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Die Wahrheit · 1902-07-25 · Heft 29 (25.7.1902) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 29 (25.7.1902)
Date
1902-07-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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So oft ein Schuljahr zu Ende geht und die Studiencampagne ihren Abschluss findet, gibt sich in jenen Fa»nilien, die mit schulbesuchenden Sprösslingen gesegnet sind, eine gewisse lebhafte Bewegung kund, und es herrscht eine erwartungsvolle Stimmung, die sich mit jedem Tage steigert und mit jedem Tage spannender und zugespitzter wird. Handelt es sich doch darum, ob die jugendlichen Frequentanten der Schule, dic dereinstigen Nameusträger und Vertreter der Familie, in welche man die schönsten Hoffnungen setzt, ihre Examina mit Erfolg überstanden, die ersten Proben ihrer geistigen Entwicklung tadellos abgelegt und die Vorstation, die zu ihrem künftigen Lebensberuf führt, glimpflich überschritten haben. Ist aber einmal der Monat Juli, der Schuljugend eigentlicher Wonnemonat, ins Land gezogen, der Schulschluss feierlich angekündigt und das oorxag delicti, der von den Jüngern der Wissenschaft theils so sehr ersehnte, theils so sehr gefürchtete Schulausweis in die Hände der Eltern und Familienoberhäupter gelangt, dann hat die erregte Stimmung ihren Höhepunkt erreicht, dann kann mau in der Familie frohe und heitere, finstere und tiefernste Gesichter sehen und in denselben die verschiedenen in Erfüllung gegangenen Erwartungen und Wünsche, aber auch zerstörte Hoffnungen und bittere Enttäuschungen abgespiegelt finden, und so manches Vater- oder Mutterherz, das in seiner unbegrenzten Zärtlichkeit und Voreingenommenheit die größten Hoffnungen an den Studienfortgang seines Lieblings knüpfte und mit zäher Gewissheit auf dessen Aufstieg in die höhere Classe. oder auf dessen Uebertritt in die höhere Schule rechnete, sieht sich gleich nach .dem ersten Blick in das Notencertificat bitte enttäuscht, ja seines Glückes, und Stolzes, einen genialen Sprössling, einen vielversprechenden Nachfolger zu besitzen, förmlich beraubt und verkürzt. Und wenn nicht die trübselige, oft völlig zerstörte Gemüthstimmung des Durchgefallenen Mitleid erregen und die Besorgnis erwecken würde, dass derselbe — wie dies bei der heutigen Jugend Mode ist — einen verzweifelten Schritt thun .könnte, wahrlich es ginge so manch einem dieser Fiaskohelden cherzlich schlecht, und die ihur ertheilte, nichl selten so wohlverdiente elterliche Rüge oder Züchtigung würdenur eine heilsame Wirkung ausüben und sicherlich die erwünschte Wandlung zum Besseren herbeiführen. Was aber bei solch schlechten, mit den üblichen Vierern und Fünfern reichlich ausgestatteten Schulausweisen merkwürdig erscheint, das ist der Umstand, dass so viele, ja leider die meisten Eltern nur den profanen Lehrgegenständen, falls dieselben ein negatives Ergebnis oder eine ungünstige Note aufweisen, ihr ganzes Augenmerk züwenden, während sie dem Gegenstand: Religion, der ja doch den Grundzug der Erziehung und Bildung in sich birgt und nicht umsonst den ersten Platz im Ausweise einnimmt, wenig oder fast gar kein Gewicht beilegen. Wie wird da gewettert und gezetert, welch' harte Vorwürfe treffen den auf der Bahn der Wissenschaft so frühzeitig Entgleisten und welch' drohendes Gewitter zieht sich über seinem Haupte zusammen, wenn er in der Mathematik oder Geographie, im Latein, Griechisch oder Französisch eine schlechte Note erhalten und durchgef.llen ist! Wenn aber in der Rubrik: Religion in grellen, fetten Lettern ein „kaum genügend" prangt, da wird diesem Belastungszeugen keine Bedeutung beigemessen, ja über denselben gleichgültig und apathisch hinweggegangen. Für alle Fächer, in denen das Kind, sei es infolge schwachen Auffassungsvermögens, sei es infolge jugendlichen Leichtsinns, zurückgeblieben ist, hat der gestrenge Barer, die fürsorgliche Mutter harte Worte des Tadels und der Zurechtweisung, für die Lehren der Religion hingegen, die ja doch das Herz des jugendlichen Kindes nur edeln und verfeinern, die die so empfängliche Kindesseele in den Glauben an die Allmacht und die Allgüte Gottes einführen und die dem später zur Selbständigkeit Herangewachsenen eine Zuflucht und eine Stütze in allen Wechselfällen des Lebens bieten sollen, für dieses Fach, das der „hoffnungsvolle" Sprössling gleichwie alle anderen vernachlässigt hat» haben die Getteuen kein ernstes Wort, keinen Ausdruck des Tadels und kein Zeichen der Mißbilligung. „Lft ja doch das Kind ohnehin durch das Studium der mannigfachen Unterrichtsgegenstände über Hals und Kopf angestrengt und so sehr in Anspruch genommen, wozu es noch mit der Last des zwecklosen Religionsunterrichtes überbürden und abquälen?" X hören wir manche Eltern frank und frei, ohne Scheu und Rückhalt ausrufen, und dabei haben sie sich im Stillen längst mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass es am besten wäre, wenn die Religion ganz und völlig, je eher je lieber aus der Schule verschwinden würde.

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