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Die Wahrheit · 1902-08-01 · Heft 30 (1.8.1902) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 30 (1.8.1902)
Date
1902-08-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 30. Die Wahrheit. Seite 9. Herrschaft ist, fand in dieser Cultusgemeinde Sonntag den 27. d. M., 4 Uhr Nachmittag, ein Trauergottesdienst statt. Das ganz in Trauer gehüllte Gotteshaus war bis in die kleinsten Räumen von Besuchern gefüllt und Alles horchte sehr andächtig und ergriffen den Worten des Herrn Rabbiner ^Dr. Freimann aus Holleschaui welcher mit beredten Worten den Verlust schilderte, den der Gemahl der Dahingeschieoenen, ihre Angehörigen^ die Gemeinde Tobitschau, die in Wien und ander-! wertig bestehenden Wohlthätigkeits-Anstalten. wie überhaupt die Mensch- > heit durch den Hintritt dieser edlen Frau erlitten haben. In tiefer Er-! griffenheit trug auch der langjährige Cantor, Herr I. Weiß, das [ Mincha-Gebet, sowie die Trauergesänge vor, so dass die erhebende s Trauerfeier allgemeine Anerkennung fand. Möge die Verblichene sanft! ruhen und der verdiente Nachruf dieser edlen Frau den Trauernden zum Tröste dienen. n's'X'j'n Hiscknowitz. Das hiesige ans Anlass des 50jährigen Regierungs- Jubiläums des Kaisers vom Verein „Ferienheim" errichtete Kaiser Franz- Josef-Ferienheim wurde um einen Neubau bereichert, der es möglich macht, j auch beim Ausbruche von Jnfectionskrankheiten die Eolonie in ungestörtem j Betriebe zu erhalten. Freitag den 4. d, M. fand sich unter Führung des i Landes-Sanitäts- Inspektors, Regierungsrathes Dr. Spitzer, und des! Bezirkshauptmannes Jellinck eine. Commission daselbst ein und befand i das Gebäude vollkommen zweckdienlich. Die Herren nahmen Veranlassung, 1 das Ferienheim, in welchem derzeit 115 Mädchen unterbracht sind, in . allen Theilen zu besichtigen und sprachen den anwesenden Vorstandsdamen, der Präsidentin Frau Sophie Grünfeld und der Caffierin Frau i Adele Reumann, das vollste Lob über dieses Institut aus. Kojetein. Geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir, in; Ihrem geschätzten Blatte eine. verabscheuungswerthe Handlung zu ver-; öffentlichen. Ein Bruder des jüngst verstorbenen Rabbiners Dr. Samuel l Rosenzweig aus Borislaw in Galizien kam vor einigen Jahren nach j Weißlichen in Mähren, um an dem dortigen Gymnasium zu stnviren.! Der Ortsrabbiner nahm sich' des armen jungen Mannes wärmstens an und verschaffte ihm ausgiebige Unterstützung seitens der dortigen Inden. : Nach Absolvirung des Gymnasiums kehrte jedoch dieser dem Jndenthum den Rücken und ist zum Christenthum übergetreten. Gegenwäriig befindet ■ Pch der Abtrünnige im Geistlichen-Seminar in Brünn, um vielleicht ein j zweiter Paulus Mayer zu werden. So wird leider die jüdische Mildthätigkeit mißbraucht von Leuten, die späterhin als Berräther auftreten. Joses Grünstein. Lemverg. (Ein Gewaltstreich des Dr. Byk.) Dr. Byk wurde seinerzeit durch den Lemberger jüdisch-politischen Verein „Schomer; Israel" aufgefordert, in den Delegationen in Sachen der rumänischen Juden und der Präterierung der österreichischen Juden im Staatsdienste > -zu interpelliren. Das ging diesem Herrn gewaltig wider den Strich. Der! Präsident des „Schomer Israel" ist nun der hier sehr beliebte Arzt und l alte Kämpfer für das jüdische Volk, Dr. Rüben Bierer. Nicht nur, j dass also Dr. Byk die gewünschte Interpellation nicht einbrachte, suchte i er sich an seinem politischen Gegner in höchst brutaler Weise zu rächen. Dr. R. Bierer ist nämlrch als Schularzt bei der jüdischen Gemeinde j angestellt. Dr. Byk hat etwas von seinen christlichen Collegen im Polenclub gelernt. Als nämlich ein Journalist den Abgeordneten inter- . Biewte, ließ er die Bemerkung fallen: „Wir Galizianer machen es besser wie die Wiener Antisemiten, die nur schimpfen; wir gründen lvolka rolniea: wenn man dem Bienenstock die Nahrung wegnimmt, so muß er krepiren." Getreu biefem Principe setzte der Millionär und Cultus- Präsident Dr. Byk nach seiner ruhmreichen Rückkehr aus den Delegationen es durch, dass Dr. Rüben Bierer unter einem Vorwände entlassen wurde, -Getreu dem leuchtenden Beispiele Luegers sucht Dr. Byk durch die Hungerpeitsche die Ovposition zu ersticken. Aber er täuscht sich. Durch solche! Brutalitäten wird die Opposition verzehnfacht. Der Ausschuss des j Vereines „Schomer Israel" hat beschlossen, dem Lemberger Cultus-! präsidiunr für die Boykottirung des Schularztes Dr. Bierer das Mißj trauen auszusprechen. Wir können nur hinzufügen, dass Dr. Byk in den! Augen des ganzen denkenden jüdischen Volkes geächtet ist; es kommen! Neuwahlen und da wird Dr. Byk die richtige Antwort bekommen.! Budapest. Se. Majestät der König hat HeVii Alexander Deutsch } in tzen ungarischen Adelsstand erhoben. Diese Nobnitirung hat in den t weitesten Kreisen der ungarischen Haupt-und Residenzstadt den freudigsten j 'Anklang gefunden, denn sie ward einem Manne zu Theil, der sich um die 1 Allgemeinheit große Verdienste erworben. Herr v. Deutsch ist ein ebenso Mhender Patriot, als ein getreuer Sohn Israels. Er stellt seine beste > Kraft in den heiligen Dienst seines innigstgeliebten Vaterlandes, dient! aber auch mit gleicher Hingebung den nicht minder heiligen Jntereffen seiner Confeffion. Stuttgart. Vor kurzem berieth unsere Kammer der Abgeordneten die Waarenhaussteuer. Bei dieser Veranlassung gefiel sich der Zentrumsabgeordete Egger in antisemitischen Ausfällen, indem er. u. A. bemerkte, -das die Anhänger der Waarenhäuser meist von Juden abhängig seien. Erfreulicherweise ist dieser Unterstellung von mehreren Rednern sofort . nachdrücklichst entgegengetreten worden. Der Abgeordnete Binz bezeichnte j es als eine unwürdige Verdächtigung, dass alle Gegner der Vorlage im! Solde der Juden stünden, worauf der Präsident Payer bemerkte, dass der! Abgeordnete Egger die Aeußerung in dieser Form nicht getban habe, da er dieselbe sonst gerügt hätte. Auch der ritterschaftliche Abgeordnete Bon Gaisberg legte Verwahrung dagegen ein, dass der Antisemitismus in die württembergische Landesvertretung eingeschmuggelt werde. Es sei :fein Zweifel, dass der Geldbeutel der Juden im Erwerbsleben eine große Rolle spiele und nicht zu verachten sei. Er (Redner) habe in seiner langjährigen landwirthschastlichen Praxis die Erfahrung gemacht, dass er mit den Juden vielfach bester ausgekommen sei als mit den eigenen Religionsgenoffen. Er wisse sich von Voreingenommenheit für die Juden frei, könne aber nicht zugeben, dass man so verächtlich von denselben spreche, wie Egger es zu thun für gut befand. Die Jude» seien doch in Gottes Namen auch Menschen. Mit gleicher Entschiedenheit äußerte sich der Abgeordnete Galler und noch nachdrücklicher der Abgeordnete Benz-Heibronn. Das Laddilchgebei. Von Bernharb ISoewenthaU. (30. Fortsetzung.) Es war dies das Besitzthuin Leon Wilds, welches dieser ans Pietät den verstorbenen Eikern gegenüber nicht veräußert, sondern nur der Gemeinde zur Verwaltung übergeben hatte. Der Rabbi wohnte in demselben Zimmer, in dem einst die todtkranke Rahel ihr Kind das „Kaddijchgebet" gelehrt hatte. Und wieder war es Frühling geworden mit Vogelfang und Lerchenwirbel, mit Zabel und Sonnenschein. Die Erde war aus ihrer starrsrosti.gen Rllhe erwacht und ein frischer Ooem stieg auf aus den Feldern. Es regte sich überall, und die verjüngte Sonne sandte ihre Strahlen lachend imb belebend auch in den kleinsten Winkel der schönen Gottesnatur. Ein neues Werden uud Hoffen ging durch die Welt und zog in manches Herz, das da gramgeveugr und zerrissen sich gern noch einmal emporrichten mochte, um neuem Leben und Lebensglück entgegen zu ziehen. Aehuliche Gedanken beschäftigten auch den jungen Mann, der da zurückgekehrt in dem Fonds eines einfachen Zweispänners aus der sandigen Chaussee dem kleinen Slädchen enlgegenfnhr. „Ob auch ihm noch das Glück lächeln würde? Ob auch er noch zufrieden nnd ruhig werden würde?" Es war kein anderer als Leo Wild, der nach langer, langer Zeit kam, um die Gräber feiner Lieben zu besuchen und dem diese Fragen jetzt, indem er sich mehr und mehr den Stätten felner sorglosen Kindheit näherte, tief im Herzen ausstiegen. Warum konnte er noch immer nicht vergessen? weshalb haderte er noch immer mit Gott und den Menschen? In fernen, fremden Landern hatte er jahrelange den Frieden seiner Seele, die Ruhe senies Herzens gesucht. Sein Antlitz war gebränmt, sein Bart voller und seine Gestalt höher nnd männlicher geworden, aber in seinem Janerm war er derselbe geblieben. Vergessen halte er nicht gesunden. Jetzt kam er, um seine Pflicht zu erfüllen, wie der I ibe sagt, um auf „Kewer owaus" zu gehen. Eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, dass er hier, an der Stätte „des Lebens" auch sein Leben neu bagin^n würde. Wie durch einen Rebel sah er plötzlich die Staat vor sich liegen, nnd Alles kam ihm so bekannt vor. Er ließ den Wagen halten, um das Stückchen Weg bis zu den ersten Häusern zu Fuß zurückzulegeu. Als er au einem kleinen Hänschen vorüberkam und die blanken Fensterscheiben desselben im Frühlingsschein ihm so eutgegenlenchteten, da blieb er einen Augenblick sinnend stehew. Es kam ihm Alles so bekannt vor und doch so weit, weit zurückliegend in seiner Erinnerung. Wie unter der Etnwtrkung einer höheren Macht öffnete er die Thür des Borgäctcheus, ein Greis bog um die Ecke des Hauses und trat aus ihn zu. „Schulanm alechem", „Friede sei mit dir", klang es dem Träumer entgegen, mit einer Stimme gesprochen, die ans dem Jenseits weich herüber zu tönen schien und sich tief in Leons Herz schlich. „Friede sei mit Dir!" Gibt es einen schöneren Gruß für eine Seele, wie diejenige des Ankömmlings war? Einer plötzlichen Eingebung folgend ergriff Leon die Hand des Alten. „Ich danke Ihnen, alter Mann, ich danke Ihne» V* und dabei standen ihm die Thranen in den Angeu. (Fortsetzung folgt.)

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