Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 29 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Kesterr.-ungar. Canloren-Zeilung. *t. 29. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Die Entwicklung der synagogalen Liturgie bis nach der Reformatio» - des 19. Jahrhunderts. Von P. M i n k o w s k y, Obercantor der Brodyer Gemeinde zu Odessa. XI. Seit damals kam die jüdische Liturgie mit Wort und Ton unter die Bormundschaft der Gesetzeslehrer und hörte auf, ein Wurfspiel der Könige oder der flachen Priester zu sein. Fern von der Schwärmerei und dem metaphorischen Stil der Propheten des ersten Tempels, die infolge ihrer allzu schwungvollen Form vom Volke nie verstanven werden konnten, verstanden es die Sopherim durch einen nüchternen und absolut didaktischen Ton die Zügel der Verwaltung an sich zu nehmen und ihren Academien Rang und die höchste religiöse, nationale und legislative Macht zu verschaffen. Es wurden nicht nur die Gebete für den hohen Priester auf das genaueste präcisirt, sondern jeder Melodie, jeder orchestralen Piece, wie auch jedem Instrumente wyrde die rigoroseste Aufmerksamkeit zugewendei. So haue jedes Instrument eine gesetzliche Form*) und diente einem speziellen Gottesdienste^); die Instrumente wurden in drei Gattungen eingetheilt. um bei verschiedenen Gelegenheiten entweder isolirt oder zusammengepaarl heilige Funktionen auszunbenI; die Zahl der Säuger und Spieler war für jede liturgische Aufführung normirtI und auch ein bestimmter Platz für das Chorper sonal und das Orchesterim Tempel bestimmt, das nach Flavins') „Postophoria" und nach dem Talmuds "Vflön iva„ genannt wurde. Nicht nur heidnische Gesänge, sondern auch ihre Instrumente waren streng verboten,") auch wurde das Material für jedes eiuzelue Instrument a priori bestimmt^) und jedes Opfer war voll einem anderen Instrumente oder einer anderen Gruppe voll Instrumenten .begleitet"). Jeden Tag gaben die ~ Trompeten 21 Signale und am Freitag wurden noch 6 hinzugefügt?«) Wie wir also sehen, herrschte auch in dem musikalischen Dheile der Liturgie unter der fortgesetzten Aufsicht der Sopherim eine eiserne Disciplin, und jede Abweichung von derselhen wurde als ein Vergehen gegen die Religion betrachtet. Jede acceptirte Davidische Cousonanz war als eine ntty nvtv und jede Dissonanz als rr&yn ab angesehen, und die mindeste Alteration der musikalischen Tradition galt mehr als religiöse Sünde denn als musikalische Ignoranz oder Prosanation. Die Früchte der ersten Siege Juda Makkabi's waren die Herstellung der alten Davidischen Liturgie in Wort und Ton, in Sang und Klang mid dieselbe Gruppirung der Säl.-ger und Instrumente, alles ("tn Auch die Herodianer, die römischen Höflinge, die die Luft Jerusalems mit römischem Schmutz verpesteten, die den Volksgesaug, durch Theater, Circus und allerlei athletische Spiele^) verunstaltet hatten, wagten es nicht, ihre römischen Gelüste in den Tempel hinein zu tragen. Mit der Abnahme der nationalen Autonomie nahm das Religiöse zrr. Das Volkslied, das immer mehr und mehr römisch geworderr war, wurde abermals, wie einst, geachtet, das Tempellied dagegen streng davidisch. Tempel und davidische Liturgie blieben treu ihrer Miffion, bis der letzte Zelote umgebracht und der Tempel eiugeäschert worden war. Mit dem Untergänge des zweiten Tempels sind gleich darauf Judenthum und Heideuthum in die Kirche eingezogen, und mit ihnen auch ihre Gesäuge. Wie tief der davidische Gesang sich in der Kirche befestigt hat, haben wir schon früher genügend besprochen. Hieronymus und Clemens von Alexandrien bestätigen, dass die Psalmen Davids sammt den Melodien während der ersten Jahrhunderte immer vorgetragen wurden^), . und erst später haben die Kirchenväter, als sie die Einheit der ' Kirche bedroht sahen, den oantus Romanus eingeführt. Nun drängt sich die Frage auf: Was konnte die Juden /veranlasst habe», ihr einziges heiliges Capital, den einzigen Nachlass ihrer glorreichen Vergangenheit, den sie ins Exil uritneymen konnten, so plötzlich umzutauschen? Schon während der Epoche der zweiten Ordnung, undvielleicht noch eine kleine Zeit vorher, bemerken wir den arabischen Einflnss in der Entwicklung des allgemeinen geistigen Lebens der Juden. Philosophie, Astronomie^ Poesie und Musik dieser Epoche wurden fast ohne Ausnahme von der arabischen Cultur inspirirt. Dieser Einfluss machte sich zunächst im häuslichen Leben"), in den profanen Wissenschaften, nachher in der Theologie und zuletzt in der Liturgie, in der synagogalen Poesie sowohl als auch in der Musik, geltend. Der akrostisch-änigmatische Stil^ der bei den Inden bis dahin unbekannt war, bei den Arabern jedoch sich der größten Popularität erfreute, wurde zuerst durch Janai und Kalir und nachher von einer ganzen Plejade von Peitanim in die neue synagogale Litteratur eingeführt. Wie schon früher erwähnt, wurden auch von verschiedenen Parteien aus differirenden Ursachen viele Proteste gegen den neuen Stil erhoben, jedoch fehlte bei allen der bittere Stachel, den ihre Vorfahren gegen das Griechische nnd Römische so oft an kn Tag legten. Diese indirecte Toleranz..seitens der Juden gegen den arabischen Einfluss ist dadurch erklärlich, dass das Judenthnm im Moslemismus nie jenen scharfen Contrast des Heiden- und- Christenthnmes gefunderr hat. Nachdem die Mutterreligion soviele Krällknngen von der ersten Tochterreligion ausgestanden hatte, sahen die Juden im Islam, wenn auch nicht das ideale treue Kind der Mutter, so doch den Antagonisten der capriciösen älteren Tochter, der indirect zum Wähle der Mutter dienen muß. In dem heißen Kampfe zwischen Kreuz und Halbmond konnte das Judenthnm ein wenig Ruhe genießen. Das alte Testament, das vom Evangelium so sehr in den Hintergrund gedrängt worden war^), wurde im Koran — zwar durch phantastische Verzierung, die dem Orientalen und besonders dem Araber eigen ist — aufs Neue belebt und regenerirt. Der Koran mit seinen märchenhaften Phantasien hat sich dem Judenrhum freundlicher als das Evangelium mit seinen schönen und abstrakten Idealen gezeigt. Und darum ist. die rabbinische Opposition gegen den arabischen Einfluss in der synagogalen. Poesie und Musik weder so herb noch überhaupt einstimmig gewesen. Auch war der Charakter der arabischen Musik, die von Muhamed gänzlich verboten und erst späterhin von den Khalifen unter gewissen Bedingungen erlaubt worden war^, der jüdischen Musik homogen. „Nur unsittlich wirkende Musik verbietet der Prophet", meinten die haarfein unterscheidenden Commentatoren und Ausleger des Alkoran?I Damit wurde der islamitischen Musik, mehr oder weniger ein ethischer Zwecks ähnlich der jüdischen Musik, beigelegt. Wie Jahve in der Synagoge, so wurde auch Allah in der Kaaba als einziger Gott augebetet, und mehr wie unter anderen verwandten Völkern dokumeutirte sich die semitische Abstammung der Juden und Araber in ihrer geistigen und besonders musikalischen Thätigkeit untereinander. (Fortsetzung folgt.) 1) Traktat Erohin S. X auch Traktat Tomid Cap. DI. 2) Bikkurim Mischna VI. Cap. HI. auch Traktat Tomid Cap. VH. 3) Maimonides Mischne Tora hilchoth Klei-Hamikdosoh, auch Traktat Kethuboth S. 46. Mesecheth S’mochoth Cap. XIV. 4) Chrvnika II. Cap. V., auch Joseph»^ Flavius. Anti^nisie» ok tbo jews bock VIII. Cap. III. 8. 5) Flavius Josephus. Gesch. des jüd. Krieg, Theil II. Cap. 9, S. 68. 6) Traktat Tomid. Cap. I. Traktat Juma ©v. 19. 7) Traktat Chulin S. 89.) 8) Traktat Minochoth, S. 28. Aboda Sara S. 47. Kinim Cap. DL 9) Chronika II. Cap. 29. 10) Maimonides Mischne Tora. Hilchoth Eiei Hamikdosch. U) Makkab, Cap. IV. .. - 12) Traktat Aboda Sara S. 18. 13) Swoboda, Jllustrirte Musikgeschichte Bd. I. S. 175. 14) Jewish life of tbe middle ages p. 439 by Abrahams, London. Siehe auch 10112 nun von Salomon Alaun (im XIV. Jahrh.) ib) Lessing Theologische Schriften. S. 211. 16) Ambros, Geschichte der Musik, Bd.. I. S. 83, 84. ..... 17) Das Buch des Gesanges und des Nichterlaubtseins desselben^ von Richter Ebut-Taib Ahmed ben Abdallah el Taberi. i,"