Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 30 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Dass auch der „Central-Vereiii deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" nach seiner ganzen Gestaltung, seiner Zusammensetzung und nach den Zielen und Zwecken, denen zu dienen er vorzugsweise berufen ist, nicht die Ausgabe einer Gesammtvertetnng der deutschen Juden übernehmen kann, braucht wohl nicht erst ausführlich erwiesen zu werden. Es bleiben nur noch einige minder wichtige Bedenken übrig, die in einzelnen Antworten ans die Enquete erhoben wurden. Die Befürchtung, der von Seiten einer Großgemeinoe Ausdruck gegeben wurde, dass .es sich hierbei um eine neue Auflage des „Jndentags" handle, widerlegt sich durch die bestimmte Erklärung des Ausschusses von selbst. Der Wunsch, der von einem freisinnigen Rabbiner ausgesprochen wurde, dass nichts als innere Mission auf religiöser Grundlage getrieben werden möge, ist gewiss ein frommer und beherzigenswerther, aber erliegt außerhalb des Bereiches einer solchen Organisation. Für diesen Zweck müssen andere Institutionen geschaffen, oder bereits bestehende erweitert werden, denn hier käme die Gesammtorganisation in der Thal auf den Weg, den die süddeutsche Orthodoxie befürchten und den die Urheber des Vorschlags durchaus vermeiden wollen. Ebenso unausführbar ist der tum einem orthodoxen Rabbiner ansgedrückte Wunsch, dass die Organisation sich „satzungsgemäß auf den Boden des Religionsgesetzes stellen müsse". Auch das kann leider nicht erfüllt werden, weil die Organisation nur dann ihre Aufgabe lösen ckann, wenn sie über allen Parteien allein auf dem Boden des geschichtlichen Indenthums stehen bleibt und von da aus ihre Wirksamkeit entfaltet. Einige kleinere Gemeinden haben materielle Bedenken erhoben. Aber auch diese sind hinfällig. Denn je größer die Zahl der angeschlossenen Gemeinden und Vereine, um so geringer werden die Kosten der Organisation sein. Kleinere Gemeinden müssten sich alsdann vereinigen und die ans sie entfallenden Beiträge gemeinsam entrichten. Wir kommen nun zu der Frage, wie die Organisation sich gestalten soll? Dies muß natürlich dem freien Willen der Gemeinden überlassen bleiben, den sie durch ihre Delegierten zum bestimmten Ausdruck bringen können. Nur in einer mündlichen Besprechung aller Delegierten kann ein endgiltiger Plan festgesetzt werden. Von verschiedenen Seiten, von Rabbinern und Gemeinden, auch von einem hervorragenden jüdischen Abgeordneten ist es ausgesprochen worden, dass die Schaffung einer Gesammtorganisation erst dann beschlossen weisen könne, wen» die Grundzüge für eine solche seststehen. Vielleicht haben die bisherigen Vorschläge ans diesem Grunde zu einem positiven Ergebnis noch nicht geführt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Zustimmungserklärungen aus Grund eines bestimmten Plans, der die Gewähr für eine ersprießliche Thüligkeit bieten würde, noch viel reichlicher ausgefallen wären. Man war hier und da der Meinung, dass man nicht getrennt abstimmen könne über die Frage, ob eine Gesammtorganisation zu schaffen sei, und über die Frage, in welcher Weise sie in's Leben treten und ihre Wirksamkeit üben solle. Der Ausschuss hat sich dieser Ansicht nicht anzuichließen vermocht; sie war auch nicht durchzusühren, denn der Ausschuss hatte nicht den Auftrag, einen Entwurf von Satzungen vorzulegen. Dieser sollte und konnte vielmehr erst das Ergebnis der vom Vertretern aller, oder wenigstens der meisten israelitischen Gemeinden Deutschlands geäußerten Ansichten seien. Nur aus Grund dieser Willensmeinungen der Mehrheit aller deutschen Gemeinden kann der Ausschuss, wie er bereits in seinem Rundschreiben vom Februar d I. ausgesprochen hat, eine Versammlung einbernseu, die einen deftnitiven Plan feststellen und eventuell die Ausführung desselben herbeiführen kann. Nachdem nunmehr eine große Anzahl von Gemeinden prinzipiell die Schaffung einer Gesammtorganisation befürwortet haben, werden diese ersucht wekden, zu einer Versammlung, die den Plan und die Satzungen einer solchen Organisation bestimmen soll je einen Delegierten zu entsenden. Auf diesem Wege allein kann das Werk gelingen und wird es zu Stande kommen. Dies wird der Fall sein, weil es zu Stande kommen muß, iveil unsere Verhältniße mit innerer Raturnothwendigkeit auf eine solche Gesammtorganisation hindrängen Tief gehen die Schäden, an denen unser Gemeindeleben leidet, schwer lastet die Sorge um die Zukunft des deutschen Zudenthums auf Allen, die es mit dem Vät erglanben ernst meinen; immer weitere Kreise ziehen die Treulosigkeit und der Abfall vom Judenthum, immer verhängnisvoller wird der Jndifferentismus, die Muthlosigkeit, die Verzweiflung, die so viele unserer Glaubensgenossen erfasst hat. Hier gilt es Abhilfe zu schaffen! Gegenüber allen Angriffen und Verdächtigungen, gegenüber allen Versuchen, unsere staatsbürgerlichen Rechte zu schmälern, gegenüber dem Hass von Außen und dem Abfall im Innern muß eine Institution ge. schaffen werden, die alle Kräfte in einmüthigem Wirken zusam»