Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 29 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063113-3063142--02022-3068663- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 29. Mn denn, wenn es noch eines Beweises bedarf, dass I solche Eltern mir dixser überschwenglichen Vorsicht und Fürj sorglichkeit dem crasseften Egoismus fröhnen und ihren Kindern j durch die Entfremdung von der Religion das schwerste Uni recht zusügen. dann hat ihn gerade die gegenwärtige fortschrittliche Zeit erbracht. Gibt es etwa unter den heutigen! Eulturvölkexn eine Coufession oder Religionsgenossenschaft, und! mag sie noch so fortschrittlich oder reformistisch gesinnt sein, bei der die Religion, der Glaube an Gott nicht die! Grundlage aller staatlichen, socialen und Familiengesetze bildet? Gibt es auf der großen Erdenrunde auch nur ein! einziges civilisirtes Völkchen, das nicht ein höheres, über alles Menschliche stehendes Wesen anerkennt, an eine Gottheit glaubt und sich auf Basis dieses Glaubens seine nationale Existenz- ' derechtigung zu sichern und zn erhalten strebt? Und da sollte das Judenthum, sollten die Bekenner des jüdischen Glaubens, denen die Gottheit zürnst: ami ato ascher becharticho, du; bist mein Volk, das ich mir erwählt und erkoren habe, jisroel «scher Vcho espoer, Israel, du bist mein Volk, dessen ich mich rühme; da sollten die Oberhäupter der jüdischen Familien ihre heilige Religion, dieses kostbare Kleinod, das ihre Ahnen am Sinai empfangen und Jahrtausende hindurch fest- und hochgehalten und mit ihrem Herzensblute verfochten und verj theidigt haben, als lästige Bürde, als überflüssigen Ballast! betrachten? Da sollten jüdische Eltern unter nichtigen Vor-! wänden, unter dem Scheine liebender Zärtlichkeit ihren jugendi licheu Kindern das Wenige und Dürftige, das ihnen in der 1 Schule von Religion, Glaubenstreue und göttlicher Liebe eingeprägt wird, aus dem Herzen reißen, weil sie es als eine zweck- und nutzlose Ueberbürdung, als ein den Geist und die Seele quälendes Martyrium hinstellen? Rein! Nie und nimmer darf mit der Religion ein solch frevelhaftes Spiel getrieben werden! Das wäre nicht mehr Egoismus und Glaubensindoleuz, nein, das hieße: Verrath üben an seiner eigenen Familie, au seinem eigenen Fleisch und Blut! Und darum. Ihr so „zärtlichen", ob der geistigen Ueberbürduug Eurer Kinder io „besorgten" Eltern, wenn Euch deren Wohl und Wehe wirklich nahe geht und am Herzen liegt, dann lastet Euch nicht von der falschen Theorie leiten, dass unter den mannigfachen Lehrgegenständen der Schule gerade die Religion der Gegenstand ist, der die körperliche und geistige - Entwicklung des jugendlichen Kindes hemmt und beeinträchtigt, sondern schöpfet aus der täglichen Erfahrung, aus einer so häufig zutage tretenden Erscheinung die Lehre, dass es jenen Schulkindern, die mit Fleiß und Eifer ihren Studien obliegen, auf diesen einen Gegenstand, der ja leider ohnehin in den öffentlichen Lehranstalten auf ein Minimum beschränkt ist, nicht ankommt, dass aber schwachköpstge oder pflichtvergessene Schüler selbst dann, wenn sie von der Religion suspendirt werden, in den anderen Gegenständen kaum durchdringen und die Reife erlangen würden. Und wenn jeuials der Schulauswcis Eurer Lieblinge, gleichwie in der Religion auch in den andern Lehrfächern jene ominöse Ziffer aufweist, die einen s chlechten Fortgang bedeutet, dann folgert daraus die Moral, dass ein Gebäude, das nicht auf festem Untergrund gebaut ist, für die Dauer niemals den Unbilden der Zeit Widerstand leisten kann. Reschis chochmo jiras Adonaj, Religion und Gottesfurcht find der Untergrund aller Wissenschaften, der Glauben ist gleichsam das Fundament aller Kenntniße, auf dem das jugendlich geistige Gebäude aufgebaut sein muss, wenn es dereinst den rauhen heftigen Stürmen des Lebens Trotz bieten und befestigt und unversehrt sich erhalten soll. Daniel Skutezky. Die Gesamnitorganisation der deutschen Luden. ii. Je mehr man den einzelnen Punkten der Darstellung, Eobeu's zustimmeu muß, desto weniger wird man begreifen könne«, dass er sich gegen eine Gesammtorganisatiou ausspricht. Der Standpunkt, von welchem er zur Ablehnung gelangt, mag erhaben und ideal sein. Er ist aber dem praktischen Leben so abgewandt, dass wohl nicht Biele dem tiefen Denker aus diese einsame Höhe werden folgen können. Die Befürchtung, dass wir den Eifer der'„Rechtspartei" für unsere Sache abschwächen könntest, werden heute wohl nur noch Wenige theilen. Die Erfahrungen des letzten Jahrzehnts haben uns^ines Besseren darüber belehrt. Zu Beginn der antisemitischen Bewegung hörte man ja sehr oft, -dass die Bekämpfung der gegeil uns gerichteten B estrebnngen nicht unsere, sondern Sache der liberalen Parteien sei, aber ein Rückblick auf das, was in den letzten zehn Jahren geschehen ist, und auf die Art und Weise, wie sich die Dinge in den Parlamenten und außerhalb derselben abgespielt haben, dürste wohl auch die entschiedensten Verfechter dieser Idee gründlich kurirt haben. Dass wir einen Staat im Staate oder eine besondere politische Partei bilden wollen, haben wir stets mit Nachdruck abgelehnt; wir wollen uns nicht zu einer politischen Einheit organisiren, oder wir können nicht mit Cohen behaupten dass in der Jetztzeit uns nichts als die Religion verbindet, und dass wir alle Kräfte nur für dieses eine Ziel zusammenfassen, müssen. Zustimmenmag man ihm, wenn er die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen hoch stellt. Gewiss muß der Einzelne auf seinem Posten seine Begeisterung in den Kampf für das Recht der Glaubensgenossen stellen. Aber was vermag der Einzelne selbst bei aller Kraft und allem Ernste gegenüber den Gefahren, die uns bedrohen, den Angriffen, die gegen uns erhoben, den Schäden, die uns zugefügt werden! Es bedarf der Zusammenfassung aller Kräfte des Judenthmns; sie wird keineswegs das Gefühl der persönlichen Verantwortlichkeit abschwächen, sondern es stärken und heben! Tiefe und wahre Worte spricht Cohen über die Emaucipation der Juden aus, die erst dann eine völlige sein werde, wenn die Gleichberechtigung der jüdischen Wissenschaft erfolgt fet. Aber gerade dieser Gedanke kann in uns nur die Ueberzeugnng von der Nothwendigkeit einer solchen Organisation befestigen: „Also nicht Zuspitzung auf das Eine Ziel der Politik darf die Tendenz unserer Organisation werden, sondern vielmehr besonnene Berechnung und Heranziehung unserer socialen Kräfte". Mehr haben aber auch diejenigen nicht gewollt, die die Idee der Gesammtorganisation angeregt haben; mehr will auch der Ausschuss nicht, der die Ausführung der Idee in die Wege zu leiten unternommen hat. Auch der Einwurs, dass sich die Gemeinden dadurch freiwillig eine Autorität setzen würden, der die einzige berechtigte Grundlage einer Autorität in religiösen Dingen fehlt, erscheint bei näherer Betrachtung hinfällig. Die Autorität der Organisation liegt eben in der freien Wahl der Gemeinde, und die Konkurrenz der gewählten mit den idealen Autoritäten würde, dadurch schon ausgeschlossen sein, dass diese mit jenen nothwendig zusammenfallen würden. Also keine politische Organisation, sondern nur eine solche, welche im höchsten Sinne die Aufgaben löst, die Cohen in seinem- Gutachten, das von tiefer geschichtlicher Einsicht in das Wesen des Judenthums zeugt, einer solchen Organisation zuweist. Eine Verständigung nach dieser Richtung erscheint sehr wohl möglich; handelt es sich doch um das Urtheil eines Mannes, das vor Allem von durchaus wohlwollender Gesinnung für die Sache selbst eingegeben ist. Leider kann mau nicht dasselbe von dem Sendschreiben sagen, mit dem der Vorstand der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judenthums" in Frcknksurt a. M. die Idee der Gesammtorgauisarion „beleuchtet" hat. Der Thatsache gegenüber, dass eine ganze Reihe hervorragender und streng orthodoxer Rabbiner in allen Provinzen des Reiches und ebenso eine ganze Anzahl streng orthodoxer Gemeinden dem Vorschlag der Gesammtorganisatiou im Princip zugestimmt, ja sogar ausdrücklich ihren Beitritt nur für den Fall erklärt haben, dass religiöse und cultuelle Fragen für alle Zeit von der Gesammtorganisation ausgeschlossen wurden, hat das Sendschreiben der süddeutschen Orthodoxie nur symptomatische Bedeutung. Aber auch selbst diese erscheint in einem eigenthümlichen Lichte, wenn man die