Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 30 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. " Nr. 30. Mdisches Wissen? Was braucht der künftige Rabbiner sich mit jüdischem Wissen zu Plagen, wen» der amtirende Rabbiner es nicht zu haben braucht? „Non scholae. sed vitae discimus“ denken auch die Rabbiner, und das Leben verlangt vom Rabbiner kein Wissen, sondern — sagen wir es gerade heraus —ein gutes Mundstück und eine wirkungsvolle Schauspielkunst! Und da erheben wir die gewiss berechtigte Klage: Warum ist an der theol. Lehranstalt kein Lehrer für Schauspielkunst angestellt? Würde nicht ein solcher Lehrer mehr nützen, als alle Professoren für jüdische Wissenschaft zusammengenommen? Erst vor kurzem ist ein Rabbiner in einer Mährischen Gemeinde angestellt worden, weil er, wie ein Vorstandsmitglied sich äußerte, ein schöner Mann und ein guter Schauspieler sei! Es mag ja sein, dass es diesem Umstande am meisten zu danken ist, dass die meisten jüdischen Gemeinden xuneto jüdische Wissenschaft auf den Hund gekommen stnd. Aber die Rabbiner wollen doch auch leben, und so erscheint die Forderung nicht unberechtigt: Stellet sobald als möglich einen Lehrer für Schauspielkunst an! ZSaLek und israelitisches Zletigiouswese«. Vortrag von I. Barth, a. o. Professor an der Universität Berlin. Vor einiger Zeit brachten einige jüdische Zeitungen Auszüge aus einem Vortrag Fr. Delitzsch' „Babel und Bibel", den der ungläubige Sohn der glaubenseisrigen Vaters vor dem deutschen Kaiser gehalten hat. Und warum sollte auch eine jüdische Zeitung von einem Vortrag über die Bibel, das Heiligtum Israels, nicht Notiz nehmen? Zu bewundern ist nur die Gedankenlosigkeit der betreffenden Redacteure, welche mit sichtbarem Behagen Meinungen wiedergeben, die dem Judenthum nicht nur die größte Beleidigung, sondern geradezu den Todesstoß versetzen? Das Judenthum seiert den Sabbath als den von Gott eingesetzten und geheiligten Tag der Ruhe nach den sechs Schöpfungtagen. —Unsinn! sagt Fr. Delitzsch, den Sabbath hat nicht Gott eingesetzt, sondern die Juden haben ihn — den Babyloniern entlehnt! Und eine jüdische Zeitung ist so weise, sich über diese noble Herkunst der Grundlage des Judenthums zu freuen! Es wäre wirklich Zeit, dass wir dieses Vergnügen, die Heiligthümer Israels zu entwerthen und in den Koth zu zerren, unfern arischen Freunden überlassen, und anstatt ihnen Beifall zu zollen, mit der Kraft der jüdischen Ueberzeugung deni entgegen treten. Und das hat der rühmlichst bekannte Orientalist, Herr Professor Barth, Docent am Hildesheimerschen Rabbiner-Seminar, in dankesweriber Weise besorgt. Mit Ernst und Würde bekämpft er die Behauptungen der Assyriologen, besonders diejenigen Delitzsch' in Bezug aus Sabbath, den Gottesnamen JHWH. die Weltschöpfung und die Sintflut-Erzählung. Er zeigt in überzeugender Weise ihre Haltlosigkeit und liefert so mit seinem belehrenden Vortrage geradezu eine Ehrenrettung des Judenthums. Dr. I. Kahau. Kcstgeöete der Ksraetileu mit vollständigen!, durchgesehenem Texte, neu übersetzt und erläutert von Dr. Michael Sachs, ungekürzte und neurcvidirte Ausgabe. (9 elegante Bände) Prag und Breslau, 1900—1902, Verlag von Jakob V. Braudeis. Fast ein halbes Jahrhandert ist verronnen, seitdem die ersten vier Bände der Sachs'schen «Festgebete", nämlich für das Neujahr und de» Versöhnunstag, im Verlage von Veit & Eomp. zu Berlin die Presse verließen und vom jüdischen Publicum mit Enthusiasmus begrüßt wurden. Sachs stand damals im Zenith seines Ruhmes, gefeiert als Meister des Wortes und und der Feder, und man hegte in allen Kreisen die Ueberzeugung, dass die synagogalen Dichter des Mittelalters keinen berufeneren Dolmetsch als Sachs finden konn.en, zumal dessen Gewandtheit in der Uebersetzungskunst durch sein vortreffliches Werk: „Die religiöse Poesie der Juden in Spanien" (Berlin 1845) auf's glänzendste documentirt war. In Sachs' durchgeistigter Persönlichkeit waren hellenischer Formensinn und jüdische Gefühlstiese innig mit einander verschmolzen, und das eben befähigte ihn in hervorragender Weise, eine Uebersetzung zu schaffen, die sich nicht blos durch seltene Eleganz der Sprache, sondern auch durch poetischen Schwung und möglich adäquaten Ausdruck auszeichnet, und die bis heute unübertroffen, ja unerreicht geblieben ist. Es war daher ein ebenso dankenswerther als glücklicher Gedanke der rühmlichst bekannten Prager Verlagsfirma, die Sachs'schen „Festgebete" in äußerst . geschmackvoller', Ausstattung neuerdings erscheinen zu lassen. Mehr als zwei Jahre wurde an deren Herstellung gearbeitet, und scheute der Verleger weder Mühe noch Kosten, tun das neunbändige, liturgische Werk durch tadellose Correetheit und typographische Schönheit zu einem würdigen Musterwerke für Haus und Synagoge auszugestellen. Das überaus anmuthige und handliche Werk, das jeder jüdischen Bibliothek zur Zierde gereichen kann, wird sicherlich die .reichverdiente,, größtmögliche Verbreitung finden. Ganz besonders aber -sollte kein Cantor und Vorbeter es versäumen, sich ein Exemplar dieser correcten „Festgebete" zum ausschließlichen Handgebrauche anzuschaffen, um sich und dem aufmerksamen Synagogenpublicum Unzulässigkeiten fernzuhalten, die beim Vortrag aus einem minder correcten Buche unvermeidlich sind, und durch welche die Würde der Andachtsstätte in der empfindlichsten Weise beeinträchtigt wird. * I g lau, Rabbiner Dr. Un g er. Verschiedene Nachrichten. Wien. Der Präsident der Eültusgemeinde, Herr kaiserlicher Rath Heinrich Klinger, hat einen mehrwöchentlichen Erholungsurlaub angetreten. Die Leitung der Präsidialgeschäfte während dieser Zeit hat der I. Vice-Präsident. Herr Dr. Alfred Stern, übernommen. Wien. In Ergänzung des Berichtes über das Leichenbegängnis der Frau Sophie von Gutmann bringen wir im Nachfolgenden die wirkungsvolle Rede, die Herr Dr. Alfred Stern namens des israelitischen Waisenhauses an der Bahre der Verblichenen hielt: „Namens des Schutzdamen-Comites unseres Mädchenivaisenhauses spreche ich der dahurgeschiedenen Vi'cepräsidentin dieses Comites einen letzten Scheidegruß, ein letztes Abschieds- und Dankeswort. Als Vertreter des Waisenvereinvorstandes bei diesem Coinitv war ich seit Jahren steter Zeuge der aufopfernden Hingebung, mit welcher die edle Frau die freiwillig übernommene Pflicht erfüllte, der unermüdlicheu Fürsorge, der unerschöpflichen Liebe und Güte, welche sie an unseren armen verwaisten Kindern übte, der Herzensfreude, mit welcher sie ihnen reiche Gaben j spendete. Ai an musste Zeuge sein, wenn am Chanukaseste den Kindern! die Geschenke der Schutzdamen gereicht wurden, wie da diese gute, edle > Schutzdame ihres Amtes waltete, wie ihr Glück und Freude aus den j Augen leuchtete, da sie Freude um sich verbreitete. Dass dieses Waisen» j Haus zu jenen Institutionen in unserer Gemeinde zählt, welche in echt jüdischem, in religiösem Sinne und Geiste geführt und geleitet wird, I rechnen wir der edlen Dahingeschicdenen — es war am letzten Sederj abende, dass ich sie dort zum letzten Male sah und sprach — im Vereine; mit dem edlen Manne, der fern von hier im Geiste und Herzen ties-! gebeugt an dieser Bahre trauert, zu unverlöschlichem Verdienste an. ,Die j Waisenkinder, welche trauernd die Bahre umstehen, wissen und fühlen, I dass ihnen eine zweite Mutter entrissen wurde. In ihnen wie in uns! Allen wird das Andenken an diese wahrhaft gute, fromme, edle Frau! ein ewig unvergessliches sein und bleiben. Es sei gesegnet!"! Wien. Herr Rabbiner D. L. Salzer aus Homonna, ein Koriphäe j auf dem Gebiete talmudischer Wissenschaften und einer der hervor-! ragendsten Kanzelredner der ungarischen Orthodoxie, wird am Samstag! den 2. August l. I., um 11 Uhr Vormittags, im Bethause „Talmud i Thora", II., Malzgasse 16, eine Derascha abhalten, j Wien. Letzten Samstag fand im Seitenstettentempel die Barmizwa- > Feier des jungen Felix Ritter von Taussig, Sohn des Cultusvorstehers! und Generaldirektors der Staatsbahn, Herrn Theodor Ritter v. Taussig,! in herkömmlicher Weise statt. Die Sorgfalt, mit welcher der Vater die i Vorbereitungen znm Confirmationsacte überwachte, der erhebende Verlauf! desselben und die zahlreiche Theilnahme der Familie an der Feier im i Tempel geben Zeugnis dafür, dass im Hause Taussig jüdische Tradition! und Sitte hochgehalten und gepflegt werden. In der heutigen Zeit des j allseitig m Abfalles immerhin eine erfreuliche und beruhigende Erscheinung.! Wie«, (Eine Burg des Königs Salomo.) Bekanntlich ist! der Professor an der evangelischen Facultät in Wien, Herr Dr. Sellin,! auf einer wissenschaftlichen Forschungsreise durch Palästina begriffen, die j er mit Unterstützung der Academie der Wissenschaften unternommen hat. j Von Dr. Sellin ist nun letzter Tage ein Bericht hier eingelaufen, der ausführliche Angaben über die Funde und Entdeckungen des Gelehrten enthält. Dr. Sellin ist bei einer der von ihm vorgenommenen Grabungen audie Burgmauern eines Salamonischen Schlosses gestoßen; auch das Festungsthor desselben wurde gesundem Außer diesem historisch sehr interissanten und bedeutsamen Funde gelang auch bei der Freilegung einer Begräbnisstätte israelitischer Kinder die Entdeckung eines aus dem Naturselsen herausgearbeiteten Altars.. Die Festungsmauern in Taanak, die Sellin gleich am Beginne feiner Expedition fand, wurden thathsächlich als die Umfangsmauer der alten kananitischen Stadt festgestellt. Seinen größten Erfolg errang der Gelehrte, wie erwähnt, in der Auffindung des Salomonischen Schlosses. In Anbetracht der Wichtigkeit dieses Fundes ließ der Forscher einen sehr genauen Plan anfertigen., weil hier zum ersten Male ein Muster der so oft in der Bibel erwähnten, von den israel. Königen aufgeführten Burgen gegeben ist. Ferner wurden zwei Schächte aufgegraben, welche eine solche Fülle an Material boten, dass es möglich ist, mit aller wünsch enswerthen Deutlichkeit ein umfaffendes Bild von der Culiur der vorisraelitischen Bewohner des Landes zu entwerfen. Hovitfcha«. Anlässlich des höchst betrübenden -Hinscheidens der allgemein hochgeachteten und beliebten Frau Sophie v. Gutmann s. A., deren Gemahl, Herr David Ritter v. Gutmann,. Besitzer der Tobitschauer