Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 31 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaction und Administration: Wien, II/,. Novaragafse 27. K. k. österr. Poltivarciffa Check-Como Nr. 846.251 Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeiie. Abonnements- und Jnserationsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. nakhängige Aeiischnfi für jüöifche Intere^en. Erscheint jeden Freiing. Hotto: „Das 8!s»s! Oottss ist ^Vatirksit!"?i( Berngspreis: Ganzjährig. ... fl. 12.— Halbjährig . ... St. 8 — Für Cultusbeainte: Ganzjährig.... K 10.— Für Ausland.: Ganzjädrig . . .8 Mark. \ 8 Rubel oder l6 Fc»! Ar. 31. Wien, 8. Ängufi 1902. Inhalt: Vereinsschulen für den erweiterten Religions-Unterricht unserer Jugend. — Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. — Die jüdisch« Auswanderung nach Amerika. — Beitrag zur Geschichte der Judenverfolgungen in Oesterreich-Ungarn. — Das Kaddischgebet. — Die Entwicklung der synagogalen Liturgie bis nach der Reform«tion des IS. Jahrhunderts. —Litteratur. — Verschiedene Rachrichte». Wir ersuchen höflichst um Hinsendung der Aöonnements-Aückstände und desWränumerationsöetrages für das tausende Huartat. __ Are Administration. Vereinsschulen für den erweiterten Religions- Unterricht unserer Äugend. Ein Appell an die Judenschaft Wiens. Wenn auch das Studium unserer Thora, unserer heiligen Schriften und ihrer Commeutare, gleichwie die Beschäftigung mit den profanen Wissenschaften, zu einem gewissen Reisestadinm fuhren soll, so liegt doch diesem Studium ein weit höherer und erhabenerer Zweck zugrunde, weil wir aus demselben gleichzeitig unsere Religion schöpfen und unseren Glauben kennen und bethätigen lernen sollen. Godaul halimud lehren die Wersen des Talmud. Und welch' großen Werth das Studinm der Thora factisch in sich birgt, geht schon daraus hervor, dass dasselbe in der Regel dem Forscher die Eignung, ja sogar den Impuls gibt, die Satzungen der Religion streng nach Vorschrift auszuüben und in Vollzug zu bringen. Wie tranrig es heutzutage um den limud hatauro, um das Studium der Thora im Allgemeinen, insbesondere aber bei unserer Jugend hier in Wien, bestellt ist, darüber ist bekanntlich schon viel in der Oefsentlichkeit gesprochen und geschrieben worden, und auch wir haben nicht ermangelt, diesen Krebsschaden, an dem unsere Zeit krankt und dahinsiecht, wiederholt zum Gegenstand unserer pnblicisiischen Auseinandersetzungen zu machen. Allein, wenn ein auf hoher See dahinsegelndes Schiss von einem verheerenden Orkan erfasst wird und dem Untergange nahe ist, dann versucht eben die Mannschaft an Bord alles zu retten, was noch zu retten und zu bergen ist und dem Abgrund entrissen werden kann. Auch das Judenthnm, der jüdische Glaube, hat infolge der Bernachlässigulig des Thorastndiums und der Außerachtlassung der wichtigsten und heiligsten Satzungen der Religion durch die gewaltigen Stürme und der Alles mit sich reißenden reactionären Strömung der Gegenwart auf dem großen Ocean des Lebens Schiffbruch erlitten und es droht ihm die Gefahr, gänzlich in die Tiefe und den Abgrund des Jndifferentismus zu versinken. Was nun von diesem Schiffbruch, wenn überhaupt an eine Rettung gedacht werden kann, noch zu retten und in Sicherheit zu bringen wäre, das ist unsere Jugend, die jetzt noch willenlos, unselbstständig und von den rauhen Einflüssen der Bewegung bisher noch verschont geblieben ist. Diese müsste noch rechtzeitig und mit dem Aufgebote unseres ganzen Könnens und Wollens in den sicheren Hasen der Religion, in das ruhige Fahrwasser des Glaubens hineingelenkt werden, um dort Anker zu werfen und dorr Schutz und Gewähr vor der Gewalt der dräuenden Wogen der Reactiou zu finden. Leider aber scheint unser jetziges Zeitalter für Alles eher Sinn zu haben, als für die religiöse Erziehung der Jugend, und für Alles mehr Interesse;u bekunden, als für die geistige Erhevung der jugendlichen Nachkommenschau. Da gibt es beispielsweise hier in Wien Vereine und Körperschaften, humanitäre und wissenschaftliche, von denen gleich zu Beginn ihrer Thätigkeit Tempel, Synagogen und Belhänser geplant, erbaut und der öffentlichen Benützung übergeben, und Wohlthätigkeitsanstalteu und gemeinnützige Institutionen aller Art geschaffen und in Function gesetzl wurden, aber von der Gründung von Lehr- und Bildungsstätten, woselbst die Jugend auf Basis des Religionsunterrichtes der öffentlichen Schulen eriveilerten Unterricht in den hebräischen Gegenständen und in den Lehren der Religion erhallen würde, von einer solchen Gründung merkte man bisher fast gar keine oder nur ganz geringe Spure», und derartige gemeinnützige Jnstilulionen zu schaffen, dafür hat man keine Empfindung, dafür regt sich keine Zunge, rührt sich keine Hand.*) Ja, du lieber Gotr, ist es denn wirklich schon so weit gekommen. dass wir für die Jugend, die ja doch unsere Zukunft und unser Thenerstes aus Erven ist, weder Sinn noch Herz, weder Zeit noch Geld haben? Fragen wir uns einmal, wozu uns denn eigentlich die vielen, geräumigen, im modernsten Style aufgesührten und mit luxuriöser Einrichtung ausgestatteten Vereinstempel und Bereinssynagogen sollen, wenn die Jugend, unsere Nachkommenschaft, tu ihrer Unkenntnis der Religion der» Zweit und Werth derselben nicht kennt und am allerwenigsten in denselben vertreten ist? Woher sollen denn diese Andachtsstätten dereinst Besucher und Andachtsbeflissene, ja sogar Vorsteher, Leiter und Functionäre nehmen, wenn unser jugendlicher Nachwuchs nicht einmal die Fertigkeit im Lesen der hebräischen Schrift besitzt, dem Inhalte des Siddur zum großen Theile fremd gegenübersteht und vom öffentlichen Gottesdienste, von *) Durch die in letzter Zeit erfolgte Gründung von „Jüdischen Schulvereinen" in den einzelnen Wiener Bezirken ist doch eine kleine Wendung zum Beffereu eingetreten. (Anmerk, der Redaetion.>