Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 32 (15.8.1902)
- Date
- 1902-08-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Während unsere Glaubensbrüder im Deutschen Reiche eine nillliuermüde Thätigkeit entfalten, um den Gefahren, die dem Judenthum . von Außen drohen, und den Schäden, welche die innere Entwicklung behindern, durch kräftige innere und äußere Organisationen zu begegnen, gibt bei uns in Oesterreich „Der allgemeine österreichisch-israelitische Bund", jene Institution die dazu geschaffen wurde, um die österreichischen Hultusgemeinden ein festes Band zu knüpfen und sie zu gemeinsamer, segenbringender Thätigkeit zu verbinden, fast gar kein Lebenszeichen von sich oder verbraucht seine ohnedies schwachen Kräfte auf Gebieten, die durch die emsige und anerkennenswerthe Thätigkeit der „Oesterreichisch-israelitischen Union" genügend bestellt sind. Die jüdischen Gemeindeverhältniße im Deutschen Reiche gleichen den österreichischen fast auf ein Haar und darum können die Mittel, die dort zur Behebung der Uebelstände angewendet werden, auch bei uns von heilsamer Wirkung fein. In diesem Sinne ist es gewiss angezeigt, auf einen neuen Plan zlir inneren Organisalion aufmerksam zu machen, den Rechtsanwalt Jnlm-, Plottke in Frankfurt a. M. in der Berliner „Jüdischen Presse" für die deutschen Gemeinden entwirft. Nach eingehender Schilderung der Verhältniße gelaugt Rechtsanwalt Plottke zu folgendem Resnmö: „Wahrlich, wir dürfen nicht stehen bleiben bei dieser Noth unserer Glaubensgenossen, wir dürfen unsere Augen nicht verschließen vor dem Elende der kleinen jüdischen Gemeinden, denen keine Gelegenheit geboten ist, sich in geistiger und sittlicher Hinsicht zu erheben. Nufere Glaubensgenossen dort leben ohne religiöse Erziehung, ohne Anregung; das Einzige, was ihnen bleibt, ist der Gottesdienst, der aber auch keinen erheblichen Erfolg haben kann, da nur ein kleiner Theil genüge,tbe Kenntniße besitzt,, um das Gebet, die Vorlesung aus der Bibel zu verstehen; schließlich wird auch der Gottesdienst, die Uebung der alten, schönen Cere.monien eine inhaltlose, leere Form. Das ganze jüdische Interesse dreht sich darum, wer die Ehrenämter besitzt; Streitigkeitei/, Denunziationen sind an der Tagesordnung; da der Cultus nur durch erhebliche Opfer der besser Situirten erhalten werden kann, da diese den Lehrer besolden — der meist Schächter im Hauptamt und Lehrer nur im Nebenamt ist — so liegt in ihrer Hand die Herrschaft der Gemeinde, welche sie oft genug, tyrannisch behandeln. Dass es nicht überall gleich schlimm aussieht, dass in denjenigen Bundesstaaten, in welchen die jüdische Glaubensgenossenschaft staatlich organifirt ist — wie namentlich in Baden und Württemberg — die Verhältniße besser liegen, dass auch die bestehenden Gemeinde-Verbände schon! manches Gute zur Abhilfe gethan, dass mancher Bezirksrabbiner j sich die Noth der kleinen Gemeinden zu Herzen gehen lässt und | sich um sie kümmert, ist ein erfreuliches Zeichen, aber nur ei»! kleiner Lichtschein in dem dunklen, finsteren Gesammtbild. i Wohl ist der Gemeindebund zu helfen bereit, aber so sehr; auch seine Bestrebungen anzuerkennen find, ausreichend ist sein > Wirken nicht, um dem Uebelstand zu steuern. Nur wenn alle i jüdischen Verbände sich zu dieser Aufgabe znsammenschließen und I mit vereinten Kräften Wandel schaffen, erst dann kann Abhilfe eintrelen. Zunächst ist es nöthig, dass die örtlichen Verhältniße festgestellt werden. Es muß einmal klargetegt werden, wie es in diesen kleinen Gemeinden aussieht; auch der Staat und die * Gesellschaft müssen einmal erkennen, was von ihnen in den - Jahrzehnten verabsäumt ist, welche Ungerechtigkeit darin gelegen! hat, die Bürger des eigenen Landes in religiöser Beziehung j verkümmern zu lassen! Zur Erforschung der Wahrheit muß j eine Enquete veranstaltet werden: man muß die Leute selbst! contradictorisch hören, an Ort und Stelle, dann wird sich ein j der Wirklichkeit entsprechendes Bild ergeben. Zu diesem Behnfe! müssten Delegirte, eigens zu diesem Zwecke bestellte, gut honoj rirte, tüchtige einsichtige Männer, die eine Autorität im ganzen j Lande besitzen, ernannt werden — nicht etwa im Berufsleben! stehende Leute, die nicht über die nöthige Zeit verfügen — und | auf Grund dieser, Jahre hindurch angestellten Erhebungen, j über die genau Bericht zu erstatten wäre, könnte dann eine j Organisation in's Leben gerufen werden, die dauernd Abhilfe schaffen könnte. Alle geschilderten Verbände würden jenen kleinen Gemeinden mit Rath und That zur Seite stehen. Zuerst ist die richtige Organisation eines methodischen Unterrichtes, die Beschaffung der Lehrmittel und tüchtiger Lehrer, Eliminirung aller für die Lehrthätigkeit ungeeigneter Elemente erforderlich; damit im Zusammenhang steht die Herbeiführung eines geordeeten, j erhebenden Gottesdienstes, dem die Gemeinde mit BerstäudniS folgt; hierfür ist nöthig die Zufammenfaffung kleiner, geographisch nahe liegender Gemeinden zu einheitlichen Berbänoen, die für fich selbst — eventuell durch den Zuschuss der größeren Gemeinden unterstützt — in würdiger Weise für die religiösen und erzieherischen Bedürfuiße sorgen können; dann kommen Fragen der allgemeinen Volksbildung an die Reihe, die Ber»