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Die Wahrheit · 1902-07-25 · Heft 29 (25.7.1902) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 29 (25.7.1902)
Date
1902-07-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Oie Wahrheit. Leite 7. Nr. 29 einem neuen Lichte, wenn erwogen, wird, dass wir hier mitten in die Strömungen -uns versetzt sehen, welche die eben emporkommende neue Religion der Christenthums in dem jüdischen Volke hervorgedrängt hatte.*) > Die Absicht, das Gefüge des Mosaischen Gesetzes aus j dem Leben des Volkes auszuschalten, trat hierbei von Anbeginn an zwar noch nicht offenkundig zu Tage, aber die Tendenz, dasselbe einem allmähligen Auflösungsprozesse zuzuführen, lag ihnen unverkennbar zu Grunde. So berichtet Math. XII, 1 ff., wie j die Jünger am Sahbat Aehren äusraufte», Marc. VII, 1 ff., | wie. sich dieselben über die Verordnung der Weisen, vor dem! Essen die Hände zu waschen —eine Anordnung, auf welche das! .Judenthum wirklich stolz zu sein alle Ursache hat — hinweg- I letzten und sowohl dies und Aehnliches einer höchst abfälligen Kritik unterzogen. Damit im^Einklänge steht es, wenn im! Gegensätze zu allem, was durch die Geschichte erhärtet ist, Luc. j X,: 25—37, die Samaritaner als die Vorbilder edler Fröm- > migkeit hingestellt und sie als'die wahren Gottesverehrer gefeiert j werden. (Vergl.' noch Joh. IV, l bis 25.) Ja noch mehr,! selbst die Zöllner, die doch das denkbar unappetitlichste Gewerbe! trieben und durch ihre gewerbsmäßigen Erpressungen das Volk l geradezu bis aut den letzten Blutstropfen aussogen, tverden ^Luc: XVIII, 9—14) den Pharisäern gegenüber als ein j leuchtendes Mnfter hingestellt!! So etwas wäre heutigen Tages; in keinem Volke der Welt möglich, — geschweige denn gar, dass j es die Selbstverle.lgttUttg besäße, es ruhig über sich ergehen zu lassen., j : Bei einem Volke, nnä welchem ein Hillel hervorging und? auf solche Weise ausschließlich durch die Macht seiner moralischen! Persönlichkeit glänzend Schule machen konnte, kann man keines-! falls von einem moralischeil Nothstande, geschweige gar von I einer diesfälligen Verkommenheit reden. Hillel und sein Anhang, Tn j'nw (Etub. 13 b), die in ihrer Langmuth und in! ihrer durch nichts zu erschütternden Duldsamkeit entschieden zu! weit gingen, sie wollten nichts als Frieden — den Frieden um jeden Preis. Persönlich genommen, mögell dies ja die schönsten j Tugenden sein. Unter friedlichen und gesicherten Zustäilden wird j man im gewöhnlichen Haushalte des Lebens damit jedenfalls! am weitesten kommen. — Wenn aber, wie dies damals im j Judenthum der Fall war, das Volk unter die scharfe Klaue des! Nömers gerathen, der es unbarmherzig zerfleischte, wenn dann! noch innere Zerrüttungen hinzutreten, welche das letzte Band zu! sprengen suchen, dann konnte es leicht um dasselbe geschehen sein,! Es muß daher an dieser Stelle zur Steuer der Wahrheit! und behufs Beseitigung tiefwurzelnder Mißverständniße gesagt weiden : so sehr wir auch Hillel und seine Schüler verehren, weil sie im Judenthume die höchsten menschlichen Tugenden zur reinsten und reichsten Entfaltung gebracht tmd tief in das jüdische Polksbewusstsein eingepflanzt haben, — hätten sie damals in j Schammai und seinem Anhänge durch den ungestümen Eifer,? von dem diese getragen waren, nicht eine wohlthuende Ergänzung gefunden — wer weiß, ob nicht das Judenthum noch bevor der furchtbare Stoß von Seiten der Römer erfolgt war, untergegangen wäre! Hillel War ja mit den erhabensten menschlichen Tugenderr geziert, sein Fehler lag nur darin, dass er ihrer alle — im Uebermaß befass. (Fortsetzung folgt.)! Das Laddischgebrt. Bon Bernhard Loewenthak. (29. Fortsetzung.) Dr. Regun kam täglich zweimal und blieb oft stundenlang am Bette seines jungen Freundes. — „Wir müssen ihn durchbringeü!" sagte er oft tröstend zu Alice — „und dann, wenn er gesund ist, und der Frühling *) ES ist mir nicht entgangen, dass meine Auffassung mit der Chronologie »ich ganz übereinstimmt. Allein bei den großen Schwankungen, welche dieselbe in dieser Periode hüben und drüben zeigt, Können «ur sachliche Erwägungen für die Einreihung der Thatsachen maßgebend sein. kommt, dann muss er fort — —► fort von dem Leben hier — nach Italien — weiß ich, nur fort, weil, weit fort — in andere Verhältniße — zu anderen Menschen. — * * * Jahre sind vergangen. Die Zeit rollt ja dahin unaufhaltsam, unbekümmert um das Geschick des Einzelnen, unbehindert von den Vorgängen der Allgemeinheit, der Völker oder Massen. Sie schlägt Wunden, sie heilt, sie gebiert Großes und vernichtet noch Größeres. In dem kleinen Städtchen, in welchem Leon Wild feine erste Kindheit einst verlebt, hat sich nicht viel geändert. Seit zwanzig Jahren ist das Straßenpflaster dasselbe geblieben, immer noch so schlecht, wie es gewesen. Die Straßen ohne Trottoir sind ebenso schmal und die Menschen im Allgemeinen dort ebenso beschränkt und philiströs wie damals, und nichts, nicht einmal der Pstff einer D ampsmaschine oder eines Eisenbahnzuges stört die lieberr Schildbürger aus aus ihrer trägen Rahe. In der K'hille selbst allerdings ist es anders geworden, denn wenn alles auch am Alten hängen bleibt, so darf der Jude „selbst in der kleinen Stadt" sich doch den „Religionsresormen nicht verschließen". Mit neuen Ideen sind die Inden an's Ruder des Gemeindeschiffes gekommelt und die Alten sind gestorben oder haben sich resigniert über die vielen Neuerungeit vom öffentlichen Interesse zurückgezogen. Die neuen Einrichtungelt haben denn auch bald ihre Folgen gezeitigt. Seit „Reb Jankeff" der Bal-Tefillah durch einen zweiten Chasan ersetzt und „Reb Jekel,, seines Amtes als Schammes enthoben ist, kann mau au Wochentagen keilt Minjan mehr bekommen, und am Schabbes betet der neue Borbeter, Herr Emil Meyerstein, mit eiuev schönen Stimme, die ja die Frömmigkeit vollkommen ersetzt, sein Schacharith allein, und beim Altshebeu der Thora erst stellt sich die Gemeinde ein, um sich nach der zlveiteu >,Schemaune.Eßre" aber schleunigst wieder zu entfernen. „Eine andere Zeit, ein anderer Geist", sagte oft der greise Rabbi Elias Feith mit seiner schönen Stimme und strich dabei wie tröstend, über das goldblonde Haar seiner Enkelin, welche oft zu seinen Füßen saß und gerne den weisen Erzählungen des Großvaters lauschte. Es war ein merkwürdiger Kontrast, wenn mau den weißgelockten säst 80 jährigen Greis mit dem laugwallenden Bart und den tiefen Furchen in dem friedlichen Antlitz neben diesem lieblichen, kaum zwanzig Lenze zählenden Kinde alltäglich im kleinen Stadtwäldchen den gewöhnlichen Spaziergang machen sah. Die Geschichte des alten Rabbi kannte Niemand in der K'hille und nur gerüchtweise hieß es damals, als er vor 15 Jahren die Stelle als Seelsorger der Gemeinde antrat und ein kleines Mädchen nur mitbrachte, seine einzige Tochter hätte ihm vielen Gram bereitet und nichts wäre ihm von einem glücklichen Familienleben übrig geblieben, als nur die kleine Esther. Der Rabbi selbst war zu Jedem freundlich, hilfreich und gütig. Kein Armer ging hungrig von ihm, kein Leidender, gleich welcher Konfession, ungetröstet ans seinem Hause. Bald hatte die Achtung seiner Gemeinde für ihn sich in Liebe und Verehrung verwandelt, und trotzdem er es nicht'beansprnchte, wies man ihm, als er vor einem Jahr sein Amt des Alters wegen niederleae» musste, auf Gemeindekosten ei» niedliches Häuschen am Ende der Stadt als Wohnung für sich und seine Enkelin an. (Fortsetzung folgt.) Danksagung. Ausser Stande, für die zahlreichen Beileidskundgebungen, welche mir anlässlich des Ablebens meiner unvergesslichen Gattin zukamen, schriftlich und mündlich zu danken, sage ich auf diesem Wege Allen, die meinen Schmerz mit ihren Trostworten linderten, meinen besten Dank. .Wien, im Juli, 1902. Ober-Cantor Simon Dünmann.

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