Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 31 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Desterr.-ungar. €antnmi-Jfitnua. . 31. Beilage zur Zeitschrift „Zie Wahrheit." 22. Iahrg. Die Lntwickiimg der synasogalm Liturgie bis nach der Reformation des 19. Jalirhunderts. Bon P. M i n k o w s k y, Obercantor der Brodyer Geuieinde zu Odessa. XII. Dam« ist aber die Egalität oder gar die Superiorilät der arabischen Poesie und Musik gegenüber der jüdischen bei lveitem noch nicht sicher gestellt.. Im Gegentheil die jüdische Poesie und! Musik entwickelte sich während der nationalen Selbstständigkeit j zu einer solchen Höhe, die von den Jslamiten, auch in ihrer! Glanzperiode, nie erreicht worden war. „Der tiefe Grund hier-! für liegt darin, dass Allah, so rein sich auch verhältnismäßig! die unter seinem Bilde von Gott erfasste Vorstellung darsteilt,! doch noch weit davon entfernt ist, an den Begriff von Jahve! hiuanzureichen, und dass der Koran, bei allem Trefflichen, das! er relativ enthält, mit den Büchern des alten Bundes ver-! glichen, doch, nur wie die Schöpfung eines einzelnen gewaltigen! Menschen gegen die Schöpfung eines ganzen, in seinen hervor-! ragendsien Vertretern immer wieder von göttlichem Geiste er-; füllten Volkes erscheint. Deshalb konnte die Musik bei den j Israeliten auch schon Tonkunst werden, während sie sich bei s der. Bekennern des Islam nicht über das Volkslied und eine nur volkslvümlich bleibende Instrumentalmusik;u erheben vermochte" *). Was ist aber der complicirte Stil der Peitinim, Iben Esra's philosophische Poesie und Gabirol's Reime mitinbegriffen, im Vergleich zu dem einsacheir und doch erhabenen biblischen Stil der Propheten?! Was sind auch die Elegien (Zionim) Halevis, die als Perlen der diasporischen Poesie überhaupt gelten, im Hinblick aus die unerreichbaren dramatischen Jeremiaden?! Sowie der Koran blos eine geistreiche' Imitation des alten Testamentes ist, so war die arabische Poesie und Musik eine Nachahmung des geistreicheren, älteren semitischen Stammes der Juden. Ihr hohes Lied der Lieder, d. i. Iben - al Faridis „Taijet“, vas in der Geschichte des mittelalterlichen Mysticismus im Orient eine so wichtige Rolle qeipiett und mit dem sich der genannte Poet ein ewiges Monument errichtet hat, ist im Ganzen genommen eure Nachbildung des jüdischen hohen Liedes. Wie im letzten, so wurde auch im ersten das Uebersinnliche in üppig siiil.llcher Weise geschildert und die Herrlichkeit Gottes als schöne anmuthige Frau (anstatt der jüdischen Sulamir) geküsst. Es lodert darin die begeisterte Liebe zu Gott, welcher als Frau perfoursicirt ist. „Die Ritual Gesäuge der Araber haben alle etwas Feierliches urrd Ergreifendes, und ein bis zur Leidenschaftlichkeit gesteigertes Gefühl einer tiefen, aber nicht geklärten Religiosität spricht sich in benfelben in sehr characteristischer Weise aus. Sie mahnen auffallend an die Synagogengrsänge der Juden". Ihre verschnörkelten Melodien mit ihren bunten Gurgeleien sind eine Reminiscenz der alten Synagoge. Die Lieblingstonkeltern der Araber, wie z. B. Uschak und Relva, die bis nun die dominicirenden Scalen irr der Synagoge fiiib,3) finden ihren Ursprung im grauerr Alterthum. Und wie groß ist die Zahl der arabischen Melodien in Lane's „A.ccaunt of the manners and Customs of the modern Egyptians*1 * und auch in De la Borde's „Essais sur la musique“, wie auch im 14. Vol. der Veseription de l’Egypte“ von Vrletane, oic den viel älteren Melodien von wajchulu und mögen owauth rc. ähnlich sind! Auch ihre recilirerrde Art beim Lesen der Suren, die die Araber „in sehad“ neunen, ist ohne Zlveifel dem Tropus der 1) Emil Naumann, Jllustrirte Musikgeschichte. Bd. I. S. 81.Z 2) Ambros, Gesch. d. Musik Bd. I. S. 101. 3) Siehe uay im Journale Hoschiloach im Jahre 1899 Lol. V. Cap. 14 von Schreiber dieser Zeilen. jüdischen Bibcl nachgeahmt, aber ihre lebhaften Rhythmen, ihre phantasiereicheren Melodien, ihre haarspaltende Dreitheilung eines jeden Tones im Gesangs wie auch das Akrostichon und der Reim in der Poesie, brachten zu einer Zeit, da das Juden - thum unterdrückt und die Liturgie ermatte: wir, frisches Blut in die Tephila hinein. Diese Dreitheilung des Tones ist noch bis heute in der Liturgie der spanischen Juden im Tempel „Scharith Israel" in New-Pork zu hären, die jedoch für den europäischen Hörer detonirend ititb fast nnnachähmbar klingt. Ich halte es hier weder am Platze noch zweckdienlich, mich länger in Arabien ansznhalten, sondern es war blos meine Absicht, aus den homogenen Charaeter der Liturgien, besoilders des musikalische»! Theiles, der beiden semitischen Völker hinzuweisen und wiefern dieselben sich von der christlichen Liturgie unterscheiden. Während die christliche Andacht durch ein zähes, ruhiges und calculirendes Wesen sich ansdrückt, liebten es die orientalischen Völker, und besonders die Indeil uns Araber, durch üppiges Schwelgen in lttlbestimmten, wenig ausgeprägten, ineinander ver-! schwimmenden Formen und überreich uub phantastisch angej wendete Coloraturen ihre leidenschaftliche Entzückung (zbw .TTQy) j zu veaCifireii4). Und darum darf es nicht befremden, dass > arabische Gesänge eine freundliche Ausnahme in der jüdischen j Liturgie gesunden haben. In dem allgemeinen Prozesse von „Take and Grive“, luie sich Abrahams in seinem Werke „The jewish life in the middle ages“ so trefflich ausdrückt, der sich in der Zeit der Diaspora zwischen den Inden und den andern Völkern abgespielt hat, und in welchem einige zu viel j nahmen und zu wenig znrückgaben, andere hingegen ganz bankrott! aus diesem Handel hervorgingen, hielt Arabien das Eqilibrinm , und blieb Niemandem etwas schuldig. Selbstverständlich blieb auch Deutschland, wo eine andere . Gruppe von Peitanim geblüht hat, die mir beit spanisch-arabischen immer in Conflict standen, nicht ganz ohne Einfluss aus die Schaffung der Melodien für den Pim, »veil ohne Melodien der deutsche Pint auch im eigenen Reiche nicht den Sieg über den viel geistreicheren spanisch-arabischen Pint davon getragen hätte; aber dieser Einfluss ist mit dein arabischen nicht zu vergleichen. Fast unter allen Völkern war es Sitte, neue Gebete mit alten beliebten Melodie»! zu bekleiden. Diese Sitte herrschte seit uralten Zeiten auch im profanen Liede bis itach der Epoche der Meistersinger.- Transformirte Melodien waren seit jeher bei den Inden, während der Gründung der Psalmen, wie auch bei den heidnischen Dichtern und nachher auch in der Kirche bekannt und dienten immer als Hilfsmittel für neue Texte' in der Zeit des Tonmangels. So soll z. B. die Ueberschrist des 56. Psalms „Jonath eiern rechokim“, „Von der stummen Taube unter den Fremden", wovon im ganzen Psalm nicht ein Wort vor kommt, bedeuten. Diese Uebersetzuug hätte durchaus keinen Sinn, wenn man nicht annimmt, dass bei Abfassung dieses Psalms bei den Inden ein Lied mit einem ähnlichen Anfänge bekannt war, nach dessen Melodie derselbe gesungen werden sollte^). Es würde uns zu weit führen, noch mehrere Beispiele dieser Art in den Psalmen hier anzuführen. Dass viele Lieder, welche die Römer gesungen, nach Melodien von griechischer Herkunft abgesasst waren, ist nicht zu bezweifeln, da die Römer sowohl die Theorie ihrer Musik als auch ihre Znstrnmellte von den Griechen erhalte»! und angenommen hatten. De la Borde (Essai »ur la mnsigue ancienneet moderne Bol. I P. 43 und Vol. II. P. 127) hält es für gewiss, dass sogar Horaz verschiedene Gedichte auf alte, schon vorhandene griechische Melodien *) Theodor Nöldeke's Beiträge zur Kenntnis der Poesie der alten Araber. Hannover 1864. .. 5) Forkel, Gesch. d. Musik, Bd. I. Cap. Hl. S. 14t. Bo»! den Ueberschriften der Psalmen 8 62.