der Soferiu» zurückzusühreu, deren Wirksamkeit bekanntlich mit dem Auftreten Alexanders des Großen im Morgenlande (330) vorerst zu Ende gieng. Die hier erwähnte Gruppe von Mischnoth zeigt in ihrem Aufbau durchgehends dieselbe Struktur. Bou einer Meinungsverschiedenheit ist niemals die Rede, dagegen lässt die Grttppirung um bestimmte Zahlen deutlich erkennen, dass die Nr. 82. Anordnung mit Rücksicht auf eine leichte, gedächtuistnäßige Aneignung erfolgt tvar. . Aus dem, was ^soeben hier ausgeführt worden, gewinnen wir eine Handhabe, eine andere ebenso umfassende als-Meitverzweigte Gruppe von Mischnoth nach der Zeit ihrer Abfassung zu bestimmen. Es kommen hierbei in erster Linie in Betracht Megillah Cp. I. 4—11; Chagiga Cp. II, 5—111, 6; Menachoth Cp. III, 5—IV, 4; Chulin Cp. I, 4 bis Schluss des Capitels; Kelim Cp. I, 5 bis Schluss des Capitels; Niddah Cap. VI, 2—10; Erachim Cp. II, 1 bis Schluss des Capitels; Temnrah Cp. I, 3—6 und Cp. II, 1—3 und endlich Kidnschin Cp. I, 2 bis Schluss des Capitels. Schon ein oberflächlicher Blick aus die hier angeführten Gruppe,, von Mischnoth lässt erkenneu, dass wir es hierbei mit einem Einschlag zu thuu haben, der in den Plan, wie er vom Redactor für den Ausbau des Stoffes eutworseu wurde, nicht hineingehört. Das allein ist des Beweises genug, dass dieselben nicht von diesem herrühreu können. Sie bilden vielmehr eine eigenartige Zusammeltstelluug des Lehrstoffes nach den Gesichtspunkten der Aehnlichkeit, des Gegensatzes, der stufenmäßigen Steigerung, der zahlenmäßigen Gruppirung u. s. w. Die leichte, gedächtnistnäßige Aneignung bildete den leitenden Gesichtspunkt dieser Aufstelluttgen. Wir haben es demnach hier ebenfalls mit einem Ueberkommnis aus der sopherischen Zeit zu thuu. Solche Gruppirungen von Halachoth mögen auch ursprünglich ans den geinünzten Namen /vvv „Gewebe" geführt haben. Sie bildeten recht eigentlich den Grundstock in dem weiteren Ausbau unserer Misch»»ah, von welchen auch später der Name für den vollständig ausgebauten einzelnen Traktat entlehnt wurde. Aus diesem Grunde faitb ich mich auch bestimmt, dem Lehrsätze am Ende des I. Cap. in Kiduschin b p'öö nm* rrutö ba einen früheren Ursprung als dem in Synhedrin ^2 anv^h pbn drb zuzusprechen. Nachdem unsere Darlegungen bis zu diesem Punkte gediehen sind, soll hier nicht länger verschwiegen werden, dass der ganze Vorfall auch der komischen Seite nicht ermangelt. In demselben Athemzuge, in welchem Herr Dr. Jakob dem auf die Ueberlieferung fußenden Judenthume den Vorwurf macht, dass es rvesentlich von dem Christenthume beeinflusst sei, gesteht er in aller Offenheit, dass das »noderne Reforinjudeiithm, dessen Standpunkt er vertritt, aus einer Verschmelzung der ratioualistischen Theologie Schleiermachers mit dem Judenthume hervogegangeu sei. — Das ist allerdings eine Behauptung, der man von keiner Seite den Vorwurf machen kann, dass sie sich in Uebertreibnugeu etwa ergehe. Wer jedoch glaubt, eine derartige Erkenntnis werde für ihn, der überall auf die Reinheit der religiösen Ueberzengung dringt, den erste,» Anstoß bilden, um sich nunmehr zu de»» Anschauungen des wahren, ungeschmälerten Judenthums zu erheben — der irrt gewaltig. Wo er den für ihn herkömmlichen Standpunkt verlässt, so geschieht dies nur, um statt deffen den des reinen Christenthums einzutauschen. Nur unter solchen Voraussetzungen erscheint es verständlich, »veuil er die Behauptung ausstellt, das Judenthum sei nicht eine, sondern — dir „Religion". Wir haben es bei dieser Teudeirz keineswegs mit einer eigenen Erfindung zu thnn, — Harnack hat dieses stolze Recht längst vor ihm für das Christenthnln in Anspruch genommen. Eine Sache wird doch wohl schwerlich darum allein zur unserigen, dass in einem Urtheile statt Christenthum — Judenthum eingesetzt wird. Unseres Wissens hat bisher noch kein jüdischer Forscher eine Anmaßnng stch erlaubt, wie sie in diesem kurzen, aber vielverheißenden Satz hervortritt. Wir dürfen dieselbe neidlos Andern überlassen und sollten nicht flugs bei der Hand sein, auf jede Ueberspanntheit, wenn sie nur in den Reiz der Neuheit sich zu Hullen weiß, uns mit blindem Eifer zu stürzen. Gewonnen ist damit garnichts. Denn die Anhänglichkeit an die eigene Religion zeigt sich nichtsowohl an der Entschiede»-, heit, mit welcher wir jede andere verneine»», als an derjenigen, mit welcher wir die unserige bejahen. J,n Uebrigen enthält ja das hier in Rede stehende Urtheil nichts, als den Anspruch auf die — alleinseligmachende Kirche,