Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 30 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 Die Wahrheit. Leite 7. 10, 7.) Diese Lehre mit dem Gleichnis basirt ganz auf der Lehre des Talmud, dass man dem Lehrer mehr Ehre schuldet, als dem Vater, und dass man dem Taglöhner mindestens >o wie dem Ochsen von den Früchten zu essen nicht verbieten darf. (S. Tr. B. Mez. 32 und 83; Bechorat. 29.) Dass die Juden mit dem Talmud auch cultuell auf das Christenthum eingewirkt haben, halten wir für unnöthig zu specialisiren; denn es ist ja genug bekannt dass ein großer Theil von der Liturgie und Symbolik der Kirche auf der Synagoge basirt. Dr. Franz Müller zählt in seinem bereits genannten Buche (S. 60—70) mehrere derselben auf und sagt: „wenn kein Judenthum gewesen wäre, so hätte es auch keinen Hofprediger Stöcker gegeben; denn die Liturgie ist ganz aus dem Judenthum geschöpft". Doch wir wollen hier nur ein Beispiel anfnhren, nämlich das erste Symbol der Kirche an ihrem * Gebnrlsfeste. Die „Lichter" am „Weihuachtsbaum" erinnern an unsere Chanukalichter, durch welche das Licht der jüdischen Religion erhalten wurde. Dieses Fest hat, obwohl es nur talmudisch ist, auch Jesus gehalten, und auch von der Kirche rvurde es bis zum 13. Jahrhundert gefeiert, weil man sagte: wenn die Juden nicht gegen die Heiden-Syrer so tapfer gekämpft hätten, dann hätte es auch keine Christenheit und hiemit kerne Kirche gegeben". Interessant und bemerkenswerth sind auch einige Aeußerungen berühmter christlicher Fachmänner über den Inhalt des Talmud. Johann Duxtorf, Professor der hebr. Sprache zu Basel (1564—1628) sagt in seinem „Chald. Talmnd^Lexikon" folgendes : „Der Talmud ist ein gelehrtes Werk, oder ein großer Korpus von Gelehrsamkeit von verschiedenen und gelehrtesten Rabbinern zusammengetragen. Er enthält eine vielfache Gelehrsamkeit in allen Wissenschaften; er lehrt das ausführlichste und vollkommenste Civil- und kanonische Recht der Inden, so dass das gesainmte Volk uub die israelitische Synagoge nach demselben glücklich und auf die vernünftigste Weise leben könnte. Es sind ihm mannigfache Erzählungen beigemischt, die — weil sie meistentheils tiefe, geheime und mystische Begriffe enthalten — nur von Wenigen verstairderl werden und daher dem äußern Buchstaben nach sogar im Rufe der abgeschmacktesten Fabeln stehen" u. s. w. Dnxtorf, der Jüngere, sagt: „Es enthält der Talmud gesunde theologische Wissenschaften, wenn auch in unnützen Schalen verborgen. Er enthält gleichsam eine Sammlung vieler kleiner Münzen und treuer, aus dem aufgelösten jüdischen Alterthume bewahrter, sehr zweckmäßiger Spuren zur Beschämung der Untreue späterer Juden, zur Erleuchtung der Geschichte beider Testamente und zur richtigen Erklärung der Gebräuche, Vorschriften und Sitten des ehemaligen hebräischen Volkes. — Er begreift ferner viele juristische, medizinische, psychische, ethische politische, astronomische und andere vortreffliche Dokumente von Wissenschaften, welche die Geschichte jener Nation und Zeit wunderbar empfehlen; ferner enthält er lichtvolle Sprache aus dem Alterthnm, ausgezeichnete Sentenzen, scharfsinnige Gedanken geschmack- und sinnvoll; ja unzählige Aeußerungen, die den Leser nicht nur besser, sondern auch weiser und gelehrter machen rmd die, wie blitzende Diamanten die hebräische Sprache nicht weniger zieren, als alle griechischen und römischen Floskeln jene Sprache schmücken." Beide, die Juden und den Talmud, beschuldigt man des Plagialismus. Die Ersteren, dass sie in ihre Religion manches, wie die Opfer, die Beschneidung, die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, auch mehrere Vernunft- und Sittengesetze aus dem Heidenthum übernommen und auf den Gebieten der Kunst und Wissenschaften nichts Originelles geleistet haben; und der angebliche Plagialismus des Talmud soll darin bestehen, dass er seine erhabenen Sittenlehren aus dem neuen Testament geschöpft habe. Bevor wir auf Grund der Mittheilung der Bibel, der Tradition und der jüdischen Geschichte an die Widerlegung der erstgedachten Beschuldigung Zehen, wollen wir eine Stelle aus Mendelssohns „Jerusalem" <11. Abschn. S. 316—321) auszüglich citiren: „Rach der Lehre des Judenthums gab Gott allen Menschen, also auch den Heiden, die nöthige Kraft, die ewigen Wahrheiten durch die menschliche Vernunft zu erkennen und durch Einhaltung der hiemit verbundenen Lebensweise die Seeligkeir zu erlangen. Dies ist aus Psalm 19, 104 und vielen anderen Bibelstellen zu ersehen. „Nach den Begriffen des wahren Jndenthums sinv alle Bewohner der Erde zur Glückseligkeit berufen und die Mittel derselben so ausgebreitet, als die Menschheit selbst, so milde ausgespendet, als die Mittel, sich des Hungers und anderer Bedürfniße zu erwehren. So oft es nützlich war, hat die Vorsehung unter jeder Nation der Erde weise Männer erstehen lassen und ihnen die Gabe verliehen, mit hellerem Auge in sich selbst und um sich her zu schauen, die Werke Gottes zu betrachten und ihre Erkenntnis Anderen mitzntheilen. Aber nicht zu allen Zeiten ist dieses nöthig und nützlich gewesen. „Das Judenthum rühmt sich keiner ansschließenden Offenbarung ewiger Wahrheiten, die zur Seeligkeit unentbehrlich sind. „Ein anderes ist geoffenbarte Religion, ein anderes geoffenbarte Gesetzgebung. Jene ist allgemeine Menschenreligion, nämlich Offenbarung ewiger Wahrheiten, ohne welche die Menschen weder tugendhaft, noch glückselig werden können, diese war den Juden schon seit Jahrhunderten her bekannt. Es sollte aber hier, auf dem Berge Sinai, Judenthum geoffenbart werden. Deshalb beginnt die Offenbarung mit den Worten: Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich ans dem Lande Mizraim geführt, aus der Sklaverei befreit hat n. s. w. Eine Geschichtswahrheit, auf die sich die Gesetzgebung dieses Volkes gründen sollte, aber keine allgemeinen ewigen Religionswahrheiten, für oder wider welche, nach der Lehre des Judenthums, Wunder und außerordentliche Zeichen noch keine Beweismittel sind. — Daher ist uns in der Bibel befohlen, einem solchen angeblichen Propheten, der uns Dinge lehrt, oder anräth, die ausgemachten ewigen Wahrheiten zitwider sind, uild wenn er seine Sendung auch durch Wunder bekräftiget, nicht zu gehorchen. (V. M. 13. II.) Jedoch obgleich die göttlichen Bücher Moses Gesetze, Verordnungen, Lebensregeln und Vorschriften enthalten, so schließen sie gleichwohl, wie bekannt, einen unergründlichen Schatz von Vernunftwahrheiten und Religionswahrheiten mit ein die mit den Gesetzen so innigft verbunden find, dass sie nur eins ansmachen. Alle Gesetze beziehen oder gründen sich auf ewige Vernunftwahrheiten, oder erinnern ln»d erwecken zum Nachdenken über dieselben, so dass unsere Rabbinen mit Recht sagen: die Gesetze und Lehrerl verhalten sich gegeneinander wie Körper und Seele. „Die Erfahrung vieler Jahrhunderte lehret auch, dass dieses göttliche Gesetzbuch einem großen Theile des menschlichen Geschlechtes Quelle der Erkenntnis geworden, aus welcher sie neue Begriffe schöpfen, oder die alten berichtigen. (Aehnlich schrieb Herder und andere berühmte christl. Theologen. S. weiter d. B.) Je mehr Ihr in demselben forschet, desto mehr erstaunet Ihr über die Tiefe der Erkeuntniße, die darin verborgen liegen. Alle diese vortrefflichen Lehrsätze werden dem Erkenntniße dargestellt, der Betrachtung vorgelegt, ohne dem Glauben aufgedrungen zu werden. Alle Befehle des göttlichen Gesetzes sind an den Willen, an die Thatkraft der Menschen gerichtet." (Fortsetzung folgt.) Litteratur. Im H. Jahresbericht der isr.-theol. Lehranstalt in Wien beklagt sich der Rector, Herr Pros. Dr. Schwarz, mit Recht über den Mangel einer Vorbereitungsschule für jüdische Theologen. Für alle Hochschule» bereiten die Mittelschulen vor, aber für die Hochschule der jüdische» Wissenschaft wird der Zögling nirgends vorbereitet. Ist es da zn verwundern, dass selbst unter den Rabbinern die Ignoranz in rebus judaicis manchmal entsetzlich groß ist? Aber so sehr die Klage des Herrn Rector Schwarz berechtigt ist — vom Standpunkte der jüdischen Wissenschast, so scheint eine andere Klage noch berechtigter — vom Standpunkte des Lebens. Welche^Gemeinde verlangt heutzutage vou ihrem Rabbiner